»Wir waren Rebellen«, sagt Günter Berlin beim Blick auf das alte Foto, das fünf junge Männer in langen Mänteln zeigt. Er spricht von den fünf Freunden, die im Frühjahr 1942 an der Lutherschule in Hannover Abitur gemacht haben. Drei der Freunde leben nicht mehr. Doch Ernst Leonhardt ist noch da. Mit ihm trifft sich Günter Berlin noch immer regelmäßig. Im vergangenen September feierten sie je ihren 93. Geburtstag. Seit ihrer Einschulung Ostern 1930 sind die beiden befreundet.

Schon die Väter waren befreundet

»Bei dem alten Nolte haben wir viel gelernt«, sagen Leonhardt und Berlin übereinstimmend. Die Zeit in der Bürgerschule Alemannstraße und vor allem bei dem Grundschullehrer haben sie in bester Erinnerung, auch wenn er den Schülern schon mal mit dem Lineal auf die Finger schlug. »Er hat mit uns immer viel unternommen«, loben die beiden. Ausflüge und Radtouren waren damals noch nicht üblich, der »alte Nolte« war also schon etwas Besonderes. »Er hat uns sogar immer zu seinen Geburtstagen eingeladen, nach Hause, zu Muckefuck und Kuchen«, staunt Günter Berlin noch heute.

Er und Ernst Leonhardt wohnten damals beide in der Halkettstraße in Hannover, »direkt gegenüber«, sagt Ernst Leonhardt. Die Väter waren befreundet, sie waren beide bis zum Ersten Weltkrieg Königs-Ulanen des hannoverschen Garderegiments. »Ja, und dein Vater hat sogar noch unter den Nazis immer die schwarz-weiß-rote Fahne der Kaisertreuen aus dem Fenster gehängt, wenn eigentlich die Hakenkreuzfahne geflaggt werden sollte«, erinnert sich Günter Berlin.

Klassenfoto mit Ernst Leonhardt und Günter Berlin
Erste Klasse Grundschule: Die beiden Freunde kann man am Matrosenhemd erkennen: Ernst Leonhardt (2. Reihe von oben ganz links), Günter Berlin (2. Reihe von oben,
3. von links).

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Protest am Gymnasium schweißte zusammen

Die beiden Jungen wurden auch nicht getrennt, als es zum Gymnasium ging. »Wir mussten keine Aufnahmeprüfung machen, weil wir beide gute Schüler waren«, berichtet Günter Berlin. Und dennoch habe seine Mutter noch mal beim Lehrer nachgefragt, ob denn ihr Sohn Ernst gut genug für eine höhere Schule sei, amüsiert sich Ernst Leonhardt. Die Jahre im Gymnasium brachten die beiden Jungen enger zusammen.

Und es stießen noch drei dazu: Karl-Heinz Cordes, Walter Göing und Karl-Heinz Sukowski. »Wir waren die Opposition in der Klasse«, erinnert sich Günter Berlin. Der Protest habe sich aber immer nur auf die Inhalte des Unterrichts bezogen, denn »Streiche à la Feuerzangenbowle« waren damals nicht angesagt. »Es waren einfach nicht die Zeiten dafür und die Lehrer – kriegsbedingt – sehr alt«, betont Ernst Leonhardt.

Gemeinsame Zeit an der Tanzschule

Die Freundschaft zwischen Ernst und Günter bekam auch keine Risse, als die Familie Berlin wegzog – nur ein paar Kilometer weiter, aber immerhin vor die Stadt. Zunächst hatten beide Familien darüber nachgedacht, das Doppelhaus in Vinnhorst gemeinsam zu bauen, doch dann schien den Leonhardts der Weg zum Arbeitsplatz des Vaters im Rathaus zu weit. »Deshalb waren wir auch in verschiedenen Gruppen der Hitlerjugend«, sagt Günter Berlin. Der Freundschaft hat das nicht geschadet. Die Schule brachte die Jungen immer wieder zusammen. »Wir mussten auch auf dem Dachboden nächtelang Brandwachen halten«, erzählt Günter Berlin.

Ein Jahr früher als seine Freunde besuchte Ernst Leonhardt die Tanzschule. Doch weil er so gut tanzen konnte und junge Männer Mangelware waren, fragte der Tanzlehrer seine Eltern, ob er nicht auch im nächsten Kursus Anfängerinnen auf die Tanzfläche geleiten könne, selbstverständlich kostenlos. Und so waren die Freunde auch dabei wieder vereint. In der Tanzstunde lernte Ernst Leonhardt auch seine spätere Frau Ingeborg Müllerke kennen.

Ernst Leonhardt und Günter Berlin als Abiturienten 1942
Im Trenchcoat: Ernst Leonhardt (links) und Günter Berlin (rechts) 1942 als Abiturienten (in der Mitte ein Klassenkamerad).

Der Krieg trennte die Freunde

Erst der Krieg brachte die Freunde für eine Zeit auseinander. »Sechs Jahre lang haben wir uns nicht gesehen, nur bei gelegentlichen Heimatbesuchen haben wir jeweils bei den Eltern des anderen nachgefragt, wie es denn dem Freund geht«, berichtet Gunter Berlin. Er kehrte schon kurz nach Kriegsende aus Belgien nach Hause, Ernst Leonhardt geriet als Kapitänleutnant der Marine in französische Gefangenschaft. Erst drei Jahre nach Kriegsende kam er - abgemagert, aber unversehrt - zurück. Immerhin: Seine Ingeborg hat auf ihn gewartet. »Das Glück hatte ich nicht«, setzt Günter Berlin hinzu. Aber auch er fand seine »richtige Liebe«, Inge, wenig später.

Auch nach dem Krieg verlief das Leben der beiden Freunde parallel. Beide hatten eigentlich Jura studieren wollen, doch nun galt es, zunächst das nackte Überleben zu sichern. »Ich wollte unbedingt einen Beruf mit Pension«, erinnert sich Günter Berlin. Eher durch einen Zufall kam er – nachdem er zunächst das zerstörte Haus seiner Eltern aufbauen musste – zur Landesversicherungsanstalt, einer Rentenversicherung. Ernst Leonhardt hatte mit seinem Vater, der im Rathaus jahrzehntelang mehreren Oberbürgermeistern diente, einen Fürsprecher. Bis zu seiner Pensionierung machte er Karriere in der Liegenschaftsverwaltung der Stadt Hannover.

Kinder der Freunde spielten miteinander

Über die Jahrzehnte hinweg blieben die beiden Männer und ihre Familien miteinander befreundet. »Ich habe noch ein Bild von unseren spielenden Kindern auf dem Rasen hinter unserem Haus vor Augen«, sagt Günter Berlin. Vor zehn Jahren, etwa zur gleichen Zeit, starben die Ehefrauen der beiden Freunde. Und auch Karl-Heinz Cordes und Walter Göing sind vor einigen Jahren gestorben; Karl-Heinz Sukowski war schon früh den Folgen einer Kriegsverletzung erlegen.

Noch eines verbindet die beiden Freunde: Bis ins hohe Alter setzten sie sich aufs Trimmrad. Seit zwei Jahren kann Ernst Leonhardt das nicht mehr; und auch die gegenseitigen Besuche und gemeinsamen Kaffeenachmittage in der Stadt blieben aus. Doch Günter Berlin hält die Freundschaft mit regelmäßigen Besuchen im Wohnstift, in dem Ernst Leonhardt lebt, aufrecht. Dabei blättern die beiden gerne in alten Fotoalben ihrer Familien. Viele Fotos haben die Bombennächte nicht überstanden. Aber die Erinnerungen sind noch wach.

 

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