18.07.2018
Spiritueller Impuls

Zenmeisterin Doris Zölls über "Wolke des Nichtwissens"

Geschrieben an "Wer immer du sein magst", verfasst von einem anonymen englischen Kartäuserpriester im 14. Jahrhundert, in englischer Volkssprache statt auf Latein: Die Schriften der "Cloud of Unknowing", der "Wolke des Nichtwissens", bieten eine Anleitung zur bildlosen Versenkung für Jedermann. Eine Auslegung von Zenmeisterin Doris Zölls.
Wolke des Nichtwissens Impulstext

 

Du kannst nicht leiblich in den Himmel gelangen,
sondern nur geistig, in deinem Bewusstsein.

Zeit, Ort und Raum, diese drei Kategorien
sind bei allem geistigen Wirken zu vergessen.

In geistiger Hinsicht ist der Himmel
gleichweit nach oben wie nach unten entfernt...

Sodass der Mensch,
welcher ein wahres Verlangen verspürt, im Himmel zu sein,
auch schon im geistigen Sinn im Himmel ist.  
(Wolke des Nichtwissens)

 

Auf den ersten Blick erscheint es, als ob der Verfasser des Texts uns jegliche Illusion nehmen möchte, den Himmel in unserem körperlichen Dasein erleben zu können. Er verweist auf unseren Geist, trennt scheinbar den Himmel als das Geistige vom Irdischen.

Schauen wir jedoch auf die dritte Zeile des Texts, gibt es dort einen wichtigen Hinweis, der diese Kluft aufhebt. Da heißt es nämlich: Der Himmel ist gleichweit nach oben wie nach unten. Der Himmel steht daher nicht für das Geistige, das dem Irdischen gegenübersteht. Er findet sich in der Mitte zwischen Geistigem und Irdischem. Kommen beide in Einklang, erfahren wir den Himmel.

Dabei darf das Geistige nicht mit unserem Denken verwechselt werden. Dieses spielt sich noch in Raum und Zeit ab und gehört dem Irdischen an. Der Himmel jedoch ist jenseits unseres Denkens, er ist der Moment der Zeitlosigkeit, der Unbegrenztheit. Das Erleben dieser Unendlichkeit hat mit unserem Denken nichts zu tun. Der Autor spricht daher von einem Bewusstsein als die geistige Dimension in uns. Sie zeigt sich in dem Erkennen der Wirklichkeit, die alle Dualität übersteigt, und uns aus der Trennung von Geistigem und Irdischem herausholt.

Bereits in der Sehnsucht nach dem Himmlischen, in dem Verlangen nach dem Ende allen Leidens, tut sich in uns der Himmel auf. Wir spüren die geistigen Kräfte in uns.

Der Himmel ist inwendig in uns, sagt Jesus. Der Himmel ist nicht jenseits und auch nicht diesseits.

Der Himmel ist in dem Moment zu erleben, in dem wir die geistige Dimension in unser irdisches Dasein einlassen.

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