2.04.2021
Blog #himmelwärts

Pfarrerin Sabrina Hoppe zu Karfreitag: Sei gläubig. An Dein Leben. Dass es Deine Wunden aushalten kann. Alle.

Pfarrerin Sabrina Hoppe bloggt für #himmelwärts zu Karfreitag über tief sitzenden Schmerz und den Mut, sich Verletzungen – gerade in der Karwoche – zu stellen.
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Wie schreibt man Stille?
Wie lässt man Lücken zwischen Sicherheiten?
So        vielleicht?
Wie lässt man die Tage verstreichen, ohne ihnen zu folgen?
Wie ist man still ohne zu schweigen?
Was erlöst die Stille ohne laut zu werden?

Woher weiß man, dass der Schmerz bleiben kann, ohne die Seele mitzunehmen?
Wann hört es auf, so weh zu tun, und wer fasst in meine Wunden um sie zu heilen?

Stille zwischen Buchstaben und ganzen Sätzen mit Ausrufezeichen lassen sich nicht aufschreiben. Nur aushalten. Schwer genug.

Ich persönlich fülle am liebsten sofort Dämmmaterial in die Lücken: Kompetenz, Ehrgeiz, Disziplin, Optimismus, Fürsorge, Planung, Zahnpasta, Vollkornbrot, Blumen, Sprachnachrichten, Lieblingslieder. Manchmal werden mir vom vielen Auffüllen die Arme schwer und mein Kopf tut weh. Der Rücken auch, obwohl ich ihn doch so grade halte.

Die Tage verstreichen, aber ich muss ihnen folgen: Termine einhalten und Hoffnung aufrecht halten.

Still werde ich manchmal, aber meine Gedanken schreien mich dann an. Gut so, denke ich, endlich verstehe ich Euch mal richtig.

Der Schmerz bleibt immer, doch nie nimmt er die Seele mit. Das weiß man in diesem Moment, in diesen endlosen Sekunden nur nicht. Es wird immer weh tun. Ganz tief drinnen, was immer es ist. 

Vielleicht war Jesus ja froh drum, dass endlich mal jemand verstanden hat, dass man in die Wunden fassen muss. Der Thomas war ja nicht dumm. Es war ihm nur alles zu wenig. Er konnte es noch nicht fassen, dass der, der doch immer alle ins Leben geholt, die Augen geöffnet, vom Baum geholt, auf die Füße gestellt hat, dass genau der jetzt die Wunden und den Schmerz ins Leben geholt hat.

Das war Schritt eins.
Schritt zwei war: Ich fasse sie an. Die Wunden. Ich spüre den Schmerz. Laut, spitz, stechend, dumpf, reißend, kalt. Es tut weh. Überall, nicht nur an den Wundmalen.

Es ist unmöglich, dieses Leben zu leben, ohne immer wieder in die Wunden zu fassen.

Und trotzdem tun wir es, leben ohne ständig in die Wunden zu fassen. Gott sei Dank können wir das. Wir würden es sonst nicht schaffen. Der längste Zeitraum, in dem wir es schaffen, nur auf die Wunden zu sehen, sind drei Tage, sagt die Bibel. Drei Tage im Grab. Ich glaube, es sind bildhafte drei Tage. Und in diesen drei Tagen, Wochen, Monaten, Jahren dringt kein Licht ins Grab. Und wir streichen über die Wunden. Mit den Fingerspitzen. Sie sind noch da. 

Unter ihnen liegt das Leben, daneben gesunde Haut. Daneben und darunter das Leben, das Lachen, der Duft nach Sonnencreme, Zimtzucker auf Deinen Wangen nach den Pfannkuchen am Samstag, Lagerfeuerrauch und der Geschmack von halbgarem Stockbrot.

Aber das alles ist daneben, darunter, später. Jetzt ist es Zeit, die Wunden zu berühren.

"Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!"

Das sagt Jesus zu diesem Thomas, dem aufgeklärten, mutigen, tapferen Alltagsmenschen, der immer für alles Kraft braucht und für alles einen Sinn und vielleicht auch ein Ziel.
Reiche deinen Finger her, nein, lieber gleich deine ganze Hand.

Es geht an dieser Stelle nicht um den Glauben an den Tod Jesu oder gar um seine Auferstehung, behaupte ich vollmundig.

Es geht um unser Leben.

Um den Glauben an unser Leben: Glaub mir endlich, die Wunden gehören dazu. Der Schmerz, der verdammte große Schmerz, das unausweichliche Falsch, das schreiende "Das darf nicht sein, ich hab das so nie gewollt, ich hab doch alles getan, damit es nicht so kommt!" Es gehört dazu.

Leg den Finger in Deine Wunden und glaube es.

Versuch es. Leg Deine ganze Hand in Deine offene Seite. Oh, es wird weh tun. Immer wieder. Wahrscheinlich wird es in zehn Jahren immer noch so sein. Vielleicht glauben wir irgendwann daran, dass unsere Seele trotzdem bleiben wird, dass der Schmerz sie doch nicht mitnimmt. Aber bis dahin haben wir Todesangst, immer wieder. Immer wieder, wenn wir die Hände in unsere offenen Wunden legen.

Sei nicht ungläubig, hör auf zu kämpfen. Leg Deine Waffen nieder, mit denen Du Verantwortliche suchst, Gründe und Auswege. Leg Deine Waffen nieder, mit denen Du den Schmerz erträglicher machen willst.

Sei gläubig. An Dein Leben. Dass es Deine Wunden aushalten kann. Alle. 

Vielleicht brennt an Karfreitag in diesem Jahr der Essig in den Wunden noch mehr.
Vielleicht ist die Stille dieses Jahr noch lauter.

Und vielleicht legst Du dann Deine Finger in Deine Wunden und hörst auf, dagegen anzukämpfen. Und glaubst an den Schmerz, die Stille, das Leben darunter und daneben und an Gott, der deine Hand leise festhält.

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