9.07.2020
Tierschutz

Wissenschaftler wollen namenlose Insekten erforschen, um ihr Aussterben zu verhindern

Schützen kann man nur, was man kennt. Wissenschaftler wollen noch nicht wissenschaftlich bestimmte Insektenarten erforschen, um sie besser vor dem Aussterben schützen zu können. Und das nicht im tropischen Urwald, sondern mitten in Deutschland.

Viele Insektenarten verschwinden, noch ehe sie entdeckt, bestimmt und mit einem Namen benannt sind. Das passiert nicht nur in exotischen, schwer erreichbaren Weltgegenden, sondern direkt vor unserer Haustür, mitten in Deutschland, sagt der Stuttgarter Insektenkundler Professor Lars Krogmann.

In Deutschland leben Hunderte unbekannter Insektenarten, sagt er. Viele davon seien vom Aussterben bedroht.

"Um effektivere Schutzmaßnahmen beispielsweise gegen das Insektensterben ergreifen zu können, müssen wir besser verstehen, welche Arten es überhaupt gibt und welche Funktionen sie im Ökosystem haben", erklärt der Leiter des Fachgebiets Systematische Entomologie (Insektenkunde) an der Universität Hohenheim. Er leitet auch die entomologische Abteilung des Naturkundemuseums Stuttgart.

Die Universität und das Museum arbeiten im neuen "Kompetenzzentrum Biodiversität und integrative Taxonomie" zusammen. Taxonomie bedeutet, Lebewesen nach bestimmten Kriterien systematisch einer Gruppe zuzuordnen und sie zu benennen.

"Dark Taxa": Was hinter dem bundesweiten Projekt steckt

Krogmann arbeitet zudem mit an dem am 1. Juli gestarteten bundesweiten Projekt "GBOL III: Dark Taxa". "Dark Taxa" nennen Wissenschaftler den Bereich der noch unbenannten, nicht systematisierten Lebewesen, seien es Tiere, Pflanzen oder Pilze. "GBOL III: Dark Taxa" spezialisiert sich auf die beiden vielfältigsten, aber bisher am wenigsten untersuchten Insektengruppen in Deutschland: die Zweiflügler und die Hautflügler. Das bundesweite Forschungsnetzwerk "GBOL" (German Barcode of Life) selbst startete bereits 2012. Am Ende soll eine Gendatenbank aller in Deutschland bekannten Tier- und Pflanzenarten stehen.

Ein erheblicher Teil der Insektenarten war bisher aber von GBOL-Projekten "und letztlich der gesamten Biodiversitätsforschung ausgeschlossen", gesteht Krogmann ein. Einer der Gründe: In Deutschland gibt es zu wenig Bestimmungsexperten. Deshalb binden die Forscher jetzt Experten aus den USA, Australien oder Rumänien ein.

Die sollen ihr Wissen an eine neue Generation von Taxonomen in Deutschland weitergeben. "Denn davon gibt es leider viel zu wenige, und sie werden mehr denn je gebraucht, wenn wir den aktuellen dramatischen Insektenrückgang verstehen und bekämpfen wollen", sagt Krogmann.

Mücken und Fliegen machen zwei Drittel aller Insektenarten in Deutschland aus

Zweiflügler wie Mücken und Fliegen und die Hautflügler, zu denen unter anderem Bienen und Wespen gehören, machen rund zwei Drittel aller Insektenarten in Deutschland aus. Die wenigsten wurden noch nie gesichtet, aber viele der eigentlich bekannten Tiere wurden noch nicht exakt identifiziert. Weil sie sich so ähnlich sehen, könne es leicht passieren, dass man meine, nur eine Art vor sich zu haben.

Dabei seien es aber in Wirklichkeit zwei oder sogar mehr verschiedene Arten, die durchaus unterschiedliche ökologische Ansprüche haben können, erläutert der Experte die Bedeutung einer exakten Bestimmung.

Die Insekten, die jetzt in den Fokus rücken sollen, spielen eine zentrale Rolle in den Ökosystemen. Nicht nur als Bestäuber von Pflanzen, sondern auch im natürlichen Gleichgewicht. Zweiflügler seien "ökologisch gesehen vielleicht die vielseitigste Insektenordnung", sagt Daniel Whitmore, Kurator für Zweiflügler am Naturkundemuseum. Sie spielten eine entscheidende Rolle "als Zersetzer, Bestäuber, Gegenspieler und stellen einen großen Teil der Nahrung von Wirbeltieren".

"Unser geringer Kenntnisstand zur Vielfalt und Verbreitung vieler Fliegen- und Mückengruppen verhindert den effektiven Schutz ihrer Habitate und der von ihnen abhängigen Arten", bedauert er.

Dabei sei solches Wissen sogar wirtschaftlich nützlich, etwa wenn winzige parasitische Wespen gegen pflanzenschädigende Insekten eingesetzt werden können.

Professor Krogmann vermutet, dass gerade die parasitären Insekten besonders stark vom Insektensterben betroffen sind, da sie auf ausreichend große Bestände ihrer Insektenwirte angewiesen sind. "Bislang können wir dies nur vermuten, denn es fehlen Daten zum Vorkommen und zur Verbreitung parasitischer Wespen", erklärt er.

Die Projektleitung bei "GBOL III: Dark Taxa" hat das Zoologische Forschungsmuseum Alexander Koenig in Bonn. Neben den Stuttgarter Wissenschaftlern sind auch Experten der Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns, der Universität Würzburg und des Entomologischen Vereins Krefeld dabei. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert das Projekt mit insgesamt rund 5,4 Millionen Euro innerhalb von dreieinhalb Jahren.

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