14.08.2018
Seelsorge

Militärpfarrer begleitet Soldaten im Ausland

Er selbst verweigerte den Dienst an der Waffe - heute begleitet Holm Haschker Soldaten bei ihren Auslandseinsätzen. Der evangelische Militärpfarrer ist das neue Gesicht in der Ostmark-Kaserne in Weiden.
 Militärpfarrer Holm Haschker
Militärpfarrer Holm Haschker

Der evangelische Militärpfarrer in Weiden, Holm Haschker, hat eine spannungsreiche Biografie: Er wuchs in der DDR auf. Den aktiven Wehrdienst an der Waffe bei der Nationalen Volksarmee (NVA) verweigerte der heute 52-Jährige aber und wurde stattdessen Bausoldat. Dabei handelte es sich um einen zivilen Wehrersatzdienst. Bausoldaten waren Angehörige einer der Baueinheiten der NVA. Das Regime betrachtete sie als Staatsfeinde. Sie hatten Nachteile bei der Ausbildung und im Beruf zu fürchten und waren Repressalien ausgesetzt. Trotzdem studierte Haschker später Theologie in Berlin. Zuletzt war er sieben Jahre als Pfarrer der evangelischen Landeskirche Anhalts in Coswig tätig - bis er vor sechs Monaten als Militärpfarrer nach Weiden wechselte. Er wird Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr in Weiden, Grafenwöhr und Hof seelsorgerlich begleiten und bereitet sich auch selbst auf einen Auslandseinsatz vor, vermutlich in Afghanistan.  

Herr Haschker, Sie haben vor sechs Monaten in Weiden in der Oberpfalz Ihren Dienst als Militärpfarrer angetreten. Was hat sich für Sie geändert?

Holm Haschker: Ich musste einige Lehrgänge absolvieren, zum Beispiel zur inneren Führung der Bundeswehr oder auch einen praktischen Kurs in Hammelburg. In der sogenannten Grünen Woche erfuhr ich, was Soldaten in ihrer Ausbildung zu leisten haben, wie Orientierungsfahrten, Hindernisparcours, Übernachten im Freien und ähnliches.

Sie selbst haben den Wehrdienst in der NVA verweigert. Bereitet es Ihnen da keine Probleme, für Menschen tätig zu sein, die ihren Dienst an der Waffe tun?

Haschker: Die NVA hatte eine andere Funktion als die Bundeswehr sie heute hat. Der Bundestag beschließt den Einsatz der Armee, das ist eine demokratische Geschichte. Die Bundeswehrsoldaten halten quasi den Kopf hin für uns Bürger und davon haben wir alle einen Nutzen. Sie müssen Entscheidungen treffen, die wir gar nicht treffen wollten und wo wir froh sind, dass es andere für uns machen. Kritisieren kann man relativ schnell, aber sich für die Landesverteidigung einzusetzen, ist nicht so einfach. Deshalb habe ich mir gedacht, auch für solche Menschen muss jemand da sein.

Halten Sie eine Korrektur des Bildes für notwendig, das unsere Gesellschaft von den Soldaten hat?

Haschker: Ein Soldat erzählte mir einmal, dass er, als er in Uniform war, einer Mutter helfen wollte, den Kinderwagen eine Treppe heraufzutragen. Da habe die Mutter zu ihm gesagt: "Nehmen Sie Ihre Mörderhände von meinem Kind." Ich denke, in der Gesellschaft bestehen abweisende Meinungen gegenüber Soldaten. Ich unterstütze ja nicht den Kriegsdienst. Das habe ich auch zu DDR-Zeiten nicht gemacht. Zum Beispiel sollte ich an einer Raketen-Abwehrstellung gegen die BRD mitbauen, etwa 30 Kilometer von der Grenze entfernt. Da habe ich meine Arbeit verweigert und musste auch für ein paar Tage in den Knast gehen. Aber selbst da habe ich Gotteserfahrungen erlebt.

Weil Sie den Dienst in der NVA verweigerten, durften Sie vorerst nicht studieren und haben eine Lehre als Konditor gemacht. Wie kann man sich das vorstellen?

Haschker: Als Berufsschüler in Berlin wurde ich während des Unterrichts in einen anderen Raum gebeten. Da saß ich einem Politoffizier gegenüber. Der erzählte mir von seinen Kriegserfahrungen und wollte mich als Offizier anwerben, obwohl ich in der Kirche war. Vielleicht weil meine schulischen Leistungen wohl ordentlich waren, vermute ich. Vielleicht sollte ich auch eine andere Funktion übernehmen. Es gab ja viele Stasimethoden. In meiner Zeit als Bausoldat waren auch drei Spitzel auf mich angesetzt. Jedenfalls versuchte er mir die Offizierslaufbahn schmackhaft zu machen: eigene Wohnung, schneller mit dem Studium fertig, mehr Geld, gute Aufstiegschancen. Das hörte ich mir eine Weile an und sagte dann: "Ich will aber die Gelegenheit nutzen, die mir der Staat der DDR bietet, und Bausoldat werden." Das Gespräch war sofort beendet.

Werden Sie die Ihnen anvertrauten Soldaten auch bei Auslandseinsätzen begleiten?

Haschker: Ich werde im kommenden Jahr eine Truppe für einen Monat nach Litauen begleiten. 2020 wird dann ein Auslandseinsatz auf mich zukommen, vermutlich Afghanistan.

Was ist Ihre Aufgabe dabei?

Haschker: Die Soldaten sind zwischen vier und sieben Monaten im Auslandseinsatz. Das prägt sie. In der Zeit ändert sich auch zu Hause einiges. Damit müssen Soldaten erst einmal umgehen können. Selbst für die sie begleitenden Seelsorger ist das nicht immer leicht. Ich erinnere mich an einen, zu dem seine Frau sagte: "So kommst du mir nicht noch einmal nach Hause." Man sieht, dass sich der Mensch bei solchen Einsätzen verändert. Wir Pfarrer wurden ordiniert mit der Maßgabe, niemanden aufzugeben. Das heißt nicht, dass wir immer alles gutheißen, was passiert.

Im August jährte sich zum 57. Mal der Mauerbau. Was geht Ihnen dabei durch den Kopf?

Haschker: Ich wünsche mir, dass es keine Mauern mehr gibt, die Menschen daran hindern, aufeinander zuzugehen. Dass die Berliner Mauer Verbitterung bei den Menschen hinterlassen hat, kann ich verstehen. Ich traf den Sohn eines Pfarrers, dessen Vater in Westberlin arbeitete und in Ostberlin wohnte. Als die Mauer gebaut wurde, durfte er nicht wieder nach Hause zurück. Er hat seinen Vater erst nach 17 Jahren wiedergesehen. Vor dem Mauerbau sagte der Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht noch: "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten." Danach hieß es dann: Die Mauer steht noch 100 Jahre. Gott sei Dank war das nicht der Fall! Michail Gorbatschow war eingeladen zum 40. Geburtstag der DDR. Sein Satz "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben" und die damals schon angespannte Situation in der Bevölkerung brachte die Staatsführung der DDR in Aufregung. Die Sicherheitskräfte waren in Alarmbereitschaft und höchst nervös. Da wanderten viele Menschen ins Gefängnis oder wurden für eine Nacht in Gewahrsam genommen. Und in der Nacht nach dem Mauerfall sind wir über den Todesstreifen gegangen, ohne dass da noch einmal jemand geschossen hätte. Die Grenzwächter sagten nur, wir sollten doch wenigsten den Ausweis hoch halten, damit man sehe, dass wir auch einen haben.

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