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Sonntagsblatt 19/ vom

Die vergebene Chance

Vor 400 Jahren wurde in Auhausen im Ries die »Protestantische Union« gegründet

Von Thomas Greif

Das Wetterleuchten des Großen Krieges lag über dem Horizont; im Heiligen Römischen Reich jagte eine Krise die andere, und jede hatte irgendetwas mit der Konfession zu tun. Vor 400 Jahren, am 14. Mai 1608, gründeten sechs bedeutende Reichsfürsten im schwäbisch-fränkischen Auhausen die »Protestantische Union«, und auf einmal tat sich für den deutschen Protestantismus eine gewaltige politische Option auf, die das Zeug hatte, die Zeitläufte in Europa entscheidend zu beeinflussen. Doch die Geschichte des »G6« von Auhausen ist die Geschichte eines Scheiterns.

Im Konvent des ehemaligen Benediktinerklosters Auhausen (Gebäude rechts) fanden im Jahr 1608 die Verhandlungen über die »Protestantische Union« statt. Bild: Predella des Hochaltars in der Klosterkirche von Hans Schäufelin.
Foto: Archiv
   Im Konvent des ehemaligen Benediktinerklosters Auhausen (Gebäude rechts) fanden im Jahr 1608 die Verhandlungen über die »Protestantische Union« statt. Bild: Predella des Hochaltars in der Klosterkirche von Hans Schäufelin.

Mag auch »Auhausen« als Stichwort in der enzyclopaedia britannica verzeichnet sein, mag in Berlin eine »Unionstraße« existieren: Das Bündnis von 1608 spielt im historischen Gedächtnis der Nation keine Rolle mehr. Die Erinnerung an den Dreißigjährigen Krieg hat dessen Vorgeschichte weitgehend zugedeckt. Bis vor Kurzem stammte die aktuellste historische Darstellung der Auhausener Ereignisse aus dem Jahr 1873.

Es stimmt, die »Protestantische Union« endete schon 1621, 13 Jahre nach ihrer Gründung, ohne jemals recht in Tritt gekommen zu sein. Sie war mit großen Ambitionen gestartet, aber sie blieb ein zahnloser Papiertiger. Die Verteidigung des deutschen Protestantismus, die man sich auf die Fahnen geschrieben hatte, musste Jahre später der Schwedenkönig Gustav II. Adolf übernehmen.

Geburtsort der »Protestantischen Union«: Die stolze Pfarrkirche von Auhausen zeugt bis heute von der einstigen Bedeutung des früheren Benediktinerklosters.
Foto: Kirchengemeinde Auhausen
   Geburtsort der »Protestantischen Union«: Die stolze Pfarrkirche von Auhausen zeugt bis heute von der einstigen Bedeutung des früheren Benediktinerklosters.

Aber: Das alles konnte anno 1608 niemand absehen. Das Bündnis von Auhausen war damals ein diplomatischer Paukenschlag, der bis nach London, Paris und Rom hallte. Und auch oder vielleicht gerade ihr Scheitern macht die Union bis heute bedenkenswert.

Ein Rückblick: 1555 hatten sich die deutschen Konfessionsparteien nach jahrzehntelangen zermürbenden Auseinandersetzungen auf einen brüchigen Waffenstillstand geeinigt - den »Augsburger Religionsfrieden«. Dass er tatsächlich einige Jahrzehnte hielt, hatte weniger mit der Deutlichkeit der Vertragsformulierungen zu tun - die waren, im Gegenteil, vielfach so gefasst, dass sich jeder seine eigene Wahrheit herauslesen konnte -, sondern mit der persönlichen Kriegsmüdigkeit der Protagonisten.

Schon eine Generation später ging der Streit, vielfach mit Waffengewalt ausgetragen, wieder von vorn los. Während sich der Protestantismus in Mittel- und Norddeutschland fast flächendeckend ausbreitete, formierte sich im Süden die katholische Gegenreformation.

In der mehrheitlich evangelischen Reichsstadt Donauwörth erreichten die wechselseitigen Nadelstiche im Jahr 1607 einen neuen Eskalationsgipfel: Weil eine katholische Prozession mit Fäusten und Mistgabeln am Zug durch die Stadt gehindert worden war, setzte die katholische Partei in nie erwarteter Schnelligkeit die Hebel des Reichsrechtes in Bewegung. Der Baiernherzog Maximilian besetzte mit einem zweifelhaften Mandat des Kaisers in der Tasche die Stadt und verleibte sie de facto seinem Herzogtum ein, Rekatholisierung inbegriffen.

Die einzige Darstellung der Unionsgründung stammt aus einem Wandbilderzyklus im Bayerischen Nationalmuseum in München. Gefertigt hat es August Hövemeyer (1824-1878) nach einem Entwurf von Friedrich Max von Thiersch. Das Bild wurde vermutlich im Zweiten Weltkrieg zerstört. Es zeigt Friedrich IV., Kurfürst der Pfalz, inmitten der anderen an der Gründung beteiligten Fürsten...
Foto: Archiv
   Die einzige Darstellung der Unionsgründung stammt aus einem Wandbilderzyklus im Bayerischen Nationalmuseum in München. Gefertigt hat es August Hövemeyer (1824-1878) nach einem Entwurf von Friedrich Max von Thiersch. Das Bild wurde vermutlich im Zweiten Weltkrieg zerstört. Es zeigt Friedrich IV., Kurfürst der Pfalz, inmitten der anderen an der Gründung beteiligten Fürsten...

Die Protestanten schäumten und verlangten auf dem Regensburger Reichstag von 1608 die Bestätigung des Augsburger Religionsfriedens. Die Katholiken antworteten mit der Forderung nach Rückgabe aller seit 1555 evangelisch gewordenen Gebiete - für viele protestantische Herrschaften eine Existenzfrage. Die Protestanten ließen den Reichstag platzen. Damit war auch das letzte noch funktionsfähige Reichsorgan außer Kraft gesetzt.

Unter den evangelischen Fürsten in Süddeutschland, die sich durch den kraftstrotzenden Baiernherzog und das habsburgische Kaiserhaus ganz unmittelbar bedroht fühlten, setzte eine rege Hintergrunddiplomatie ein. Christian von Anhalt, enger Berater und späterer Kanzler des pfälzischen Kurfürsten Friedrich IV., witterte Gefahr für die Oberpfalz, die er seit 1595 als pfälzischer Statthalter regierte. Er begann, Pläne für eine Oberpfälzer »Landrettung« zu schmieden, womit ein Bündnis mit den dortigen protestantischen Nachbarn, vor allem dem Markgrafen von Ansbach, gemeint war.

... Tatsächlich war der Kurfürst in Auhausen nicht zugegen: Er wurde vertreten von seinem Berater und späteren Kanzler Christian von Anhalt (1568-1630).
Foto: Archiv
   ... Tatsächlich war der Kurfürst in Auhausen nicht zugegen: Er wurde vertreten von seinem Berater und späteren Kanzler Christian von Anhalt (1568-1630).

Doch schnell sprangen andere auf den Zug auf: Die Neuburger, die Württemberger, die Kulmbacher, die Badener. Die Bedrohung schien übermächtig: »Man glaubte sich einer grandiosen, von Rom und Madrid gesteuerten Verschwörung zur Vernichtung des Protestantismus schlechthin ausgesetzt«, urteilt der Würzburger Historiker Hans-Wolfgang Bergerhausen. Was jahrzehntelang - nämlich seit den Zeiten von Schmalkalden - vergeblich debattiert worden war, ein umfassendes protestantisches Bündnis im Reich nämlich, konnte plötzlich binnen Wochen gedeihen.

Christian von Anhalt schrieb nach Ansbach, man möge doch »in Roth, Aurhausen oder sonsten inn derselben Gegend in der Person erscheinen«. Damit es Herzog Philipp Ludwig von Neuburg nicht so weit hatte, traf man sich schließlich im südlichsten Zipfel der Ansbacher Markgrafschaft, im ehemaligen Benediktinerkloster Auhausen, dessen damals noch vorhandenes Konventgebäude einen halbwegs standesgemäßen Verhandlungsort abgeben konnte. Das Geheimnis der Ortswahl von Auhausen hat der Erlanger Historiker Axel Gotthard erst im Zuge der Vorbereitungen der Gedenkwoche (siehe rechts) gelüftet.

Die meisten Gebäude des ehemaligen Klosters, in denen die Beratungen über die Union stattfanden, verschwanden im 19. Jahrhundert. Diese Zeichung stammt aus dem Jahr 1828, als das Konventgebäude gerade abgerissen worden war.
Foto: Kirchengemeinde Auhausen
   Die meisten Gebäude des ehemaligen Klosters, in denen die Beratungen über die Union stattfanden, verschwanden im 19. Jahrhundert. Diese Zeichung stammt aus dem Jahr 1828, als das Konventgebäude gerade abgerissen worden war.

Markgraf Joachim Ernst hatte seine blaublütigen Gesprächspartner zwar noch gewarnt, die Herren sollten »wegen des schlechtten ortts mit sovil weniger leuten einkommen«, doch das hinderte etwa den Neuburger nicht, allein 28 Kutschen gen Auhausen in Bewegung zu setzen. Allein das Gefolge des Ansbacher Markgrafen zählte rund 70 Leute.

In Auhausen verhandelten die Fürsten (mit Ausnahme des Kurpfälzers, der durch Christian von Anhalt vertreten wurde) persönlich, und zwar »mit eiffer und fleiß, fast alle morgen von sieben ure bis nach den elfen un nachmittags von zwei ur bis nach den achten« - eine herkulische Leistung, die das akute Bedrohungsgefühl der Versammelten wahrscheinlich am deutlichsten macht.

Nach unglaublich kurzen vier Tagen wurde die Gründungsakte der Union unterzeichnet. Die Mitglieder der Union sicherten sich darin gegenseitigen militärischen Beistand im V-Fall zu: Das Auhausener Bündnis hatte defensiven Charakter. Ein Jahr später bildeten die Katholiken in München die »Liga« - die politischen Gefechtsstationen waren eingenommen.

Die Fassade der ehemaligen Klosterkirche Auhausen.
Foto: Archiv
   Die Fassade der ehemaligen Klosterkirche Auhausen.

Freilich, die Union krankte an einigen Geburtsfehlern. Es gelang ihr nie, wesentlich über Süddeutschland hinauszugreifen. Ihren Höchststand an Mitgliedern erreichte sie 1610 mit 29 Reichsständen; unter denen fehlten aber fast alle mittel- und norddeutschen Mächte, insbesondere das kaisertreue Kursachsen, dessen Räte von sich selber sagten: »politice sein wir Bäpstisch.«

Reichsstädte wie Nürnberg, Ulm oder Straßburg schlossen sich dem Bund mit gemischten Gefühlen an, weil sie spürten, dass sie nur als Zahlmeister benötigt wurden. Gravierender aber noch war das wesensverschiedene Grundverständnis der calvinistischen und der lutherischen Mitglieder. Die Calvinisten mit dem Kurfürst von der Pfalz an der Spitze dachten in europäischen Zusammenhängen und suchten die Lösung der dräuenden Konflikte, notfalls mit Gewalt. Die Lutheraner bremsten. »Calvinistischer Aktionismus und Internationalismus standen neben lutherischem Regionalismus und Legalismus«, hat Bergerhausen festgestellt.

Als 1618 mit dem Prager Fenstersturz der ganz große Konflikt ausbrach, befand sich die Union bereits in Agonie. Nur einen Winter lang konnte sich der pfälzische Kurfürst Friedrich V. an der böhmischen Königskrone freuen: Die formal von ihm geführte Union schloss 1620 in Ulm einen Nichtangriffspakt mit dem Baiernherzog Maximilian und löste sich ein Jahr später unter spanisch-französischem Druck auf. »Wer sich salvieren könnt, sollts thun«, schrieben die Kanzleidiplomaten: Rette sich, wer kann.

Es brauchte 30 entsetzliche Kriegsjahre, damit die europäischen Herrschaften schließlich doch noch auf den Trichter kamen, den die gemäßigten Kräfte innerhalb der Union schon eine Generation zuvor verfochten hatten: die Streitfragen nämlich in einer Art »rundem Tisch« zu besprechen, ohne dabei gleich von vornherein andere Meinungen niederzustimmen. Dieser Tisch stand dann in Münster und Osnabrück - an ihm wurde der »Westfälische Friede« ausgehandelt, der den Protestanten vieles von dem zugestand, was sie zu Auhausener Zeiten schon gefordert hatten.

SERIE

Stätten protestantischer Geschichte in Bayern

 

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»PROTESTANTISCHE UNION«

Bayernkarte: Auhausen

 

INTERVIEW

Gemischte Gefühle

Wolfgang Layh (40) ist seit dem vergangenen Jahr Pfarrer von Auhausen.
Foto: sob
   Wolfgang Layh (40) ist seit dem vergangenen Jahr Pfarrer von Auhausen.

  Herr Layh, wissen die Auhausener eigentlich, dass sie im Geschichtsbuch Europas stehen?

Layh: Das Datum spukte in den Köpfen, ohne dass man genau wusste, was damals eigentlich los war. Eine Arbeitsgruppe der Gemeinde hat sich seit Jahren intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt - unter anderem durch Fahrten in auswärtige Archive. Am Ende gab es gemischte Gefühle.

  Inwiefern gab es gemischte Gefühle?

Layh: Man hat gemerkt, dass der Jahrestag der Unionsgründung kein Anlass zum Feiern ist - daher ja auch der Name »Gedenkwoche«. Wir sehen die große Bedeutung Auhausens vor 400 Jahren, aber auch die verheerenden Folgen der Politik jener Zeit. Wir erinnern uns mit einer gewissen Nachdenklichkeit. Das drückt sich auch im Programm aus.

  Welche Botschaft geht im Jahr 2008 von Auhausen aus?

Layh: Gott sei Dank fechten wir konfessionelle Meinungsverschiedenheiten heute nicht mehr so aus wie vor 400 Jahren. Unsere Gedenkwoche setzt einen ganz starken ökumenischen Akzent. Das hat in Auhausen schon Traditon - hier fand schon vor 32 Jahren ein damals viel beachteter ökumenischer Gottesdienst mit Landesbischof Johannes Hanselmann und dem Augsburger Bischof Josef Stimpfle statt.     (thg)

GEDENKWOCHE

DIE GEMEINDE AUHAUSEN steht vor einem wahren Veranstaltungsmarathon: Zunächst beginnt am Pfingstsamstag die Gedenkwoche »400 Jahre Protestantische Union«, an die sich eine Reihe hochkarätiger kultureller Termine im Monatstakt anschließt. Im Jahr 2009 wird dann das Ortsjubiläum »1050 Jahre Auhausen« gefeiert.

  Pfingstsamstag, 10. Mai, 16 Uhr: Ökumenischer Vesper-Gottesdienst mit Regionalbischof Ernst Öffner (Augsburg) und Bischof Gregor Hanke (Eichstätt). Anschl. Empfang und Ausstellungseröffnung. 18.30 Uhr: Konzert mit »Franconia Vocalis« zum Abschluss der Rieser Kulturtage

  Pfingstsonntag, 11. Mai, 19.30 Uhr: Vortrag »Die Union von Auhausen« von Professor Axel Gotthard (Uni Erlangen)

  Pfingstmontag, 12. Mai, 19.30 Uhr: Konzert mit »His Majesty's Sagbutts and Cornetts«

  Dienstag, 13. Mai, 19.30 Uhr: Festspiel »Die Gründung der Union von Auhausen« im Klosterhof

  Mittwoch, 14. Mai, 19.30 Uhr: Friedensgebet mit Prof. Heinrich Grosse (Hannover)

  Donnerstag, 15. Mai, 19 Uhr: Vortrag »Auhausen im 17. Jahrhundert« von Kreisheimatpfleger Herbert Dettweiler

  Freitag, 16. Mai, 19.30 Uhr: Ökumenischer Gottesdienst zum Abschluss der Gedenkwoche

  Sonntag, 20. Juli, 17 Uhr: Konzert mit dem Windsbacher Knabenchor

  INFORMATIONEN: Kirchengemeinde Auhausen, Klosterhof 4, 86736 Auhausen, Tel. (09832) 7630, Internet: www.kirche-auhausen.de. Hier kann auch die Festschrift mit allen Vorträgen bestellt werden (6 €).

 

 

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