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Sonntagsblatt 27/ vom

Augsburg, Prag, Auhausen

Warum ein schwäbisches Klosterdorf einen Platz in der »Enzyclopaedia Britannica« hat - Markstein 1608


Die einstige Klosterkirche abseits der Verkehrswege, vergessen zwischen Wiesen und Scheunen gelegen, der Ortsname in vielen Büchern falsch geschrieben: Auhausen an der Wörnitz ist die wahrscheinlich am meisten unterschätzte Stätte protestantischer Geschichte in Bayern.

Die einzige überlieferte Ansicht der einstmals überaus stattlichen Klostergebäude von Auhausen findet sich auf der Predella des Hochaltars von Hans Schäufelein. Im Konventsgebäude (rechts) fanden die Verhandlungen über die »Protestantische Union« statt.
Foto: Archiv
   Die einzige überlieferte Ansicht der einstmals überaus stattlichen Klostergebäude von Auhausen findet sich auf der Predella des Hochaltars von Hans Schäufelein. Im Konventsgebäude (rechts) fanden die Verhandlungen über die »Protestantische Union« statt.

Dabei wurde hier deutsche, ja, europäische Geschichte geschrieben, als nämlich im Mai 1608 in Auhausen (und weder in Ahausen noch in Anhausen) führende Vertreter der protestantischen Fürstenhäuser zusammenkamen, um ein Verteidigungsbündnis gegen die machtvoll aufstrebende katholische Gegenreformation zu schmieden: die »Protestantische Union«, der entscheidende Markstein reformatorischer Geschichte zwischen Augsburger Religionsfrieden und Prager Fenstersturz, der Auhausen bis heute - unter anderem - eine Erwähnung in der »Encyclopaedia Britannica« beschert. Auch die »Unionstraße« im Zentrum von Berlin verdankt ihren Namen dem schwäbischen Dorf.

Dabei war doch Auhausens große Zeit zu Beginn des 17. Jahrhunderts längst vorbei: Das seit 1138 bezeugte Benediktinerkloster war der Reformation zum Opfer gefallen und zum markgräflichen Klosterverwaltungsamt herabgesunken. Umso größere Augen werden die Rieser Bauern gemacht haben, als Anfang Mai 1608 fremdes, hochherrschaftliches Volk, Soldaten, Kanzleischreiber, Geistliche, Diener und Handwerker im Dorf erschien, um die damals noch reich vorhandenen einstigen Klostergebäude zu beziehen und für die Ankunft noch höherer Herrschaften vorzubereiten.

Eröffnete die Konferenz: Christian von Anhalt-Bernburg, der kurpfälzische Statthalter in Amberg und der »Oberen Pfalz«. Er war gewissermßen das »Gehirn« der Religionspolitik der Kurpfalz.
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   Eröffnete die Konferenz: Christian von Anhalt-Bernburg, der kurpfälzische Statthalter in Amberg und der »Oberen Pfalz«. Er war gewissermßen das »Gehirn« der Religionspolitik der Kurpfalz.

Die beschauliche Stille des gewesenen Klosters war dem geschäftigen Treiben eines gut bewachten Gipfeltreffens gewichen, als am Morgen des 12. Mai 1608 im Konventsaal Christian von Anhalt-Bernburg die Tagung eröffnete, kurpfälzischer Statthalter in der Oberpfalz, Leiter der kurpfälzischen Politik und überhaupt der in jenen Jahren umtriebigste Kopf unter den protestantischen Reichsfürsten.

Die Teilnehmerliste liest sich wie das »who is who« des süddeutschen Protestantismus: Als Gastgeber war der Ansbacher Markgraf Joachim Ernst zugegen, mit ihm sein Bruder Christian, Markgraf von Brandenburg-Bayreuth; Markgraf Georg Friedrich von Baden war ebenso persönlich anwesend wie der württembergische Herzog Johann Friedrich. Aus dem nahen Pfalz-Neuburg war Herzogsohn Wolfgang Wilhelm erschienen.

Zehn Stunden täglich verhandelten die Fürsten höchstselbst, um am 16. Mai vor Ort das letzte von mehreren Abkommen zu unterzeichnen - eine Leistung, die eingedenk der noch heute üblichen Langwierigkeit diplomatischer Händel nicht anders als herkulisch genannt werden kann. »Die Eintracht und Nachgiebigkeit unter den Fürsten war eine ungewöhnliche; man vermochte fast alle Fragen, über die man so viele Jahre gestritten hatte, im Lauf von fünf Tagen zu erledigen«, schrieb der Historiker Moriz Ritter 1873 in seinem bis heute gültigen Standardwerk über die »Geschichte der deutschen Union«.

Das Torhaus und die gewaltige doppeltürmige Kirche lassen bis heute die Pracht des einstigen Klosters Auhausen erahnen.
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   Das Torhaus und die gewaltige doppeltürmige Kirche lassen bis heute die Pracht des einstigen Klosters Auhausen erahnen.

Zum ersten Mal seit dem Schmalkaldener Bund hatten sich die deutschen Protestanten zu einem Bündnis zusammengefunden, das von einer großräumigen politischen Strategie getragen war. Seit dem Augsburger Religionsfrieden war das Verhältnis zwischen den Konfessionen abgekühlt: Vom »Kölner Krieg« von 1583 bis zur Besetzung der Stadt Donauwörth durch den Baiernherzog Maximilian 1607 tat sich ein Konfliktherd nach dem anderen auf. Die Spannungen entluden sich - vorerst noch auf diplomatischer Ebene - auf dem Regensburger Reichstag, den die protestantischen Reichsstände am 27. April 1608 unter Protest verließen, weil sich die katholische Seite gegen eine Neubestätigung des Religionsfriedens gewehrt hatte.

Schon drei Wochen später war das Bündnis geschmiedet, dem sich später noch eine Reihe weiterer evangelischer Reichsstände anschloss, darunter Graf Ludwig von Oettingen und die Reichsstadt Nürnberg. Die Unterzeichner versprachen sich gegenseitigen militärischen Schutz im Falle von Übergriffen Dritter (wie im Falle von Donauwörth geschehen) - die Union war als reines Defensivbündnis angelegt. Die katholische Seite antwortete 1609 mit der Gründung der »Liga«. Die militärische Ausgangslage für den Dreißigjährigen Krieg war eingenommen. Der hatte kaum begonnen, als sich die Union übrigens wieder auflöste - die Interessen der protestantischen Reichsstände hatten sich als zu vielfältig erwiesen.

Von Auhausen redete da schon lang niemand mehr. 1680 brannten Teile des ehemaligen Klosters ab; ab 1818 besorgten die Grafen von Oettingen-Spielberg, seit kurzem Besitzer, den Abbruch der restlichen Gebäude. Wer sich heute bei einem Umgang um die Kirche die unterschiedlichsten Blickwinkel auf die Giebellandschaft des Klosterdorfes gönnt, wer schließlich die dreischiffige romanische Basilika mit ihren beiden mächtigen Westtürmen betritt, vermeint noch heute den Atem des Mittelalters zu spüren: »Da ist was geblieben von dem Besonderen«, freut sich Pfarrer Matthias Knoch. Das »Halleluja«, das er anstimmt, kommt aus dem Gewölbe als erhebender benediktinischer Mönchsgesang zurück.

An die Unionsgründung von 1608 erinnert nur ein naives Fresko im Flur der Gemeindekanzlei.
Foto: Fechter
   An die Unionsgründung von 1608 erinnert nur ein naives Fresko im Flur der Gemeindekanzlei.

Der gotische Hochchor mit dem Altar des berühmten Meisters Hans Schäufelein gibt einen Hinweis auf die Blütezeit unter dem letzten Abt Georg Truchseß von Wetzhausen. Eine kurze Blüte allerdings, die im Bauernkrieg von 1525 ihr jähes Ende fand. Von den Zerstörungen - die abgeschlagenen Nasen im Chorgestühl sind bis heute zu sehen - hat sich die Abtei nie mehr erholt.

Wenn es nach Knoch geht, könnte der Auhäuser Dornröschenschlaf bald auf charmante Weise zu Ende sein. Das Abtshaus, neben dem Torhaus letzter Profanbau aus der Klosterzeit, steht zum Ankauf, und der Pfarrer träumt von einem kleinen Meditationszentrum im Schatten der alten Benediktinertürme. Dort könnte dann auch gleich eine kleine Dauerausstellung über jene »Union von Auhausen« Platz finden, an die heute nur ein sehr schlichtes Fresko im Flur der Gemeindekanzlei erinnert. Für die Eröffnung kommt im Grunde nur ein Jahr ein Frage: 2008, das Gedenkjahr zur 400-jährigen Wiederkehr jener Union, die Auhausen für einen kurzen Moment in die Mitte der europäischen Politik katapultierte.

  In der nächsten Woche stellen wir eine Stadt vor, die sich bis heute mit einem großen Stadtfest an die Widrigkeiten des konfessionellen Zeitalters erinnert.

SERIE

Stätten protestantischer Geschichte in Bayern

 

Alle Folgen der Serie » Stätten protestantischer Geschichte in Bayern und weitere Informationen finden Sie » hier...

 

INFORMATIONEN

Adressen

  Ev.-Luth. Kirchengemeinde Auhausen, Klosterhof 4, 86736 Auhausen, Tel. (09832) 7630.

Literaturtipp

  Klaus Sturm: Geschichte des Klosters Auhausen an der Wörnitz. Eichstätt 1970

Thomas Greif