5.10.2017
Moderne Kirchenmusik

Andi Weiss - Diakon, Songpoet, Logotherapeut

Seine Reise geht weiter: Songpoet Andi Weiss hört als Diakon auf und arbeitet künftig auch als Logotherapeut und Coach. Seelsorge ist der rote Faden, der die vielen Facetten des freundlichen Multitalents verbindet.
Andi Weiss in seiner Beratungspraxis in München-Pasing.
Andi Weiss in seiner Beratungspraxis in München-Pasing.

Zehn Jahre steht er jetzt auf der Bühne oder besser: sitzt dort vor dem Piano, singt seine Songs und erzählt seine Geschichten. Mehr als 1.000 Konzerte – mal vor 100, mal vor 1.000 Menschen. In Bayern, Deutschland, überall, wo man Deutsch versteht. Wenn man zusammenzählt, wie oft seine Musikvideos auf ­YouTube aufgerufen wurden, wie oft sich seine CDs und Bücher verkauft haben, ist man schnell in den Hunderttausenden.

Eigentlich ist Andi Weiss evangelischer Diakon, doch was heißt schon "eigentlich"? "Weist auf eine ursprüngliche, aber schon aufgegebene Absicht hin", sagt der Duden etwas hart. Was daran stimmt: Nach 16 Jahren als Diakon (seit 2010 nur noch auf einer halben Stelle) ist der inzwischen 40-Jährige nun für die nächsten sechs Jahre vom Dienst beurlaubt – ohne Bezüge, aber "im kirchlichen Interesse", wie so was offiziell heißt.

Seelsorge – singend und sagend

Der zur Beurlaubung nötige kirchliche Verwaltungsakt war nicht ganz unkompliziert. Dass das mit dem "kirchlichen Interesse" aber tatsächlich stimmt, ist schnell klar, wenn man Andi Weiss persönlich kennenlernt. "Mir liegen die Menschen am Herzen, die sich im Leben eine blutige Nase geholt haben", sagt Weiss gern. In seinen Geschichten und Liedern spart er die dunklen Seiten des Lebens nie aus, aber immer lässt er durchscheinen, was sich am einfachsten als "christliche Hoffnung" auf den Begriff bringen lässt.

Diakon, Songpoet, Geschichtensammler und -erzähler, künftig "Logotherapeut" und Lebensberater – beruflich klingt das jedoch nach eher unvereinbar vielen Facetten. Gibt es einen roten Faden, der bei Andi Weiss trotzdem alles verbindet und verknüpft? Vielleicht wird ein solcher Faden in einem Satz des österreichischen Psychiaters Viktor Frankl sichtbar, der Auschwitz überlebt hat: "Wer ein Warum zum Leben hat, der erträgt fast jedes Wie." Die von Frankl begründete Logotherapie könnte man – verkürzt – als Hilfe bei der Sinnsuche bezeichnen. Andi Weiss beschäftigt sich schon lange mit ihr. Nach den Prinzipien der Logotherapie wird er künftig in seiner kleinen Praxis in München-Pasing Menschen beraten.

Andi Weiss kennt die menschliche Sehnsucht nach dem "Warum". Um sie kreist er. Von ihr aus beginnt die Seelsorge. Der Frankl-Satz bringt auf den Punkt, warum Seelsorge therapeutisch, also heilsam ist, ja sein muss. Was auch immer Weiss anfasst – mit Leidenschaft, freundlich und einfühlsam, als Musiker oder Prediger, künftig als Logotherapeut und Coach – "Seelsorge" in diesem Sinn ist es immer.

"Alles andere wäre Plastik"

Eigentlich (und hier ist man dem Sinn des Worts vielleicht am nächsten) macht der öffentlich wirksame, im besten Sinn populäre Andi Weiss, was Aufgabe von Pfarrern und Pfarrerinnen ist oder jedenfalls sein sollte: glaubwürdige Verkündigung in die Mitte der Gesellschaft hinein. Natürlich, sagt Andi Weiss, eins sei klar: "Ich kann und will als Berater nur Antwort geben auf das, was man mich fragt. Alles andere wäre Plastik." Er meint Plastikmüll damit.

Die unterschiedlichsten Menschen kommen zum Logotherapeuten und Berater Andi Weiss: solche, die ihn auf seinen Konzerten kennengelernt haben, andere auf Empfehlung, Menschen in privaten oder beruflichen Krisen, zum Beispiel jener erfolgreiche Manager, der Weiss bat: "Ich brauche jemanden, der mir hilft, kein Arschloch zu werden."

Die Gemeinde, in der Andi Weiss bisher angedockt war, die Paul-Gerhardt-Kirche in München-Laim, gilt als Hort der Frommen im evangelischen München. Für den kreativen Freigeist Andi Weiss, der fromm und liberal gleichzeitig ist (das geht), war die Paul-Gerhardt-Gemengelage nicht immer ganz einfach.

Zu den Charismen des Andi Weiss gehört aber auch, dass er selten wirklich aneckt, sondern die Menschen meist leicht und wie selbstverständlich für sich einnimmt.

Vor zehn Jahren hat Weiss einen Song geschrieben, von dem es im Internet inzwischen sogar Coverversionen gibt. "Mein Ziel" lässt sich als Gebet (fromm), aber ebenso gut als Liebeslied (liberal) verstehen. Das mag den Erfolg des Songs auf Hochzeiten begründen. "Kann es noch nicht greifen, / noch ist nicht alles klar. // Ich bin auf einer Reise, / und bin noch nicht ganz da", heißt es darin.

"Laufen lernen" hieß seine letzte CD (2016).  Auch in den nächsten zehn Jahren wird Andi Weiss Menschen beim "Laufen lernen" begleiten, das steht fest. Und seine eigene Reise geht ebenfalls weiter.

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