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Sonntagsblatt 42/ vom

Mehr Rechte den Gemeinden

Neue innerkirchliche Opposition kritisiert Evangelische Landeskirche


Die Leitung der evangelischen Landeskirche gerät unter Beschuss aus den eigenen Reihen.

Gegen Zentralismus und Gängelung von oben haben sich rund 150 Teilnehmer eines Aktionstages am letzten Wochenende in Nürnberg gewandt. Kritische Pfarrer hatten Kirchenvorsteher aus ganz Franken zu dem Forum »Aufbruch Gemeinde« eingeladen. Sie forderten mehr Rechte für die Ortsgemeinden in Finanzfragen und Personalangelegenheiten.

Während die Ortsgemeinden von der Kirchenleitung immer weniger Geld und Personal zugewiesen bekämen, sei für teuere Events und Großprojekte wie den Neubau des Landeskirchlichen Archivs für 20 Millionen Euro und die Einrichtung einer Jugendkirche genug Geld da, beklagten die Kritiker. Trotz gegenteiliger Beteuerungen nehme die Kirchenleitung die Gemeinden immer weniger wichtig, sagte der Pegnitzer Dekan Gerhard Schoenauer. Es habe ein klammheimlicher Perspektivwechsel stattgefunden: Die Gemeinden würden nicht mehr als Fundament der Kirche betrachtet, sondern als Funktionen einer von oben organisierten Großkirche.

Es herrsche ein paternalistisches System, das das Kirchenvolk zum Betreuungsobjekt degradiere, sagte einer der Wortführer der Kritiker, der Leiter des Nürnberger Predigerseminars, Martin Hoffmann. Nur über 27 Prozent des Kirchensteueraufkommens könnten die Gemeinden selbstständig verfügen. Die Verantwortung für das Geld müsse wieder dort hin, wo es herkomme: in die Gemeinden.

Auch die Personalhoheit müsse an die Basis zurückverlagert werden, forderte Hoffmann. Die Ortsgemeinden seien durchaus in der Lage, selbst zu entscheiden, ob sie sich eine Pfarrerin, einen Kirchenmusiker oder eine Pfarramtssekretärin leisten könnten.

Kirchensteueraufkommen parochial erfassen

Als ersten Schritt zu Veränderungen des Finanzsystems haben die Initiatoren des Forums die Kirchenvorstände aufgerufen, bei der Münchner Kirchenleitung schriftlich Auskunft über die Höhe des Kirchensteueraufkommens in ihrer Gemeinde zu erfragen.

Zudem sollten sie ihre zuständigen Synodalen zu Gesprächen einladen und Rechenschaft verlangen über Kosten und Ergebnisse der von ihnen beschlossenen landeskirchlichen Projekte. Weiterer Vorschlag: Die Kirchenvorstände sollen bei der Landessynode beantragen, dass für übergemeindliche Aufgaben und kirchenleitende Ämter nur noch Bewerber zum Zuge kommen, die vorher sechs Jahre Gemeindearbeit geleistet haben. Um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, erwägen die Initiatoren des Forums die Gründung eines »Gemeindebundes« innerhalb der bayerischen Landeskirche.

Vetreter der Kirchenleitung warnten bei der Versammlung die Kritiker vor einem Konfrontationskurs. Ein Streit über Gesamtkirche und Ortsgemeinde sei so überflüssig wie über Henne und Ei, sagte der für die Gemeinden zuständige Oberkirchenrat Hans-Peter Hübner. Beide brauchten einander. Die Behauptung, die Ortsgemeinden seien für die Kirchenleitung zur Nebensache geworden, wies er zurück. Nach seinen Zahlen werden 73 Prozent des Kirchenhaushalts für die Gemeinden ausgegeben.

Das »Forum Aufbruch Gemeinde« ist in den vergangenen zehn Jahren bereits der dritte Versuch, eine Opposition zum Kurs der Kirchenleitung aufzubauen. Bereits 1999 veröffentlichten Kritiker unter dem Schlagwort »Evangelium hören« ein »Manifest wider die Ökonomisierung der Kirche.« 2002 meldete sich die Gruppe »Bündnis 2008« mit ähnlicher Zielrichtung zu Wort. Beide Initiativen versandeten, aber Mitstreiter von damals sind heute wieder dabei.

»FORUM AUFBRUCH GEMEINDE«

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Mehr Rechte den Gemeinden. Neue innerkirchliche Opposition kritisiert Evangelische Landeskirche. Von Peter Reindl. » lesen!

 

 

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Peter Reindl