2.08.2017
Seelsorge

Urlaubsseelsorge in Berchtesgaden

Pfarrerin Ingrid Ossig und Kantor Friedrich Sauler sind eigentlich im Ruhestand. Doch wenn ihre Kollegen in Berchtesgaden Urlaub haben, kommen sie, um die Feriengäste der Region zu betreuen - mit einem vielfältigen Programm, das von Liederabenden bis Berggottesdiensten reicht.
Hintersee in Ramsau bei Berchtesgaden

Smaragdgrünes Wasser, steile Gipfel und verwunschene Wälder – der Hintersee bei Ramsau ziert viele Landschaftsgemälde romantischer Maler aus dem 19. Jahrhundert. Wo bis heute Fotografen ihre Stative und Künstler ihre Staffeleien aufstellen, ist genau der richtige Ort zum Musizieren und Beten, finden Pfarrerin Ingrid Ossig (62) und Kantor Friedrich Sauler (65). Seit drei Jahren in Folge kommen die beiden Ruheständler als Urlaubsseelsorgerin und Urlaubskantor der bayerischen Landeskirche für vier Wochen ins Berchtesgadener Land und unterstützen die örtliche Kirchengemeinde dabei, die vielen Feriengäste zu betreuen.

Einmal die Woche bauen sie aus einem Klapptisch, einer Tischdecke und einem Holzkreuz einen Altar am Ostufer des Sees auf und feiern zusammen mit Urlaubern, Wanderern und Einheimischen einen Gottesdienst unter freiem Himmel. "Die wenigsten kommen gezielt zu uns", sagt Sauler. Viele wanderten zufällig vorbei und entschieden spontan zuzuhören oder mitzusingen. Um Aufmerksamkeit zu erregen und die Menschen einzuladen, die sonst oft nichts mit Kirche zu tun hätten, seien Ossig und er meist schon eine halbe Stunde vor Beginn da und begönnen, Musik zu machen.

 

Urlaubspfarrerin Ingrid Ossing vertritt Kollegen im Berchtesgadener Land
Urlaubspfarrerin Ingrid Ossing vertritt Kollegen im Berchtesgadener Land.

Urlaubspfarrer betreuen Feriengäste in beliebten Urlaubsregionen

Schon von Weitem ist die Gitarre zu hören, die Ossig um ihre Schulter gehängt hat und mit lockeren Auf- und Ab-Bewegungen ihres Handgelenks spielt: "Gott nah zu sein ist mein Glück", singt die Frau mit den kurzen Haaren im Kanon mit den rund 30 Männern, Frauen und Kindern, die sich um sie herum auf Bänke, bemooste Steine oder den Waldboden gesetzt haben. Sauler bläst dazu Trompete.

Der Bad Tölzer hat schon als Musikstudent in den 1970er- Jahren in Urlaubsorten ausgeholfen. "Das waren wunderschöne Urlaube während des Studiums", erinnert sich der Kirchenmusiker. "Und ich bin in Übung geblieben, weil ich auf der Orgel Gottesdienste begleiten oder Konzerte spielen musste."

 

Friedrich Sauler, Urlaubskantor im Berchtesgadener Land

Warum in den Ferien als Urlaubspfarrer und Urlaubskantor engagieren?

Als Rentner begeistern ihn ganz neue Aspekte seiner ehrenamtlichen Arbeit: "Man liest einen Psalm oder singt ein Lied und schaut dabei die Berge empor – und erst dann wird einem klar, was damit gemeint ist." Überhaupt sei es eine gute Idee, im Urlaub eine Andacht zu besuchen. So kämen die Reisenden zur Ruhe und könnten dankbar sein, der Hetze des Alltags zu entfliehen.

Ossig nutzt die Möglichkeit, als Urlaubspfarrerin ein paar Wochen im Jahr ihren alten Beruf auszuüben. "Für mich steht im Vordergrund, dass ich vier Wochen als Pfarrerin tätig sein darf", sagt die Theologin, die zuletzt in der evangelischen Kirchengemeinde in Scheidegg im Allgäu gearbeitet hat.

Von Schiffsandachten bis Berggottesdiensten

Neben dem See-Gottesdienst bietet das Team Schiffsandachten auf dem Königssee, Liederabende im Berchtesgadener Kurgarten, Sonntagsgottesdienste und Konzerte in wechselnden Kirchen der Region an. Höhepunkt, da sind sich die beiden einig, sind aber die Berggottesdienste, die abwechselnd auf der Bindalm am Hirschbichl und dem Hirschkaser stattfinden. "Das ist schon genial", schwärmt Ossig über die Kulisse. "Beides sind so
wunderschöne Plätze, wie man sie besser nicht finden kann", ergänzt Sauler.

Urlaub brauchen die zwei nach dem vollen Programm trotzdem nicht. Ihm fielen die besten Melodien und Vorspiele für das nächste abendliche Singen oder den nächsten Gottesdienst ohnehin beim Klettern oder auf Radtouren in der freien Natur ein, sagt Sauler. Ossig fügt hinzu: "Und vor oder nach den Veranstaltungen bleibt auch sonst genug Freizeit." Unter ihrem Talar blitzen schwarze Wandersandalen hervor.

Urlaubspfarrer in Bayern: Hintergrund-Informationen

Rund 80 Urlaubspfarrerinnen und -pfarrer betreuen Gäste zwischen Allgäu und Fichtelgebirge, Bayerischem Wald, Fränkischem Seenland und in Kurorten wie Bad Kissingen oder Bad Füssing. Seit Anfang der 1980er-Jahre vertreten die Urlaubspfarrer vor allem in der Sommerzeit Kollegen in Gemeinden beliebter bayerischer Ferienregionen. Sie bieten Gottesdienste und Andachten, Wanderungen, Vorträge und Gesprächsrunden an. Etwa 45 Urlaubskantoren sorgen darüber hinaus für musikalische Angebote wie Konzerte und Liederabende.

Sie wollen mehr Informationen? Dann klicken Sie auf www.kirche-tourismus.bayern.de!

ShareFacebookTwitterShare

Weitere Artikel zum Thema:

Jeden Tag staunen und zuhören

Petra Seegets bei einer Führung in St. Sebald. Die Nürnberger Pfarrerin ist mit Leidenschaft Touristenseelsorgerin.
Autor
Man nimmt’s ihr im ersten Moment nicht wirklich ab: "Ich entdecke jedes Mal etwas Neues in dieser Kirche", sagt Petra Seegets. Die Pfarrerin für Gäste- und Tourismusarbeit an der Nürnberger Sebalduskirche organisiert hier schon seit 2012 Führungen und bildet Gästeführer aus – und so jemand soll hier noch Überraschungen erleben? "Glauben Sie mir", versichert die Mediävistin. Für sie klappe sich die Kirche jedes Mal wie ein Buch auf, wenn sie eintritt. Und immer mehr Menschen wollen in diesem Buch lesen.

Kirche & Klinikseelsorge

Auf Station: Sandra Streng und Carmen Voit sind ehrenamtliche Klinikseelsorgerinnen am Universitätsklinikum in Erlangen.
Warum einige Patienten des Universitätsklinikums Erlangen den ehrenamtlichen evangelischen Klinikseelsorgerinnen Sandra Streng und Carmen Voit und ihren Kolleginnen Dinge anvertrauen, die sie mit Arzt und Schwester nicht teilen möchten? Darauf wissen die beiden keine Antwort. Vielleicht liegt es am fehlenden weißen Kittel. Oder an der vorhandenen Zeit, die sie für die Patienten mitbringen.