15.11.2020
Allerseelen und Totensonntag

Trauerbegleiterin erzählt, warum es so wichtig ist, Tränen fließen zu lassen

Im November, wenn die Tage kurz sind, dunkel und regnerisch, denken viele ganz besonders an die, die gestorben sind. Das liegt auch an den zwei kirchlichen Gedenktagen: Allerseelen und Totensonntag. Tränen und Trauer - schwieriges Thema! Warum es so wichtig ist, die Tränen fließen zu lassen, hören Sie hier.
Die Sozialpädagogin und Trauerbegleiterin Illa Kuch erklärt unserer Reporterin Julia Riese, warum es so wichtig ist, die Tränen fließen zu lassen.

"Die Kunst der Menschwerdung besteht darin, unsere Wunden in Perlen zu verwandeln", das sagte die Benediktinerin Hildegard von Bingen und daran orientiert sich auch Illa Kuch, Diplom-Pädagogin und Trauerbegleiterin, und nennt ihre Gesprächsrunde "Tränen sind Perlen".

Denn den Anfang einer wunderschönen Perle macht immer die Verletzung der Muschel.

"In die Muschel kommt ein Sandkorn und dieses Sandkorn schmerzt. Und dann bildet sie eine Perlmuttschicht und viele Perlmuttschichten, um dieses Sandkorn zu ummanteln und einzupacken."

Nach langer Zeit entsteht dann eine Perle. So bekommt der Schmerz einen Wert. Und auch Tränen sollen laut Illa Kuch wertgeschätzt werden, denn sie helfen uns in schweren Zeiten.

"Tränen weichen auf. Das ist genau das, was dann wichtig ist, dass wir uns aus der Erstarrung lösen. Und insofern sind Tränen unser Ausdruck von Lebendigkeit, sie transportieren ab, sie reinigen uns, sie zeigen uns auch, dass da was nicht in Ordnung ist, also dass da ein Schmerz ist, dem ich Beachtung schenken muss."

Deshalb bringt Illa Kuch zu ihren Seminaren immer Taschentücher mit. Einmal die bekannten Wegwerf-Taschentücher: "Noch besser als Tempo-Taschentücher aber sind die guten alten Stofftaschentücher. Zum einen nehmen sie mehr Tränen auf, auch als Ausdruck der Wertschätzung, dass ich meine Tränen nicht einfach so wie das Tempo wegwerfe, sondern dass ich dieses Taschentuch wieder wasche. Und wenn ich sehr traurig bin, dann muss ich es oft waschen", so die Expertin.

Tränen sind übrigens richtige Allrounder, sie gehören zu jedem unserer Grundgefühle, also Trauer, Angst, Wut, aber auch Freude.

Und genauso vielfältig sind die Dinge, die uns zum Weinen bringen: Die Liebe zu den Kindern,  traurige Filme, Bücher, wenn es anderen Leuten schlecht geht, ungerechte Behandlung, vor allem am Arbeitsplatz, oder wenn irgendwelche Dinge mit der Familie passieren. Wir sind eben mitfühlende Wesen.

Auch, wenn das in der Hektik des Alltags und mit den ganzen Verpflichtungen und Sorgen oft untergeht. 

"Ich glaube, dass wir unsere Gefühle sehr zurückhalten. Und dabei verkennen wir, dass alle unsere Gefühle ein Ausdruck unserer Lebendigkeit sind und Gott hat sie uns als menschliche Grundausstattung gegeben und von daher haben sie ihren guten Sinn. Und es ist wichtig, sie wahrzunehmen und die Botschaft, die sich dahinter versteckt, zu verstehen." 

Das rät die Illa Kuch . Die Dipl.-Pädagogin, Trauer-Begleiterin und Heilpraktikerin für Psychotherapie veranstaltet auch Kurse zu diesem Thema. Mehr Informationen finden Sie hier.

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Autor
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