20.09.2017
Sonntagsblatt-Ratgeber

Sprechstunde: Als Schreimutter versagt?

Frau K. verliert immer wieder die Beherrschung mit ihrer kleinen Tochter und schreit sie an. Dabei fühlt sie sich hilflos und schämt sich. Was kann sie tun, um der "Schreifalle" zu entkommen?

Ich habe ein Problem, bei dem ich hin- und hergerissen bin zwischen Hilflosigkeit, Scham und allen möglichen anderen Gefühlen. Dabei ist es eigentlich auch etwas, was natürlich anderen auch passiert. Aber ich finde es schrecklich: Ich verliere immer wieder die Beherrschung mit meiner kleinen Tochter. Sie ist sechs Jahre alt, ein entzückendes, zierliches kleines Schulmädchen mit blonden Locken – und sie bringt mich immer wieder auf die Palme. Sie hört nie, macht Unsinn, klaut Schokolade aus dem Küchenschrank, ärgert ihren kleinen dreijährigen Bruder, und wenn ich sie bitte, sich endlich die Zähne zu putzen und ins Bett zu gehen, reagiert sie grundsätzlich schon mal gar nicht. Alles, wirklich alles kann sie in einen Machtkampf verwandeln. Ich finde es furchtbar, was sie dadurch in mir auslöst. Ich werde eine richtige Schreimutter, und dadurch schaukelt sich das Ganze noch viel mehr auf, und irgendwann heulen wir beide. Ich möchte so gerne besser mit ihr umgehen...

Frau K.

"Schreimutter" – so lautet der Titel eines hinreißenden Bilderbuchs von Jutta Bauer. Die Schreimutter ist eine Pinguinmutter, die ihren kleinen Sohn so anschreit, dass es ihn im wahrsten Sinn des Wortes zerreißt. Das klingt schrecklich – aber es ist auch sehr anrührend: Denn der Schreimutter gelingt es, die Einzelteile wieder liebevoll zusammenzufügen – und am Ende sind auch Mutter und Kind wieder ein Ganzes ... Vielleicht – so denke ich bei Ihrem Brief – zerreißt es ja in solchen Situationen nicht nur das Kind, das angeschrien wird, sondern auch die Mutter, die eigentlich ganz anders sein will und sich doch in ein Schreiwesen verwandelt. Und vielleicht will ja das Kind eigentlich auch ganz anders sein – aber wie? Und wo ist Raum dafür?

Zuallererst aber würde ich Sie bitten, sich zu überlegen, wo Sie sich Hilfe und Beratung holen können. Manchmal kann schon ein Gesprächsabend in einer Elterngruppe helfen (auch, weil Sie dabei entdecken, dass Sie wirklich nicht die Einzige sind, der es so geht).

Die Anregung, die ich mir aus dem Kinderbuch geholt habe, heißt: Es braucht Zeit und liebevolle Aufmerksamkeit der Mutter für das Kind, damit beide wieder zusammenfinden. Wie wäre es, wenn Sie sich immer wieder mal mindestens zwei Stunden Zeit nehmen, ohne jede Ablenkung (kein kleiner Bruder, kein Handy, keine anderen Dinge, die noch schnell erledigt werden müssen)? In diesen zwei Stunden darf Ihre Tochter bestimmen, was sie gerne mit Ihnen tun möchte.

Das Gefühl, dass Ihre Tochter für zwei Stunden völlig im Mittelpunkt Ihrer Aufmerksamkeit steht, kann den Streß reduzieren, unter dem sie beide stehen und der sie beide zerreißt. Es könnte ja zum Beispiel sein, dass Ihre Tochter, die schon in der Schule ist, das Gefühl, hat, der kleine Bruder bekommt zu Hause viel mehr Aufmerksamkeit, während sie weg ist. Das wird sie kaum so sagen können, aber wenn sie die Schokolade klaut, dann hat sie immerhin für diesen Moment Ihre volle Aufmerksamkeit. Als Erwachsene haben Sie die Möglichkeit, dieses Muster zu durchbrechen. Aufmerksamkeit, das ist liebevolle Zuwendung – nicht Strafe. Was für eine wunderbare, neue Erfahrung – womöglich für Sie beide …

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