Sie waren Sprecherin des Wortes zum Sonntag und zahlloser Rundfunkandachten, Rundfunkbeauftragte der EKD, Chefredakteurin beim Sonntagsblatt, Publizistin, Buchautorin, Professorin für Christliche Publizistik, Gründerin der evangelischen Funkagentur und vieles andere: Welche Aufgabe war Ihnen die Liebste?

Johanna Haberer: Das ist eine schöne Frage. In den letzten Jahre war die Professorin schon ein sehr, sehr schöner Beruf, wo ich schreiben konnte und wo ich mir die Zeit selbst einteilen konnte. Vor allem, nachdem ich die Gremien hinter mir hatte und all die Sitzungen mehrmals in der Woche: ich war sieben Jahre lang Vizepräsidentin für Lehre an der FAU. Also: Hochschullehrerin ist ein sehr schöner Beruf. Und sehr, sehr schön war es, Chefredakteurin des Sonntagsblatts zu sein. Das gehört zu meinen allerschönsten Zeiten. Aber: Schreiben, sich Gedanken machen, Lesen, das wird mir ja bleiben.

Kämpferin für mehr Vielfalt in der religiösen Landschaft in Deutschland

Wo gab es am meisten Gegenwind?

Haberer: Beruflich Gegenwind gab es bei dem Versuch, als Rundfunkbeauftragte mehr Vielfalt in die religiöse Landschaft dieses Landes zu bringen. Ich hatte gehofft, dass ich es hinbekomme, dass nicht nur Juden und Christen, sondern auch Muslime eine Stimme in unseren öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten bekommen. Ich hatte als Rundfunkbeauftragte der EKD dazu Aufsätze geschrieben und war im guten Gespräch mit dem damaligen Ratsvorsitzenden Huber. Bis dann 2001 der 11. September einbrach. Da gab es dann keine Chance mehr, bei den Rundfunkanstalten zu sagen: Wir öffnen uns für einen Fürsprecher des muslimischen Glaubens, der den religiösen Horizont der Muslime erklärt, damit wir teilhaben können an der Vielfalt der Weltsichten und damit nicht die Muslime in diesem Land eine Art religiöses "undercover"- Leben weiterführen.

Das war so ein Punkt, wo es bösen Gegenwind gab. Die Rundfunkanstalten sagten, wir haben keine Strukturen, um einen Sprecher für ein "Wort zum Freitag" auszusuchen. Und die Kirchen wollten diese Politik der Repräsentation der religiösen Vielfalt nach 2001 nicht unterstützen. Dabei waren wir da ziemlich weit. Wir haben Ende 2000 einen Gottesdienst mit Muslimen, Christen, Buddhisten und Juden im Berliner Dom gefeiert, wo alle Religionen ihr Bestes liturgisch, musikalisch, inhaltlich zusammengetragen haben und sich vor Gott – wie sie ihn auch immer nennen - gegenseitig beschenkt haben.

Ich habe vor dem 11. September viele Redakteure in den Rundfunkanstalten getroffen, die damals versucht haben, sich vom Christentum zu emanzipieren und besonders von der dominanten Rolle der Kirchen in der Medienlandschaft. Nach den Ereignissen des 11. September hörte das auf, da gab es plötzlich unter Journalistinnen ein neues Interesse daran, zu erfahren, was sind denn eigentlich unsere christlichen Wurzeln. Und auch in den Redaktionen hatte ich das Gefühl, die fragen wieder danach, woher wir eigentlich kommen und ob wir dem Islam eine religiöse Alternative entgegensetzen können.

Hätten Sie das Ehepaar Lindner in der Kirche getraut, obwohl beide aus der Kirche ausgetreten sind?

Haberer: Sie haben mich nicht gefragt. Aber im Ernst: Das hätte ich nicht gemacht. Ich hätte vielleicht ein Ritual mit ihnen entworfen und wäre mit der Hochzeitsgesellschaft an den Strand von Sylt gegangen. Ich hätte mich nicht verweigert als Privatperson. Denn Gottes Segen ist für alle da, die sich das wünschen. Ich habe auch schon ausgetretene Männer und Frauen beerdigt, die sich das gewünscht haben und mich baten, ohne Talar zu kommen. Aber mit dem Hinweis, dass ich Pfarrerin bin und der Verstorbene sich wünscht, dass ich hier an seinem Grab, seinem Atheismus widerspreche.
Ich hätte mit Familie Lindner eine andere Form gefunden. Aber in der Kirche getraut hätte ich sie nicht.

 

Johanna Haberer und Roland Gertz
Johanna Haberer und Roland Gertz beim Redaktionsgespräch im Sonntagsblatt.

Johanna Haberer über die Zukunft der Kirche

Die Kirchen sind deutlich auf dem Rückzug in der Gesellschaft. Wie sollten sie damit umgehen?

Haberer: Professor Bernd Raffelhüschen, der die Untersuchung über die Kirchenmitgliedschaft verantwortete, hat mir gegenüber immer wieder betont, dass seine Ergebnisse in der Presse verkürzt rübergekommen seien. Die Aussage war: Wenn ihr so weitermacht wie bisher, dann wird der Einbruch der Kirchenmitgliedschaft so kommen, wie vorausberechnet. Und nicht: Es wird so kommen.

Die Aussage, dass die Kirche auf dem Rückzug ist, höre ich, seit ich Theologie studiert habe. Demnach sollte die Kirche schon längst tot sein. Aber Totgesagte leben länger. Ich glaube, dass es eine große Sehnsucht nach religiösen Deutungsmustern in unserer Gesellschaft gibt. Das hat man in der Coronakrise gesehen, an den Millionen - Einschaltquoten der Fernsehgottesdienste und der Radiogottesdienste und der Nachfrage nach spiritueller Begleitung.

Wir sind als Kirchen politische Akteure, aber wir sollten uns nicht vorwiegend politisch in der Gesellschaft profilieren, sondern unsere Ressourcen gut einsetzen. So war die Erfahrung der Menschen von Trost und Begleitung durch die Kirche während der Pandemie eher unterbelichtet. Es hat mir in der Seele wehgetan, dass die Seelsorgerinnen und Seelsorger und mit ihnen die Kirchen nicht Zeter und Mordio geschrien haben, als sie nicht in die Krankenhäuser und in die Altenheime gehen durften. Da hätte es einen Aufschrei geben müssen, und da hätten wir unsere geistlichen Aufgaben an den Menschen in der Tiefe erfahren. Die Pandemie hat gezeigt, dass die Nachfrage nach religiösen Deutungsmustern sehr hoch ist und dass wir als Christen und Kirchen dies zur Kenntnis nehmen und würdigen sollten.

Im Übrigen ist der Rückzug der Kirche möglicherweise an den Zahlen der Kirchenbesucher und der Mitglieder zu erleben, aber nicht beim Interesse der Menschen an geistlicher Begleitung in den Medien.

Das zumindest erfahre ich vom Bayerischen Rundfunk. Seit Jahrzehnten hören rund eine Million der Morgenfeier zu, und es gab unglaubliche Reaktionen auf die Gottesdienste, die während der Corona Zeit übertragen wurden. Also die mediale Wahrnehmung der Kirche, die ist gefragt und gewünscht von vielen Menschen. Allerdings muss Kirche im Bereich der digitalen Welt aufholen, damit sie ihre Sichtbarkeit nicht verliert.

Ich habe Ende der 1990er Jahre aufgehört, auf Podien zum Thema "Zukunft der Kirche" zu gehen, weil dort immer die gleichen Fragen gestellt werden und die gleiche Depression zu erleben ist. Wir werden die Kirche Jesu Christi nicht retten. Das macht Christus schon selbst.
Wir haben die beste Botschaft der Welt – davon bin ich, je älter ich werde, desto mehr überzeugt. Wenn wir erfahren, dass wir trösten können und dass wir Menschen begleiten können, wenn wir uns nicht immer mit unseren soziologischen Daten, sondern wieder mit Menschen auseinandersetzen, wenn sich Gemeinden selbstbewusst hinstellen, anstatt immer zu jammern, und wenn Vikare und Vikarinnen lernen, nicht als Erstes Nein zu sagen und sich abzugrenzen, sondern ein großes Ja zu diesem herrlichen Beruf, dann habe ich keine Sorge um die Kirche.

Muss sich das Theologiestudium an den Hochschulen verändern?

Haberer: Wir haben beim Theologiestudium die riesige Schwelle der drei Sprachen, die jeder lernen muss. Ich könnte mir vorstellen, dass wir für verschiedene Berufsziele im Theologiestudium zu einer Modularisierung kommen, also dass nicht jede und jeder Latein, Griechisch und Hebräisch lernen muss. Das dauert in der Regel fünf oder sechs Semester dauert. Früher kam man mit Latein aus dem Abitur, viele hatten Griechisch und mussten dann nur noch Hebräisch dazulernen, heute ist das anders.  Da brauchen manche erstmal fast drei Jahre hauptsächlich für Sprachen

Wenn die Theologie das modularisierte System etwas entschiedener gestaltet, könnte etwa jemand, der im Neuen Testament promovieren will, noch ausführlich Griechisch lernen. Wir haben ein sehr verschultes Theologiestudium, mit Sprachen und Pro-Seminaren, dann kommen die Hauptseminare und dann irgendwann darf man ein bisschen frei spielen in der Theologie. Ich denke, Theologie muss auch mit dem Herzen studiert werden und dazu gehört Freiheit.

Verändert sich auch die Christliche Publizistik in Erlangen?

Meine Professur, die früher Christliche Publizistik hieß und jetzt mit dem Namen "Medienkommunikation, Medienethik und digitale Theologie" ausgeschrieben ist, wird vermutlich noch stärker in die praktische Theologie hineinwachsen. Die Theologiestudierenden werden dann schon an der Uni lernen, sich als geistliche Personen im digitalen Raum zu präsentieren und als Repräsentanten der Kirche medial gelenkig werden. Ich hoffe, dass meine Nachfolgerin oder mein Nachfolger in der Lage ist, dies in das Erlanger Studienangebot hineinzuschreiben und dass die Kirche diesen Teil der universitären Ausbildung auch weiterhin unterstützt.

Pfarrer und Pfarrerin sein ist ein öffentlicher Beruf. Es gibt von dem Medienwissenschaftler Pörksen den Ausdruck der "redaktionellen Gesellschaft". Das heißt, alle Bürgerinnen und Bürger müssten journalistische und medienethische Kenntnisse haben in dieser digitalen Welt. Und darauf bereiten wir die künftigen Theologinnen und Pfarrer zu wenig vor. Jeder muss hier eine reflektierte Bildung bekommen. Das ersetzt keinesfalls den persönlichen Geburtstagsgruß und auch nicht die Postkarte oder Mail, aber diese Art der digitalen Kommunikation der Kirche kann auf jeden Fall die kirchliche Bindung stabilisieren. Und das heißt, dass wir leider mit dem gleichen Personal immer mehr machen müssen. Oder man konzentriert sich.

Wie soll das aussehen?

Seit bestimmt zwanzig Jahren sage ich, dass wir versuchen sollten, uns in der Publizistik zu konzentrieren und die dauerhafte Unterbesetzung der christlichen und kirchlichen Publizistik durch das Zusammenfassen der vielen Kompetenzen an vielen Orten zu lösen. Ich halte es für den falschen Weg, an unterschiedlichen Stellen das Gleiche zu machen, anstatt sich zusammenzutun und neu zu sortieren.

Wir können da von der finnischen Kirche sehr viel lernen. Die finnische Kirche ist praktisch durchdigitalisiert. Jeder Pfarrer und jede Pfarrerin verfügt über die nötige technische Ausstattung und kann damit umgehen. Wir müssen einfach Neues lernen. Hebräisch hilft nicht, wenn ich anfangen muss, eine Kamera zu schwenken.

Und warum passiert das nicht?

Haberer: Ich weiß es nicht. Vielleicht geht es der Kirche immer noch zu gut. Wir haben schon vor zwanzig Jahren das Zusammengehen von Rothenburger und Münchner Sonntagsblatt diskutiert. Ich fürchte da spielen Macht- oder Einflusssphären eine wichtige Rolle. Der Versuch, etwas zu ändern, scheitert am institutionellen Beharrungsvermögen. Die Akteure wollen nichts aufgeben, obwohl es eigentlich sonnenklar ist, dass das für den Erhalt der Selbständigkeit der Kirchenpresse perspektivisch wichtig wäre.

Ist der landeskirchliche Prozess "Profil und Konzentration" dabei hilfreich?

Was die publizistischen Fragen betrifft, bin ich da nicht eingebunden. Diese Idee von Profil und der Konzentration wäre die Einflugschneise, um an verschiedensten Stellschrauben zu drehen. In der Publizistik müssen die Kompetenzen neu verteilt werden. Wir sollten genau schauen, wie viel Personal in der Öffentlichkeitsarbeit und in der Publizistik tätig ist und uns dann fragen, wer kann was und wie können wir das neu organisieren. Dafür müssten aber Öffentlichkeitsarbeit, Pressestellen, Dekanate und Landeskirche um der Sache willen nicht nebeneinander her arbeiten, sondern sehr bewusst zusammen.

Bei den Theologen und Juristinnen, die die Kirche regieren ist die Hochachtung vor den Kompetenzen, die man braucht, um in der Öffentlichkeit zu agieren, leider schwach ausgeprägt. Dass dieses agieren in der medialen Öffentlichkeit ein ganz anderes Berufsfeld ist als Gemeindepfarrerin zum Beispiel, wo man ganz andere Dinge können muss, das verdient Hochachtung. Und dieses Bewusstsein hat sich in den ganzen siebzig Nachkriegsjahren noch immer nicht richtig herausgebildet.

Johanna Haberer
Die evangelische Pfarrerin Johanna Haberer hat ein Buch über die Seele geschrieben.

Johanna Haberers Buch über die Seele erscheint in dritter Auflage


Ihr Buch über die Seele ist inzwischen in der vierten Auflage erschienen, offenbar trifft es einen Nerv. Wie erklären Sie sich das?

Ausgangspunkt für das Buch war meine Beschäftigung mit den algorithmischen Systemen, deren Resonanz wir in unserem Alltag ständig erleben. Diese "Null-Eins-Logik", die unser Leben durchzieht und unser allgemeiner Verlust menschlicher Kontakte brachten mich dazu, darüber nachzudenken, was denn eigentlich in der langjährigen Geschichte des theologischen Denkens der Begriff der Seele bedeutet und was er heute im Horizont digitaler Technologien und Künstlicher Intelligenz bedeuten kann.


Der Begriff der Seele ist nicht wegzudenken aus den antiken Philosophien und aus den Religionen. Und an diesem Begriff hängen unglaublich viele religiöse Begriffe, wie Mitleid oder Glaube oder Barmherzigkeit.

Ich vergleiche die Situation des Verschwindens der Seele mit dem Aussterben des kleinen und rundohrigen Urwaldelefanten, der in seiner Haut und in seinen Ausscheidungen lauter Kerne und Samen trägt, die dafür sorgen, dass sich der Urwald wieder aufpflanzt. Und wenn dieser Elefant, dieses alte Lebewesen ausstirbt, stirbt auch der Urwald. - Die Seele ist ein Biotop, dass unsere ganze religiöse Welt ausmacht und nun Konkurrenz bekommt durch die algorithmische Welt. Unser Leben wird heute nicht mehr in Bildern und Metaphern erzählt, sondern in Zahlen In PINs und POKs. Das verändert unsere Kompetenzen und unsere Wahrnehmung.

Welche Konsequenzen hat das für Pfarrer oder Pfarrerinnen?

Haberer: Pfarrerinnen und Pfarrer müssen künftig als Personen sichtbar werden, sie müssen als Seelen sichtbar werden und befragt werden können, wie sie ihren Glauben leben.

Das hat auch theologisch womöglich auch negative Folgen, weil wir da in eine Art von Fundamentalismus geraten. Wenn ich ständig im Netz sagen muss, was ich glaube, ist das eigentlich für das Amt eines Pfarrers oder einer Pfarrerin schwierig. Zu Recht gibt es traditionell im Gottesdienst zum Beispiel viele Mechanismen, die Amt und Person zu trennen. Ich trage einen Talar beim Gottesdienst, auf der Kanzel ist eine Mauer um mich herum – das will zeigen, dass dieser Mensch im Talar nicht identisch mit der Botschaft ist, sondern er richtet die Botschaft vom Tod des Todes aus. Auf Instagram muss man jedoch von sich als Person sehr viel preisgeben – und das ändert die Repräsentanz von Kirche.

Welches Profil braucht der nächste Landesbischof oder die nächste Landesbischöfin in Bayern?

Haberer: Diese Person sollte verweisen können auf Fachleute und sich dem Mechanismus der Presse entziehen, dass immer nur den Bischof oder die Bischöfin hören will. Es muss für eine evangelische Kirche um den Versuch gehen, die Vielfalt des Protestantismus und der Ämter zu präsentieren, durch Moderation und Verweis auf andere Sprecherinnen und Sprecher unserer Kirche.

Dann müsste diese Person eine Seelsorge-Künstlerin sein, die zuhören kann. Und eine ermutigende Figur, damit ein Ruck durch die hängenden Köpfe unserer Kirchenleute geht und sie Freude an ihrem Beruf haben und nicht den roten Zahlen oder fortlaufenden Menschen hinterher weinen. Die politische Anwaltschaft sollte die Kirche erweitern. Und die alten Instrumente der Kirche wie zum Beispiel Besuche und Gespräche – persönlich und virtuell. Ich denke an den Kasualien – Taufe, Beerdigungen, Trauungen -  hängt die Zukunft der Kirche.

Wenn Sie vor knapp 24 Jahren gewählt worden wären als Landesbischöfin, was wäre heute anders in unserer Kirche?

Haberer: Das ist eine Hätte-Hätte-Fahrradkette-Frage! Aber eines weiß ich: Ich hätte auf jeden Fall den Ausbau und die Konzentration der publizistischen Instrumente der Kirche durchgesetzt. Da dürfen wir nicht sparen, weil wir sonst bei Google in der Aufmerksamkeit nach unten durchgereicht werden. Ach, wir hatten ja lauter gute Bischöfe. Ich hätte vielleicht noch für ein bisschen mehr Spaß und Humor gesorgt.

Wie erklären Sie sich den Erfolg des Podcasts "Unter Pfarrerstöchtern"?

Haberer: Der Podcast ist sehr erfolgreich. Er bestätigt mich in der Analyse, dass die Themen, die in der Bibel vorkommen, nachgefragt werden. Bei unseren Gesprächen wissen weder meine Schwester noch ich, wie sie ausgehen. Ich denke, deswegen hören die Leute zu, weil es keine gestanzte Gliederung gibt, sondern wir das Thema von allen Seiten betrachten. Wir haben nicht die gleiche Sprache, wir trauen uns auch mal unsystematisch Gedanken und unübliche Bögen zu machen, die vielleicht ein bisschen wild sind, aber unterhaltsam. Gleichzeitig muss ich für jede Folge mindestens zwei Bücher lesen, damit ich den Fragen und Themen überhaupt gewachsen bin. Es steckt also auch eine ganze Menge Arbeit darin.

Was haben Sie für sich gelernt?

Ich habe die Erfahrung gemacht, wie stark die Verfasstheit unserer Kultur von der Bibel geprägt ist. Da versteht man, dass die asiatische Kultur in vielen Dingen völlig anders tickt. Die Debatte zum Beispiel wie eine Regierung aussehen soll: Monarchisch oder föderal. Da wird gefragt: brauchen wir überhaupt einen König, und welche Qualität hat denn dieser König, und wer will denn Anführer werden? Und dann etabliert sich die Institution des Propheten. Der Prophet geht auf den König zu und kritisiert ihn. Und diese Kritik der Macht ist eine DNA unserer jüdisch-christlichen Kultur. Und eben nicht mit asiatischen Kulturen zu vergleichen.

Fällt der Abschied von der Berufstätigkeit jetzt schwer?

Haberer: Mir fällt der Abschied im Augenblick überhaupt nicht schwer. Es war in den letzten Jahren total schön, weil ich wunderbare Mitarbeiterinnen und Kollegen hatte. Und dann habe ich diesen Podcast und bin mit der EKD im Gespräch, ob ich nicht vielleicht die eine oder andere Auslandsvakanz übernehme...

Ich bin froh, dass ich den Medienwandel so nah erleben durfte. Wir leben in einer digitalen Welt und müssen uns da als christliche Repräsentanten völlig neu aufstellen. Die ganze Welt hat sich gedreht. Ich war Anfang der achtziger Jahre dabei, als die privaten Medien eingeführt wurden und jetzt das Digitale. Dieses riesige Thema, wie die evangelische Kirche auf die Digitalisierung intelligent reagiert, das sollen jetzt die schlauen Leute der nächsten Generation machen. Deswegen bin ich nicht traurig zu gehen.