6.06.2017
Sonntagsblatt-Ratgeber

Sprechstunde: Teenies interessieren sich nicht genug für Großeltern

Anders als bisher scheinen sich die Enkelkinder - Zwillinge, die gerade 12 geworden sind - gar nicht mehr zu freuen, wenn die Großeltern kommen. Augen haben sie offenbar nur noch für ihre Smartphones und iPads.
Schwarz-weiß Bild eines Mannes mit Kind

Wir haben zwei Enkelkinder, Zwillinge, die gerade zwölf geworden sind. Im großen Familienkreis feierten wir einen wunderschönen Geburtstag. Mit Geschichtenerzählen, Basteln, Rätselraten, Spielen, Naschen, Singen etc. Es waren einfach unvergessliche Stunden. So wie es unvergesslich schöne Jahre waren. Glück pur.

Allerdings war dieser Tag auch ein Wendepunkt. Bisher waren sie uns immer entgegengeeilt, wenn wir kamen oder wenn sie uns besuchten, und uns um den Hals gefallen; sie juchzten vor Freude und schlugen ihre Ärmchen um uns. Aber wie hat sich das gewandelt! Kein Jubeln mehr, kein Um-den-Hals-Fallen.

Schlimmer noch: kaum ein Aufblicken. Die Augen bleiben auf das Smartphone oder das iPad gerichtet, und nur ganz nebenbei ertönt vielleicht ein »Hallo, Opa«. Wenn ich das ganze Technikzeug in ihren Händen zu überspringen versuche und sie einfach an mich ziehe, spüre ich regelrecht ihr Sträuben.

Wo sind nur all die Jahre geblieben? Hätte ich all die Erinnerungen nicht – Gott sei Dank nimmt meine Frau das nicht ganz so ernst –, ich würde mich richtig elend fühlen, würde mir alt und nutzlos vorkommen.

Herr R.

Ja, Enkelkinder gehören zu den Kostbarkeiten unseres Lebens. Mit ihnen zieht auch in reiferen Jahren ein neuer Frühling ein. "Und ich werde wieder / Jung im grauen Haar" heißt es in einem Gedicht von Adelbert von Chamisso. So empfinden es wohl viele Großeltern. Etwas von der Frische und vom Charme des Lebens werden wieder spürbar.

Es ist so naheliegend, dies festhalten zu wollen. All die köstlichen Begegnungen, die Zärtlichkeiten und drolligen Worte, die lustigen Erlebnisse, die kleinen und großen Überraschungen. Von daher kann ich gut Ihre Wehmut verstehen. Ein paar Gedanken dazu, sozusagen von Großvater zu Großvater:

  • Zwischen Großeltern und Enkeln kann eine Nähe entstehen, die über das ganze Leben trägt. Die Basis dafür wird in den ersten Jahren gelegt. All das Knuddeln, Kuscheln, Wiegen, Spielen, Singen, Erzählen bilden ein starkes Fundament für die Zukunft.
     
  • So mit elf oder zwölf Jahren kommt der Übergang ins Jugendalter. Kommt ein anderes Aussehen, eine andere Sprache, ein anderes Verhalten. Manches dabei erscheint pampig, naseweis, widersprüchlich. Will sich doch hier eine neue Persönlichkeit herausschälen. Das geht nicht ohne Reibung. Wenn wir es schaffen, dabei neugierig, wertschätzend und locker zu bleiben, hat auch diese Zeit ihre große Faszination. Zumal wir als Großeltern keine unmittelbare Verantwortung tragen.
     
  • So wie unsere Enkelkinder sich jetzt neu orientieren, so müssen auch wir uns neu verorten. Und die Fragen sind ganz ähnlich: Wie verleihe ich jetzt meinem Leben Sinn? Mit Worten der Bibel: Wie bleibe ich in meinem Glauben, Hoffen und Lieben so lebendig, dass ich zuversichtlich weitergehen kann? Sich hier um neue Antworten zu bemühen, das ist lohnend und aufregend.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie sich an den Erinnerungen freuen, aber in der Gegenwart leben können. Vielleicht wird es ja neue Frühlingsgefühle geben und Augenblicke von Glück pur.

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