7.12.2018
Wirtschaft und Ökonomie

Wie Ina Praetorius mit "Wirtschaft ist Care" die Ökonomie revolutionieren will

Die Theologin Ina Praetorius will mit ihrer Initiative die Wirtschaft revolutionieren. Im exklusiven Interview erklärt sie, wie das gehen soll.
Theologin Ina Praetorius spricht über die Initiative "Wirtschaft is Care"

Ina Praetorius gehört zu den 25 Frauen, die vom deutschen Frauenmagazin "Edition F" für ihren ökonomischen Ansatz ausgezeichnet wurden. Die Theologin, Ethikerin und Autorin hat den Verein "Wirtschaft ist Care" mitgegründet. Dieser setzt sich für die Anerkennung von Care-Arbeit ein. Mit dem englischen Begriff "Care" meint der Verein ein "Sorgen für die Welt" - also etwa Haushaltsarbeit, Pflege, Kinder- oder Sozialarbeit. Im exklusiven Sonntagsblatt-Interview erklärt Praetorius, was sich hinter der Initiative verbirgt.

 

Frau Praetorius, was will die Initiative "Wirtschaft ist Care" ändern?

Ina Praetorius: Wir möchten Ökonomen und Wirtschaftsexperten an ihr Kerngeschäft erinnern: die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse. Die real existierende Ökonomie hat sich in den letzten Jahren unter anderem durch die neoliberale Wirtschaftspolitik weit entfernt von den Menschen. Aber: Der größte Wirtschaftssektor besteht nach wie vor aus den Menschen, die sich um Haushalt, Pflege und Kinder kümmern. Wir wollen einen Paradigmenwechsel hin zu einer Ökonomie, die Fürsorge statt Geld ins Zentrum stellt.

Wie wollen Sie Ihre Ziele erreichen?

Wir setzen auf die Macht der Sprache und der Theoriebildung. Deshalb suchen wir das Gespräch mit den Wirtschaftswissenschaften. Wir haben eine Umfrage zum Stand der Care-Forschung in der Schweiz durchgeführt und laden jetzt sachkundige Menschen an runde Tische ein. Dort wollen wir gemeinsam darüber nachdenken, was das veränderte Verständnis von Ökonomie bedeutet. Wir publizieren auch Texte. Gerade ist ein Comic erschienen, der auf einfache Art und Weise erklärt, was die drei Worte "Wirtschaft ist Care" bedeuten.

Wir müssen uns fragen, was wir mit dem immens großen un- und unterbezahlten Arbeitsvolumen machen, das bislang kaum anerkannt und erforscht wird. Für den 5. September 2020 planen wir eine Großveranstaltung in der Schweiz. Den Kirchen schlagen wir zum Beispiel vor, die sprachliche Verwandtschaft der Begriffe "Care" und "Kar-" zu nutzen: Wir könnten in der Karwoche einmal nicht rituell trauern, sondern über Sorgearbeit nachdenken. Und über unser aller Abhängigkeit von ihr.

Ist das bedingungslose Grundeinkommen eine Lösung?

Das Grundeinkommen ist ein zukunftsweisender Ansatz. Als Mitglied des Initiativkomitees der Volksinitiative , über die wir in der Schweiz im Juni 2016 abgestimmt haben, habe ich mich jahrelang damit befasst. Das Grundeinkommen löst allerdings nicht die Frage, wie wir Haus- und Pflegearbeit anerkennen. Denn es ist ja eben nicht als Honorierung einer Leistung, sondern als bedingungslose Absicherung der Existenz gedacht. Deshalb braucht es mehr: eine ganze Palette von Maßnahmen. Immerhin würde das Grundeinkommen verhindern, dass Menschen, die Care-Arbeit leisten, in Armut geraten. Das wäre schon viel!

Kann der christliche Glaube einen Beitrag zu diesen ökonomischen Fragestellungen liefern?

Ich halte die biblische Tradition in diesem Zusammenhang für sehr fruchtbar. Nehmen wir das Weihnachtsfest. Da feiern wir die Geburt Gottes. Wir stellen also ein Kind in die Mitte, wie Jesus in Mk 9,30-37. Das ist genau die Bewegung, die wir mit "Wirtschaft ist Care" auch vollziehen: Die gängige Ökonomie stellt den erwachsenen wohlversorgten Mann in die Mitte. Wir stellen das Kind in die Mitte. Und das ist nur einer von vielen möglichen Anknüpfungspunkten.

Wirtschaft ist Care - Comic Kathi Rickenbach
Wirtschaft ist Care - Illustrationen von Kathi Rickenbach. Die Comic-Broschüre zeigt, dass Wirtschaft mehr ist als Geld. Wirtschaften bedeutet, dass wir gut füreinander und die Welt um uns sorgen: Wirtschaft ist Care.

Sie sind im Juni 2018 aus der Kirche ausgetreten. Warum?

Anlass war die Wiederwahl des Präsidenten des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes, Gottfried Locher. Die Abgeordnetenversammlung hat ihn zum dritten Mal gewählt, obwohl er sexistische Aussagen nicht zurückgenommen hat. Da ist mir der Geduldsfaden gerissen.

Was würden Sie denn von kirchlichen Repräsentanten, wie etwa den Bischöfen, erwarten?

Praetorius: Wünschen würde ich mir zum Beispiel, dass einflussreiche Kirchenmenschen den Wirtschaftsleuten ans Herz legen, sich wieder auf den Ursprung des Begriffs Ökonomie zu besinnen: Oiko-Nomia, das bedeutet „Lehre vom guten Haushalten“. In Haushalten, also auch in unserem gemeinsamen Welt-Haushalt, geht es darum, dass alle bekommen, was sie zum Leben brauchen. Und genau so definieren die Ökonomen seit jeher ihr Kerngeschäft: es geht um die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse. Nicht das Geld ist die Mitte der Ökonomie, sondern die Bedürfnisse von acht Milliarden Menschen in einem verletzlichen Kosmos.

Kehren Sie damit der Kirche den Rücken?

Ich bleibe in gut reformierter Tradition meiner Ortsgemeinde im mittleren Toggenburg treu und werde meine Steuergelder auf die lokale Ebene umleiten. Vieles an der kirchlichen Praxis ist mir zu wichtig, um mich davon abzuwenden: Beten, Bibellesen, Segnen, Singen oder gemeinsames Essen. Aber von dem, was auf den "höheren" Ebenen läuft, habe ich mich verabschiedet. Das nimmt mir seit Jahren zu viel Energie weg.

Welche Bedeutung hat die feministische Theologie heute?

Was es sicherlich braucht, ist eine Anerkennung der Leistung der feministischen Theologie der vergangenen 40 oder 50 Jahre. Ich selbst nenne mich zwar seit einiger Zeit lieber "postpatriarchale" Denkerin. Der Begriff Feminismus wird stark assoziiert mit Ablehnung und Kampf. Ich mag nicht mehr dauernd erklären, dass es mir nicht in erster Linie ums Dagegensein geht, sondern ums Anknüpfen, Sichten und Weiterdenken.

Bei jungen Frauen ist der Feminismus gerade ziemlich en vogue. Das ist gut. Aber ich bin 62 Jahre alt und habe jetzt eine andere Aufgabe. Die Fragestellungen der feministischen Theologie werden immer wichtiger. Vielleicht könnten wir gerade deshalb einen besseren Namen dafür finden.

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Wie kann ich mich an der Initiative "Care ist Wirtschaft" beteiligen?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, sich an der Initiative "Care ist Wirtschaft" zu beteiligen oder darüber zu informieren:

  • Das Motto der Aktion lautet: "Alle tragen mit ihren Stärken, ihrer Schaffensfreude und ihren Netzwerken zum Gelingen bei!".
    Melden Sie Ihre Veranstaltungen, Aktivitäten oder Methoden, mit denen Sie sich für eine Care-Ökonomie stark machen an info@frauensynode.ch und an die Sonntagsblatt-Redaktion: online@epv.de
     
  • Bestellen Sie den Comic und verteilen Sie das Material in Ihren Netzwerken. Der Comic kann bestellt werden bei der Frauensynode der Schweiz, hier ist der Link.
     
  • Beteiligen Sie sich an der Aktion "Karwoche ist Carewoche": Mit den siebzehn Carewoche-Postkarten lassen sich Gespräche anregen, Gemeindenachmittage gestalten, Predigten anreichern.
     
  • Um die Bedeutung von Care zu verstehen, ist es wichtig, sich mit der eigenen Biografie zu befassen: Schreiben Sie Ihre eigene Care-Biografie auf. Wie war das bisher in meinem eigenen Leben? Wie war Care im Leben meiner Eltern und Großeltern organisiert? Was gebe ich an die nächste Generation weiter?
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