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Sonntagsblatt 30/ vom

Die literarische Hausapotheke

Warum die Psalmen wieder Konjunktur haben

Von Christian Feldmann

Woran kann das liegen, dass ein von esoterischen Ratschlägen und fernöstlichen Lebensweisheiten verwöhntes Publikum sich um Erklärungen zu einem längst bekannten Gebetsschatz reißt, der in Luthers Übersetzung bis heute zur literarischen Hausapotheke gehört? Kein Zweifel: Psalmen haben Konjunktur.

Geistiger Vater des Psalter: König David beim Harfenspiel (Peter Paul Rubens).
Foto: sob
   Geistiger Vater des Psalter: König David beim Harfenspiel (Peter Paul Rubens).

»Sei mir gnädig, Gott, denn ich verwelke! Heile mich, Gott, denn schreckensstarr sind meine Knochen (...) Ich bin am Ende meiner Kraft.«

»Meine Tränen sind mein Brot bei Tag und bei Nacht, wenn man zu mir den ganzen Tag sagt: 'Wo ist denn dein Gott?'«

»Gott, den ich lobe, schweig doch nicht (...) Sie reden zu mir mit falscher Zunge, umgeben mich mit Worten voll Hass (...)«

»Der Herr ist mein Licht und mein Heil: Vor wem sollte ich mich fürchten? (...) Mein Herz wird nicht verzagen. Ich bin gewiss, zu schauen die Güte des Herrn im Land der Lebenden.«

Die Psalmen. Schreie und Gebete. Ohnmächtige Wut und zarte Poesie. Hass und Liebe. Die Psalmen, das Gebetbuch der Juden und Christen, das der ganzen Welt gehört und das komplette Menschsein abbildet mit all seinen Sehnsüchten und Abgründen. Die Psalmen, rabenschwarze Verzweiflung und tollkühne Hoffnung - und ein letztes Stammeln, wenn die Stimme versagen will.

Seit Jahrtausenden ringen die Psalmendichter, - sänger und - beter mit Gott. Mit einem instinktiv geleugneten, schweigenden, nicht zu verstehenden, aber bitter benötigten und verbissen anerkannten Gott. Seit Jahrtausenden steckt in diesen Texten die verrückte Verheißung, dass Gewalt und Gemeinheit, Menschenverachtung und Lüge am Ende doch nicht das letzte Wort haben werden.

Darum bilden die Psalmen eine ausgezeichnete Vorlage für die traurigen Dichter von heute, die sich nach einem Sinn in der Welt sehnen und nach Auschwitz und Hiroshima an allem zweifeln müssen. Sprachstrukturen und Inhalte der Psalmen tauchen in der modernen Lyrik an allen Ecken und Enden auf, respektvoll zitiert oder zynisch verfremdet.

Hoffnung gegen den Augenschein

So schreibt Thomas Bernhard in seinem Gedichtzyklus »Hora Mortis«, Sterbestunde: »Zerfall mein Gott / der meine Qual zu Staub stößt / vor den Tempeln / ich kann nicht träumen / ich kann vor dir nicht stehn / Herr gib Brot und Wein und lass mich sterben jetzt und wehn im Wind.«

Und Konstantin Wecker, Liedermacher und Poet, dichtet in seiner Sammlung »Man muss den Flüssen trauen«: »Will mich nicht messen mit dir. / Will auch nicht in die Knie sinken. / Drück mir die Daumen / und schäm dich nicht vorbeizuschauen, / wenn ich traurig bin. / Lass mich nicht fallen, lieber Gott.«

Der Renaissance der Psalmenrede bei den Dichtern (und Dichterinnen) entspricht ein ungewöhnliches Interesse der Leser. Eine vierbändige Kassette mit wissenschaftlichen Psalmenkommentaren wurde für den Herder-Verlag zum Umsatzrenner. Woran kann das liegen, dass ein von esoterischen Ratschlägen und fernöstlichen Lebensweisheiten verwöhntes Publikum sich um Erklärungen zu einem längst bekannten Gebetsschatz reißt, der in den Klöstern Tag um Tag in eintöniger Wiederkehr rezitiert wird und in Luthers Übersetzung bis heute zur literarischen Hausapotheke gehört? Finden sich die Leute tatsächlich in den abgegriffenen Texten wieder?

Poesie ohne lange Erklärungen

Sollte es möglich sein, sich seine Not mit den uralten Klagen von der Seele zu reden? Bringt das Trost, die eigene Verzagtheit und Hoffnung in die Bilder von großen Wassern und grünen Auen zu packen? Ist es befreiend, sein Rachebedürfnis hi­nauszuschreien, um Hilfe gegen übermächtige Feinde zu bitten und mit dem schweigenden Gott zu hadern?

»Aus Tiefen rufe ich dich, Gott. Herr, hör doch auf meinen Schrei! (...) Meine Seele wartet auf den Herrn, mehr als der Wächter auf den Morgen.«

»Im Schatten deiner Flügel suche ich Zuflucht (...) Wach auf, meine Seele! (...) Ich will die Morgenröte wecken.«

Poesie, die keine langen Erklärungen braucht. Bilder, die unmittelbar zum Herzen gehen. Das ist wohl das Geheimnis. Die Morgenröte: ein wunderschönes Symbol für den Anfang, den Gott jeden Tag neu mit seiner von Katastrophen und Verbrechen verwüsteten Schöpfung macht - und eine Einladung zur hartnäckigen Hoffnung gegen den trostlosen Augenschein.

»Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch (...) Mich umgeben mächtige Stiere (...) Sie sperren den Rachen wider mich auf (...) Mein Herz ist dem Wachs gleich geworden, zerflossen in meiner Brust. Trocken wie eine Scherbe ist mein Gaumen (...)«

Bilder für lähmende Angst und Verbitterung; sie stammen übrigens aus Psalm 22, dem klassischen jüdischen Nacht- und Sterbegebet, das nach den Evangelisten Matthäus und Markus auch der gekreuzigte Jude Jesus gebetet haben soll.

»Ich will dich rühmen, Herr, denn du hast mich aus der Grube gezogen (...), aus der Schar der Todgeweihten mich zum Leben gerufen.«

»Er zog mich heraus aus gewaltigen Wassern. (...) Er führte mich hinaus ins Weite (...) Mit dir erstürme ich Wälle, mit meinem Gott überspringe ich Mauern.«

Bilder für die verwandelnde Kraft, die Psalmen entfalten können. Menschen, die in der tiefsten Verzweiflung Gott mit diesen Liedern ihre Angst und Not entgegengeschrien, entgegengegebrüllt haben, konnten das immer wieder erleben. Stumm gemacht vom Leid, haben sie in den Psalmen den letzten Strohhalm ergriffen, die letzte Möglichkeit, Gefühle, Ängste, Wut und Enttäuschung doch noch zu artikulieren. Und solches Aussprechen weckt verschüttete Kräfte, mobilisiert den Kampfgeist, verändert die Lage. Es gibt die Geschichte von jenem ostjüdischen Rabbi, der Menschen in scheinbar auswegloser Situation zu raten pflegte: »Verlasst euch nicht auf Wunder, sondern rezitiert Psalmen!«

Im Gespräch mit Gott, in der Konfrontation mit dem eigenen Schatten entdeckt der Psalmbeter die Möglichkeit, aus dem lähmenden Kreisen um sich selbst auszubrechen. Und während er seine Emotionen offenbart, beginnt er zu ahnen, dass er seinen Teil Schuld an der Situation trägt, dass der »Feind« in ihm selbst sitzt und nicht nur bei den anderen. Während er Gottes Größe und Güte begreift, bekommt er Kraft, die inneren Götzen zu entmachten. Was die Psalmen in eingängigen archaischen Bildern illustrieren:

»Mein Gott macht meine Finsternis hell (...) Gott hat mich mit Kraft umgürtet, er führte mich auf einen Weg ohne Hindernis (...) Du schaffst meinen Schritten weiten Raum (...)«

»Unsere Seele ist wie ein Vogel dem Netz des Jägers entkommen; das Netz ist zerrissen, und wir sind frei.«

Was Davids Frau peinlich fand

So wird auch verständlich, wie kostbar vorgegebene Texte sein können. Der immer gleiche, vertraute Wortlaut kann ein Gerüst sein, wenn mich die Enttäuschung leer und der Schmerz sprachlos gemacht hat. Da ist es hilfreich, einer Weisheit zu begegnen, die nicht morgen schon wieder veraltet ist, einen tragfähigen Boden zu finden, der nicht morgen schon einzubrechen droht.

Uralte Weisheit: Die spirituellen Erfahrungen von Jahrtausenden sind in die Psalmen eingeflossen, in die Urtexte und in die vielfältigen Übertragungen. Diese Lieder sind zu den unterschiedlichsten Anlässen entstanden: für die großen liturgischen Feiern im Jerusalemer Tempel, für die Opfer, die dort von einzelnen Familien dargebracht wurden, für Feste am Königshof, aber auch als Meditationstexte der Weisheitsschulen oder als Vorlagen für das intime Gebet des Einzelnen.

Vielfältig wie die Anlässe sind die Verfasser. Natürlich ist nicht wissenschftlich gesichert, dass die im Lauf der Jahrhunderte zusammengewachsene, immer wieder bearbeitete Liedersammlung von König David stammt. Der tanzte zwar so ausgelassen vor der Bundeslade, dass es seine Frau - pardon: eine seiner Frauen - peinlich fand, und er mag ein begabter Musiker gewesen sein, aber in dem zum Teil erst ziemlich spät entstandenen Psalmenbuch finden sich von ihm allenfalls Spuren, Fragmente.

Die Exegeten sind sich einig, dass der »Psalter« eine ganze Reihe von Gebetbüchern und Liedersammlungen vereinigt, die jeweils wieder eine komplizierte Entstehungsgeschichte haben. Zu den Autoren gehören Theo­logen und Tempelpriester, Hofdichter und Prophetinnen, Weisheitslehrer und Könige, aber auch ganz normale Leute aus dem Volk.

Der Psalter verbindet Tempelgesänge und Volkslieder, Trostgebete und Widerstandslyrik, mystische Gottespoesie und frühe Protestsongs gegen die Gewalt der herrschenden Cliquen. Verschiedene Exegeten vertreten die These, dass sich in diesen Texten zur Zeit Jesu vor allem die Armen und Entrechteten und die in Opposition zur Jerusalemer Führung Stehenden wiedergefunden hätten. Die reiche, angepasste, mit den Römern kollaborierende Oberschicht habe mit der hier verkündeten Hoffnung auf den Messias und Befreier wenig anfangen können.

Psalmenartige Lieder und Meditationen gibt es überall im altorientalischen Umfeld, im ägyptischen Totenbuch, in den sumerischen Hymnen, in den Inschriften, die man in Babylon und Ninive gefunden hat. Aber nirgendwo transportieren diese Texte eine derart intensive persönliche Beziehung zwischen Mensch und Gott wie in Israel. Die Psalmen haben nichts von dem gelangweilten Pflichtbewusstsein, mit dem man ein vorgeschriebenes Gebetspensum verrichtet. In ihnen steckt Freude an Gott - vielleicht sollte man sogar sagen: Lust an Gott. Mut zum Leben, Vertrauen, Neugier, freilich auch Melancholie, Enttäuschung, Bitterkeit.

»Gott, du mein Gott, dich suche ich, meine Seele dürstet nach dir (...) Denn deine Huld ist besser als das Leben (...), jubeln kann ich im Schatten deiner Flügel.«

Aber wie vertragen sich Hass und Rachegefühle, von denen manche Psalmen förmlich vibrieren, mit diesem Vertrauen auf den guten Gott? Religionskritische Autoren werfen der jüdisch-christlichen Weltsicht selbstgerechten Fanatismus und pathologische Gewaltbereitschaft vor und begründen das scheinbar ziemlich schlüssig mit Bibeltexten wie diesen:

»Soll ich die nicht hassen, Herr, die dich hassen, die nicht verabscheuen, die sich gegen dich erheben? Ich hasse sie mit glühendem Hass; auch mir sind sie zu Feinden geworden.«

»Tochter Babel, du Zerstörerin! Wohl dem, der dir heimzahlt, was du unter uns getan hast! Wohl dem, der deine Kinder packt und sie am Felsen zerschmettert!«

Die sperrigen und oft erschreckenden Hasstiraden und Rachewünsche in der hebräischen Bibel und, was oft übersehen wird, auch im Neuen Testament, haben jedoch ihren guten Sinn und gehören zu einem facettenreichen literarischen Gesamtkunstwerk. Argument eins: Die so genannten »Fluchpsalmen« machen klar, dass der biblische Gott auf der Seite der Kleinen und Entrechteten steht, dass er Gerechtigkeit im Sinn hat und wachsweiche Neutralität verabscheut.

Argument zwei: Der zornige Schrei nach Gerechtigkeit und Vergeltung rettet den Unterdrückten ihre Würde und mobilisiert den Willen zum Überleben. Die Wut hinauszuschreien, den Gewalttäter in die Hölle zu wünschen, ist für die Opfer der Geschichte vielleicht die letzte Möglichkeit, sich noch als Mensch zu erfahren.

Der dritte Grund hat wieder etwas mit Therapie zu tun: Kränkungen und Aggressionen nicht zu verdrängen, sondern zuzulassen und zu artikulieren, wirkt befreiend. Der Alttestamentler Erich Zenger (Münster) hält es für enorm wichtig, »die Ängste und Aggressionen im Gebet vor Gott auszusprechen, sie gewissermaßen in seine Hände zu legen, damit sie nicht urplötzlich die eigenen Hände zur Tat treiben!«

Wer Gott seine Wut anvertraut, ihn um Vergeltung bittet, tut damit ja gleichzeitig den ersten Schritt, auf Rache zu verzichten, den Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt zu durchbrechen. Denn er weiß - wenn er auch nur die leiseste Ahnung vom Gott der Bibel hat - , dass dieser Gott kein Rachegott ist, dass er andere Möglichkeiten hat, das gestörte Gleichgewicht der Welt wieder in Ordnung zu bringen. Bei Gott ist Gerechtigkeit, aber auch Barmherzigkeit. Man darf darauf hoffen, dass er eine Welt schaffen wird, in der die Würde der Opfer anerkannt und die kaputte Seele der Täter geheilt, verwandelt wird.

Nachtherbergen für die Wegwunden

Die Renaissance der Psalmdichtung im vergangenen Jahrhundert hat viel mit solchen Verarbeitungsprozessen zu tun. Psalmen kommen aus einer »Landschaft aus Schreien«, sagt die in dunkle Bilder verliebte Lyrikerin Nelly Sachs. Sie hat sich einen wunderbaren Namen für die Psalmen ausgedacht: »Nachtherbergen für die Wegwunden« nennt sie die biblischen Lieder der Verzweifelten. Und der Dichter Rainer Maria Rilke gestand: »Ich habe die Nacht einsam hingebracht ... und habe schließlich die Psalmen gelesen, eines der wenigen Bücher, in dem man sich restlos unterbringt, mag man noch so zerstreut und ungeordnet und angefochten sein.«

Es geht hier nicht um die Versuche, die biblischen Texte in eine neue Sprache zu übertragen, frisch und verstörend, wie sie etwa der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber oder der deutsche Poet Arnold Stadler (Jahrgang 1954) unternommen haben. Es geht um jenes Tasten und Experimentieren, das sich von Stil und Inhalt der klassischen Psalmen inspirieren lässt, die Welt zu hinterfragen, die Ränder des Lebens auszuleuchten, den Schöpfer - wenn es ihn gibt - vor Gericht zu stellen. Das kann die endgültige Absage an die Gottestradition bedeuten:

»Niemand knetet uns wieder aus Erde und Lehm, niemand bespricht unsern Staub. Niemand.«

So Paul Celan in einem Text, den er knapp und eindeutig »Psalm« nennt. Vorsichtiger äußert sich Rose Ausländer:

»Gott Schöpfer aller Dinge
Du bist nicht
gut
Du bist nicht
schlecht
Du bist«

BUCHTIPPS

Jörg Zink, Psalmen und Gebete der Bibel, Kreuz Verlag
  Jörg Zink, Psalmen und Gebete der Bibel, Kreuz Verlag, 144 S., ISBN 3-7831-1755-0, 12,90 Euro.

 

Pierre Stutz, Du hast mir Raum geschaffen, Herder Verlag
  Pierre Stutz, Du hast mir Raum geschaffen, Herder Verlag, 160 S., ISBN 3-451-05424-8, 8,90 Euro.

 

  Erich Zenger: Psalmenauslegungen. 4 Bände, Herder 2003, Zus. 894 S., ISBN: 3451276151, 38 Euro.

 

Redelf von Busch, Gott, du mein Hirte - Psalmgebete, Claudius 2004
  Redelf von Busch, Gott, du mein Hirte - Psalmgebete, Claudius 2004, 72 S., ISBN 3-532-62314-5, 6,80 Euro, erscheint im Oktober 2004. Sie können das Buch aber schon über die Claudius Versandbuchhandlung vorbestellen: Tel. (089) 12172-119, E-Mail: vsb@epv.de

BESTELLUNG:

Claudius Versandbuchhandlung
Heide Warkentin
Birkerstr. 22 80636 München
Tel. (089) 12172-119
Fax (089) 12172-138
E-Mail: vsb@epv.de