31.05.2015
Kriegsgeschichte

Wiedersehen im Aufzug

Man sieht sich immer zweimal im Leben! Kaum eine Redensart ist objektiv derart verkehrt wie diese. Doch manchmal passt's eben doch. Davon können Johanna Süßmann (77) und Magdalene Simon (87) aus Nürnberg erzählen, in einer Geschichte, die in den letzten Kriegstagen 1945 beginnt und erst fast 70 Jahre später ihren Abschluss findet.
Johanna Süßmann und Magdalene Simon
Wiedersehen nach 70 Jahren: Johanna Süßmann (links) mit Magdalene Simon im Nürnberger Wohnstift Hallerwiese.

Wer die apokalyptischen ersten Monate des Jahres 1945 erlebt hat, trägt unauslöschbare Erinnerungen mit sich. Solche Lebensgeschichten sind geprägt von Flucht in eiskalten Nächten, von brennenden Städten, von Tod, Leid und zerstörten Hoffnungen. Nur ab und zu glüht ein Funken Menschlichkeit.

Johanna Süßmann hat eine solche Lebensgeschichte. Ihr Heimatdorf Polsnitz (heute: Pelcznica), vor den Toren von Freiburg (heute: Swiebodzice) in Niederschlesien gelegen, erlebt sie mit ihrem zwei Jahre jüngeren Bruder Helmut und ihrer Mutter trotz des Kriegs vor allem als ländliches Idyll. Jeder kennt jeden, jeder hilft jedem. Es gibt das Spottwort vom »Reichsluftschutzkeller« Niederschlesien - wenn hier Bomben fallen, dann aus Versehen. Die Fronten sind weit weg. Nur die russischen Zwangsarbeiter, die hungrig an einer Straße von Berlin gen Osten schuften, geben den Kindern einen entfernten Eindruck davon, dass es eine Welt jenseits der Idylle gibt.

13. Februar 1945

Die Idylle bricht schlagartig zusammen. Die kleine Johanna, noch keine sieben Jahre alt, hat wie ihr Bruder Masern. Beide liegen fiebernd im Bett, als die Mutter mit bleichem Gesicht vom Kohlenhändler heimkommt. Mit Tränen in den Augen stammelt sie: »Wir müssen furt.« Die Kinder hören vom Zimmer aus trippelnde Schritte zwischen Keller und Küche, die Mutter packt eilig einige Koffer. Auf einem Lastwagen verlässt die kleine Familie das Dorf gen Riesengebirge. Von ferne sehen die Flüchtlinge den Feuerschein des brennenden Dresden.

Zwei Monate sind die Polsnitzer auf Achse, wechseln auf Pferdefuhrwerke, gehen zu Fuß, schlafen auf Strohsäcken in Schlosssälen und Scheunen, betteln um Essen. Nur die Hoffnung auf baldige Rückkehr - denn davon ist immer die Rede - gibt den Familien Kraft. In Prag, endlich, wartet ein Zug gen Westen. Am Morgen des 14. April fährt er, zum Bersten gefüllt mit Flüchtlingen aus Schlesien, im Bahnhof von Naila in Oberfranken ein.

Unter den Rot-Kreuz-Helferinnen, die am Bahnhof bereitstehen, ist auch Magdalene Pülz. Die 16-Jährige ist in der Kleinstadt aufgewachsen, die dank ihrer Lage im Frankenwald ähnlich verschont vom Kriegsgeschehen blieb wie Niederschlesien. Doch nun werden auch hier die Schulen geschlossen. »Wir hatten nichts zu tun und haben uns beim Bürgermeister Arbeit geholt«, erinnert sie sich.

Flüchtlingskrise

In Naila haben sie schon Erfahrung mit der Betreuung von Flüchtlingen. Die »Ostpreußenzüge« sind schon durch. Jetzt also die Schlesier. Magdalene schnappt sich eine junge Mutter mit ihren zwei kleinen Kindern, gibt ihnen zu essen, redet ihnen gut zu. Sie führt die kleine Familie in das Schulhaus, das als Notquartier dient, und steht ihr auch zur Seite, als sie später ins Amtsgericht umgesiedelt werden. Nach gut einem Jahr verlieren sich die geflohenen Schlesier und die hilfreiche Rotkreuzlerin aus den Augen.

Doch das Leben geht weiter: Die Amerikaner kommen und das Kriegsende. Johann Süßmann findet in Naila eine neue Heimat, arbeitet als Diakonissenschülerin in Bad Reichenhall und wird schließlich Kinderkrankenschwester in der Knopf'schen Kinderklinik in Nürnberg. Auch Magdelene Pülz verlässt Naila, heiratet, arbeitet als Krankenschwester und Kathechetin, bekommt drei Kinder und wohnt zuletzt in Neufahrn bei Freising. 2013 beziehen beide fast gleichzeitig kleine Wohnungen im Wohnstift Hallerwiese in Nürnberg.

Und so begegnen sich eines Tages in einem Aufzug eines Nürnberger Seniorenheims zwei ältere Damen, ergraut und nicht mehr ganz gesund, aber voller Neugier auf die andere, die auch neu hier ist. Ach, aus Naila sind Sie, beginnt das Gespräch. Na so was!

Kann es so einen Zufall geben?

Schlesien? Rotes Kreuz? Bahnhof? Die letzte Unsicherheit beseitigt Süßmanns erst jüngst verstorbener Bruder Helmut. Denn er erinnert sich sofort an den Namen der hilfreichen Seele von 1945: Magda.

»Ich kann diese Gefühle bis heute nicht beschreiben«, sagt Magdalene Simon. Wenn von jener Erstbegegnung im Lift die Rede ist, kommen ihr bis heute die Tränen. Auch Johanna Süßmann kann nur mit stockender Stimme erzählen: »Da ist man 70 Jahre älter, und auf einmal hat man sich wieder.« Die beiden sind im Seniorenheim Freundinnen geworden und gehören längst wechselseitig zur Familie. Manche Geschichten brauchen 70 Jahre, um zum Schluss zu gelangen.

Dossier Flucht und Asyl

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