15.01.2020
Innere Mission München

Innere-Mission-Vorstand Günther Bauer bilanziert seine Amtszeit

Knapp 26 Jahre lang hat Günther Bauer die Innere Mission München als Vorstand geführt. Er hat einschneidende Entwicklungen in allen sozialen Bereichen erlebt - von der Kinderbetreuung über die Flüchtlingsversorgung bis zum Pflegenotstand.
Günther Bauer Vorstand Innere Mission München
Pfarrer Günther Bauer (r.), Geschäftsführer der Inneren Mission Muenchen, spricht neben dem bayerischen Landesbischof und EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm an Weihnachten bei der Bahnhofsmission.

Im Sozialbereich braucht es dem scheidenden Vorstand der Inneren Mission München, Günther Bauer, zufolge einige Neubestimmungen. Seit den 1990er Jahren habe es eine starke Ökonomisierung des Sozialen gegeben, sagte Bauer am Donnerstag in München. Das Soziale dürfe jedoch nicht dem Markt überlassen werden, sondern es gehöre "zur öffentlichen Daseinsvorsorge" und müsse als Allgemeingut "wie Wasser und Luft" behandelt werden, forderte der 65-Jährige bei der Bilanz seiner Amtszeit.

Knapp 26 Jahre führte Bauer den größten diakonischen Träger im Kirchenkreis München und Oberbayern. Insgesamt fiel seine Bilanz gut aus - trotz seiner Kritik an bundes- und landespolitischen Entwicklungen und "obwohl mir nicht alles gelungen ist, was ich vorhatte", erläuterte der Pfarrer. Vor allem auf kommunaler Ebene seien viele Erfolge zu erkennen.

Zum Thema Kinderbetreuung sagte Bauer, Familie dürfe nicht nur als "Keimzelle für künftige Arbeitskräfte" betrachtet werden, sondern als eigene Einheit mit eigener Verantwortung:

"Es braucht eine Neubestimmung, was Familie unverzichtbar leisten kann und muss."

Nachdem öffentliche Betreuungsformen bei der Staatsregierung früher "nicht beliebt" waren, werde heute immer mehr Betreuungsarbeit in Institutionen verlagert - was sich auch an der für 2025 geplanten Ganztags-Garantie für Grundschulkinder zeige.

Ein besonderes Anliegen ist Bauer, der in Fischbach bei Nürnberg geboren wurde, die Pflege. Die Pflegeversicherung, die 1994 als Teilleistungssystem konzipiert wurde, müsse "zu 100 Prozent solidarisch finanziert werden", forderte er.

Die Pflegeversicherung müsse "zu 100 Prozent solidarisch finanziert werden", fordert Bauer.

Das hieße, dass - analog zur Arbeitslosenversicherung - das Pflegerisiko und damit die reinen Pflegekosten gesamtgesellschaftlich getragen und nicht weiter zulasten der Pflegebedürftigen und Sozialhilfeträger gehen würden. Kritisch sieht er die generalistische Pflegeausbildung: Dahinter stehe eine Denkweise, derzufolge "der Mensch grundsätzlich Kranker" sei und zwischen Akut- und Langzeitpflege nicht mehr unterschieden werde.

Die Zahl der stationären Pflegeplätze der Inneren Mission wuchs von 600 auf aktuell 1.400 Plätze. Früher seien zumeist rüstige Rentner in die Heime gegangen, sagte Bauer, heute seien die meisten pflegebedürftig. Aufgrund des Fachkräftemangels gebe es auch bei der Diakonie offene Stellen. Gerade die Hilfe im Alter sei auf Zuwanderung angewiesen: Heute kommen die rund 990 Mitarbeiter aus 62 Nationen. Der Verantwortungsbereich des Theologen, der zum 1. März in den Ruhestand geht, wuchs von rund 630 Mitarbeitern in seinem Anfangsjahr 1994 auf aktuell 3.100 Mitarbeiter, der Jahresumsatz von 62 Millionen auf etwa 270 Millionen Euro.

Evangelische Hilfswerk München und Diakonia

Gemeinnützige Tochtergesellschaften sind die Hilfe im Alter, das Evangelische Hilfswerk München und die Diakonia-Dienstleistungsbetriebe. Zur Inneren Mission gehören etwa 120 Hilfeeinrichtungen für Kinder, Alte und Pflegebedürftige, Migranten, Straffällige, psychisch Kranke, Wohnungslose und Beschäftigungslose.

In der Psychiatrie habe sich bei den ambulanten Betreuungsformen viel getan, sagte Bauer. Es sei normal geworden, "dass psychisch Kranke unter uns wohnen" und der Stellenwert psychischer sich demjenigen körperlicher Erkrankungen angeglichen habe. In der Kinder- und Jugendhilfe habe sich ein ausdifferenziertes System von Schutzstellen entwickelt. Die Diakonia habe sich in Zeiten der Vollbeschäftigung zu einem Inklusionsbetrieb mit 60 Prozent Schwerbehinderten entwickelt.

Der Pfarrer forderte, das europäische Fürsorgeabkommen auf die ost- und südosteuropäischen EU-Länder auszuweiten. Das hieße, dass auch Rumänen und Bulgaren Anspruch auf Sozialleistungen hätten. Aktuell liefen die sozialen Kosten, die durch die Arbeitszuwanderer entstehen, bei den Kommunen auf. Allein der Kälteschutz, den das Evangelische Hilfswerk durchführt, summiere sich jährlich auf fünf Millionen Euro.

Bauer ist regulär bis 2021 stellvertretendes Mitglied der Arbeitsrechtlichen Kommission (ARK) auf Bundesebene und Vorsitzender der ARK Bayern. Bis 2019 gehörte er dem Sozialausschuss sowie dem Kinder- und Jugendhilfeausschuss der Stadt München an. Neuer Vorstand der Inneren Mission wird zum 1. Juni Thorsten Nolting, bisher Vorstandsvorsitzender der Diakonie Düsseldorf. Die Innere Mission ist Mitglied des Diakonischen Werks Bayern und des Diakonischen Werks der Evangelischen Kirche in Deutschland.

ShareFacebookTwitterShare

Weitere Artikel zum Thema: