15.12.2019
Sonntagsblatt-Ratgeber

Sprechstunde: Das erste Weihnachten ohne die Tochter

Auch wenn Weihnachten ein Familienfest ist, bedeutet das nicht, dass man es immer auf die gleiche Weise feiern muss. Manchmal geht es darum, sich zurechtzufinden und für das Unerwartete offen zu sein. Ein Beitrag aus unserem Sprechstunden-Archiv.
Türkranz Advent Natur Weihnachten Tür

"Dieses Jahr hat meine Tochter gesagt, dass sie mit ihrer Familie mal alleine feiern will..."

Ich liebe meine Tochter und eigentlich habe ich gedacht, dass wir uns sehr nahe stehen. Wir haben sie finanziell immer unterstützt, haben das neue Auto finanziert und ihrem Mann beim Hauskauf geholfen, als die Wohnung für sie und ihre vier Kinder zu klein geworden ist.

Weihnachten haben wir bisher immer als großes Familienfest gefeiert. Als meine Mutter noch gelebt hat, ist meine Tochter mit ihrer Familie immer zu uns gekommen, und ich habe für alle gekocht und alles schön gemacht.

Dieses Jahr hat meine Tochter gesagt, dass sie mit ihrer Familie mal alleine feiern will. Ich bin wie vor den Kopf gestoßen. Sind wir denn nicht mehr ihre Familie? Will sie uns loswerden? Irgendwann werden wir doch auch ihre Hilfe brauchen. Meine Tochter hat gesagt, dass sie dieses Jahr mal Zeit braucht für ihre Kinder und ihren Mann. Das verstehe ich schon. Aber dass sie an Weihnachten nicht kommt, tut mir weh. Verlange ich zu viel?

Frau G. (72)

Ja, womöglich verlangen Sie zu viel. Weihnachten bedeutet - das wird mir in vielen Gesprächen deutlich - für jeden Menschen etwas anderes. So unterschiedlich die Lebenssituationen sind, so unterschiedlich sind die Bedürfnisse, Weihnachten zu feiern. Alleine oder mit anderen, in der Klein- oder in der Großfamilie.

Ihre Tochter hat bisher jedes Jahr mit Ihnen Weihnachten gefeiert. Nun ist es wichtig für sie, durch so ein Weihnachtsfest mit der eigenen Familie zu spüren, wie sie selbst als Mutter Weihnachten mit ihren Kindern feiern will - statt als Tochter beim Weihnachtsfest der Eltern zu Besuch zu sein.

Sie möchte herausfinden, wie ein eigenes Familienweihnachten aussehen kann und damit genau das tun, was Sie selbst irgendwann auch einmal getan haben. So gesehen ist das für Ihre Tochter ein ziemlicher Entwicklungsschritt in der gemeinsamen Familiengeschichte. Es könnte auch ein Entwicklungsschritt für Sie sein.

Um es sehr überspitzt auszudrücken: Weihnachten ist auch keine Gelegenheit, bei der Kinder zurückzahlen, was sie von den Eltern als Unterstützung erhalten haben.

Statt also weiter damit zu rechnen, dass Ihre Tochter mit der ganzen Familie anreist und Ihre Weihnachtstage ausfüllt, könnte es dieses Jahr wichtig sein, herauszufinden, was Weihnachten für Sie und Ihren Mann noch bedeuten kann.

Ich bin überzeugt, dass Sie auch ohne Ihre Tochter einen schönen Weihnachtsabend haben werden. Mit einem festlichen Essen nur für Sie und Ihren Mann, mit Kirchgang und Konzert, mit Büchern, mit Freunden. Zeigen Sie Ihrer Tochter, dass Sie auch ohne sie Weihnachten feiern können. Nicht, um ihr irgend etwas zu beweisen, sondern damit sie spürt, dass sie sich um Sie keine Sorgen zu machen braucht.

Wie Sie Weihnachten bisher gefeiert haben, ist wunderbar, aber das heißt nicht, dass es immer so sein muss. Und wenn ich an die biblische Weihnachtsgeschichte denke, dann geht es darin ja auch nicht um ein Familienfest, bei dem alles so ist wie immer, sondern eher darum, sich zurechtzufinden damit, dass alles eben nicht so ist wie immer und womöglich sogar der eine oder andere ganz unerwartete Gast vor der Tür steht.

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