19.10.2014
Wissenschaft und Meditation

Religionswissenschaftler: Meditation entfaltet die Potenziale des Geists

Er ist Buddhist und Christ - und der Überzeugung, dass Empathie erlernbar ist: Der Münchner Religionswissenschaftler Michael von Brück will Wissenschaft und Meditation verbinden. Im Gespräch erklärt er, warum Meditation die Gesellschaft voranbringen kann.
Michael von Brück
Der Münchner Religionswissenschaftler Michael von Brück

Sie haben einen internationalen Kongress zu »Meditation und Wissenschaft« mit ins Leben gerufen. Was erhoffen Sie sich davon?

Brück: Es gibt starke Tendenzen, Wissenschaft und spirituelle Entwicklungen zusammenzuführen. Bei dem Kongress kommen führende Wissenschaftler und Meditationslehrer aus der ganzen Welt zusammen, um die Zusammenhänge zwischen Meditation und Bewusstseinsforschung zu diskutieren. Bei der Tagung im Oktober 2014 beschäftigen wir uns mit dem Thema Zeit - einem zentralen Thema unserer Epoche. Zeit ist einer der wesentlichen Faktoren menschlicher Selbstverortung. Wir entwickeln ständig Geräte, die Zeit sparen sollen, und haben gleichzeitig immer weniger Zeit. Wir fragen, wie es zu dieser Beschleunigung kommt, zu Zeitdruck und Stress.

Welche Kraft liegt in der Meditation?

Brück: Die Meditation entfaltet die Potenziale des Geists. Sie hilft uns, den eigenen Ansprüchen und der Identitätsbedürftigkeit mit Distanz gegenüberzutreten. Sie tut, was der Humor spontan erreicht, nämlich eine Außenperspektive einzunehmen. Wer über sich lacht, greift nicht zum Schwert. Diese Außen-Perspektive kann zum Habitus antrainiert werden. Genau das tut Meditation. Die Meditation ist kein Schlüssel für alle Probleme. Denn ein Bewusstseinstraining kann auch benutzt werden, um Macht durchzusetzen. Es kommt auch hier auf die Perspektive und den Rahmen an. In der gegenwärtigen Meditationsszene ist beides vorhanden.

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Meditieren Sie selbst?

Brück: Ich stehe morgens um fünf Uhr auf und meditiere täglich eine halbe Stunde, dann mache ich noch eine halbe Stunde Yoga. Einmal pro Woche fahre ich Fahrrad.

Kann Empathie gelehrt werden?

Brück: Das Thema Emotionen hat gerade einen hohen Stellenwert in der Forschung. Es gibt verschiedene Studien, die zeigen, dass Empathie gemessen und gelehrt werden kann. Ein Mensch kann also dazu gebracht werden, den anderen mitfühlend wahrzunehmen. Da werden wichtige Erkenntnisse der Religionen plötzlich in den Bereich von Verhaltensschulungen gebracht. Das ist eine aufregende Entwicklung! Bereits Erich Fromm erklärte, dass das Überleben der Menschheit von derartigem Bewusstseinswandel abhängig ist. Dieser Satz wird gar im Evangelischen Gesangbuch zitiert. Meditation ist ein Weg, dahin zu gelangen.

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Wie können Institutionen wie die evangelische Kirche hier anknüpfen?

Brück: Die größte Errungenschaft der evangelischen Tradition ist das Priestertum aller Gläubigen. Jeder kann in Kontakt treten mit Gott. Dieses Verständnis hat zur Aufklärung in Europa beigetragen und ist sicherlich eine der Wurzeln unserer Demokratie. Menschen trauen sich, ihre religiösen Erfahrungen in die eigene Hand zu nehmen. Ich bin nicht pessimistisch, was die evangelische Kirche betrifft. Wir erleben viel Langweiliges in den Kirchen: Predigten in einer Sprache, die keiner versteht; ein Sündenverständnis, das die Menschen niederzieht. Aber es gibt auch Religionslehrer und Pfarrer, die Räume der Freiheit schaffen, die Gemeinschaft und Freude vermitteln. Das ist großartig. Daran müssen wir anknüpfen und das theologische Personal stark machen an Schulen wie Hochschulen.

Kann das Christentum von Religionen wie Buddhismus und Hinduismus profitieren?

Brück: Von den asiatischen Religionen habe ich die Meditation und die Reflexion mitgenommen. Wir können unser gegenwärtiges Menschenbild in Fragen nach Freiheit oder Liebe mit buddhistischen Vorstellungen vergleichen - und unsere sehr eng geführten Menschenbilder erweitern und ergänzen. Das verändert uns, und diese Veränderung haben wir nötig. Das Christentum und viele andere Religionen haben zu großem Leid in der Menschheitsgeschichte beigetragen. Wir müssen für die Menschheit Lebensformen und Denkformen entwickeln, die ein ökosophisches Weltbild ermöglichen, in dem nicht nur die Menschen, sondern auch Tiere oder Pflanzen einen Wert haben. Die Würde gilt jedem Lebewesen. Dies lässt sich mit den Erfahrungen aus den indischen Traditionen sehr gut weiterdenken.

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