24.03.2020
Coronavirus

Überlebensstrategie in Zeiten von Corona: Münchner Buchhandlung liefert mit Fahrrad

Im ungleichen Wettkampf mit großen Versandhändlern geraten kleine, lokale Geschäfte vielerorts in Bedrängnis. Die Corona-Krise verschärft die Situation noch zusätzlich. Die "Sendlinger Buchhandlung" in München ist deshalb erfinderisch geworden.
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Lokal kaufen, um kleine Geschäfte zu erhalten: Dieser seit Jahren zirkulierende Appell gilt in Zeiten von Corona besonders. Doch wie in der Buchhandlung einkaufen, wenn diese geschlossen ist? Viele Läden feilen an Überlebenskonzepten - auch die "Sendlinger Buchhandlung", die fest in ihrem Münchner Stadtteil etabliert ist. Inhaberin Sigrid Gatter erklärt im Sonntagsblatt, was nun ihre Strategien sind.

 

Frau Gatter, wie versucht Ihre Buchhandlung, in der Corona-Krise weiter Bücher zu verkaufen?

Sigrid Gatter: Seit unser Laden geschlossen ist, haben wir komplett auf Bestellsystem umgestellt. In unserem Webshop, den es seit 2012 gibt, können die Kunden Bücher bestellen. Wenn sie zur Abholung bestellen, ist das Buch in der Regel am nächsten Tag im Laden. Bei Bestellung zum Versand kommt das Buch mit der Post, das dauert etwas länger.

Ich habe den Versand jetzt in der Corona-Krise für alle Kunden kostenfrei geschaltet, die Versandkosten übernimmt die Buchhandlung, obwohl er normalerweise erst ab 25 Euro Warenwert für die Kunden gratis ist.

Mit den Büchern, die zur Abholung bestellt werden, packen wir im Laden Päckchen und schreiben Rechnungen, weil ja keine Geldübergabe stattfinden kann. Die Päckchen versenden wir oder liefern wir eigenhändig aus - wir sind zu zweit ganz gut auf dem Fahrrad unterwegs. Dienstags bis freitags sind wir von 15 bis 19 Uhr telefonisch im Laden erreichbar. Und natürlich bearbeiten wir alle E-Mails, wir können auch Bügelperlen oder Puzzles bestellen und zu Büchern beraten.

Welchen Anteil am Geschäft hatten bisher die Bestellungen und welchen die Spontankäufe vor Ort?

Gatter: Etwa zehn Prozent Geschäftsanteil waren selbständige Bestellungen der Kunden, wobei quasi alle zur Abholung bestellt haben - der Versand war verschwindend gering. Rund 30 Prozent waren Kunden, die im Laden bestellt und dabei meistens noch zwei, drei andere Dinge mitgenommen haben, also Bücher, Postkarten, kleine Geschenke. Diese insgesamt 40 Prozent sind das, wovon der Laden lebt - und auf die ich nun setze.

Ich hoffe einfach, dass das weiterläuft mit den Bestellungen. Die 60 Prozent Geschäftsanteil von Kunden, die im Laden stöbern und spontan kaufen, fallen jetzt natürlich weg. Beispielsweise habe ich auch von Sendlinger Künstlern gestaltete Postkarten verkauft - sowas geht jetzt verloren.

Wie ist es mit den Löhnen Ihrer Mitarbeiter? Haben Sie schon wirtschaftliche Hilfe beantragt?

Gatter: Ich beschäftige zwei Festangestellte und zwei Kräfte auf 450-Euro-Basis und habe jetzt Kurzarbeit auf 50 Prozent angemeldet. Es gibt ja schon noch viel zu tun im Laden, und meine Leute heimzuschicken geht aus moralischen Gründen gar nicht. Ich habe auch einen Antrag auf Soforthilfe beim bayerischen Wirtschaftsministerium gestellt, da bekämen wir bis maximal 5.000 Euro ausgezahlt - das würde wenigstens einmal für die Monatslöhne reichen.

Die größte Herausforderung ist diese Unsicherheit, wie lange dieser Zustand durchzuhalten ist. Man darf nicht verzweifeln, aber natürlich muss ich die Löhne und die Fixkosten weiterzahlen.

Mein Mann ist selbständiger Taxiunternehmer - ihm gehen die Aufträge aus, seit die Geschäftsleute nicht mehr unterwegs sind. Und mein Verdienst ist ohnehin nicht hoch. Aber ich liebe meinen Buchladen einfach, meinen Beruf, meine netten Kunden, die immer wiederkommen, und diesen Standort im entspannten Stadtteil Sendling.

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