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Sonntagsblatt 07/ vom

Streit um eine Königin

Um die Gebeine der ersten Gemahlin Kaiser Ottos des Großen ist ein Streit entbrannt

Von Angela Stoye

Editha von Wessex war die erste Gemahlin des späteren Kaisers Ottos des Großen. Stammen die in einem Sarkophag im Magdeburger Dom gefundenen Gebeine von der legendären Königin?

Die gotischen Statuen von Editha und Otto im Magdeburger Dom. Tatsächlich verkörpern die Figuren die »Ecclesia« (die Kirche) und den »König der Könige«.
Foto: epd-bild
   Die gotischen Statuen von Editha und Otto im Magdeburger Dom. Tatsächlich verkörpern die Figuren die »Ecclesia« (die Kirche) und den »König der Könige«.

Der Zeitpunkt war gut gewählt. Am Vortag des 1063. Todestages der Königin Editha, am 28. Januar, bat das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt zur Pressekonferenz nach Halle. Im Zuge von Grabungen im Magdeburger Dom war im November vergangenen Jahres ein Bleisarg mit menschlichen Überresten entdeckt worden, bei denen es sich um die Überreste der ersten Gemahlin Ottos I. - ab 936 deutscher König und ab 962 Kaiser des Heiligen Römischen Reiches - handeln könnte. Dass die aus einem angelsächsischen Königsgeschlecht stammende Editha (geboren um 910, Heirat mit Otto 929, gestorben am 29. Januar 946 in Magdeburg) im Dom begraben liegt, war unstrittig. Nur der Platz war nicht überliefert.

Der Magdeburger Dom.
Foto: Voigt
   Der Magdeburger Dom.

Das für sie um 1510 unter Erzbischof Ernst von Sachsen errichtete Grabmal aus Sandstein, das im Chorumgang steht, galt bislang als Scheingrab, als Kenotaph. Archäologische Grabungen, die von Herbst 2006 bis Jahresende 2009 angesetzt sind, sollen dazu beitragen, offene Fragen um den ersten gotischen Dom auf deutschem Boden und seinen 1207 abgebrannten ottonischen Vorgängerbau zu beantworten. Im Zuge der Grabungen wurde auch der Untergrund im Chor untersucht. Hier stießen die Archäologen zunächst auf einen Unterbau, den sie ins frühe 13. Jahrhundert datierten. Dieser und der Kenotaph liegen genau in der Mittelachse des gotischen Domes, mit dessen Bau 1209 begonnen worden war. Um die älteren Fundamente untersuchen zu können, musste der Kenotaph abgebaut werden.

In diesem Sarkophag aus dem 15. Jahrhundert fand sich ein Bleisarg mit menschlichen Überresten.
Foto: Voigt
   In diesem Sarkophag aus dem 15. Jahrhundert fand sich ein Bleisarg mit menschlichen Überresten.

       

Der vorherige Blick in sein Inneres per Minikamera zeigte, dass der Kenotaph in Wirklichkeit ein Sarkophag ist. Nach Abnahme des 1,6 Tonnen schweren Deckels kam ein Kasten aus Blei zum Vorschein: 77 mal 21 mal 17 Zentimeter groß und rund 40 Kilogramm schwer. Er enthielt in Leinen gewickelte menschliche Überreste. Die lateinische Inschrift auf dem Deckel beginnt mit den Worten »EDIT REGINE CINERES...«. Der Hallenser Kunsthistoriker, Professor Ernst Schubert, übersetzte sie: »Die geborgenen Reste der Königin Edith sind in diesem Sarkophag, nachdem 1510 schon die zweite Erneuerung dieses Monuments gemacht worden ist im Laufe der Jahre seit der Fleischwerdung des Wortes. Zum Ruhme Christi, des Königs aller Zeiten.«

Die in der Inschrift genannte Jahreszahl stimmt mit der kunsthistorischen Datierung des Sarkophages überein. Dessen Errichter war sich also sicher, hier die Gebeine der Königin Editha erneut zu bestatten.

Die Restauratoren Heinrich Wunderlich und Friedericke Herte mit dem Bleisarg aus dem Magdeburger Dom.
Foto: epd-bild
   Die Restauratoren Heinrich Wunderlich und Friedericke Herte mit dem Bleisarg aus dem Magdeburger Dom.

Weil sich einer der »spektakulärsten Funde der Mittelalter-Archäologie der vergangenen Jahrzehnte« als »sehr fragil« erwies, so Landesarchäologe Harald Meller vor der Presse, habe man ihn sofort stabilisiert und zur weiteren Untersuchung nach Halle gebracht. Die Öffentlichkeit wurde zu diesem Zeitpunkt, im November, nicht informiert. Ein Vorgehen, das nach Bekanntwerden sofort für Streit sorgte. So fühlte sich der Magdeburger Oberbürgermeister Lutz Trümper gekränkt, weil er erst aus der Presse von dem spektakulären Fund erfuhr, und wollte nicht zur Präsentation nach Halle kommen.

Schließlich kam er aber doch. Editha, forderte er, müsse nach Abschluss der Untersuchungen nach Magdeburg zurückkehren. Für ihn sei der Fund »ein emotionales Thema«, weil es mit der Identität der Magdeburger und ihrer Geschichte zu tun habe. »Editha ist Magdeburg«, so Trümper, »und der Dom ist unser Symbol.«

»Gräber werden in der evangelischen Kirche nicht angerührt«, sagt der Magdeburger Domprediger Giselher Quast. Der evangelische Geistliche sprach sich grundsätzlich gegen »Begehrlichkeiten« aus, »in Gräber hineinzugucken«. Die Würde der Toten sei unantastbar.
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   »Gräber werden in der evangelischen Kirche nicht angerührt«, sagt der Magdeburger Domprediger Giselher Quast. Der evangelische Geistliche sprach sich grundsätzlich gegen »Begehrlichkeiten« aus, »in Gräber hineinzugucken«. Die Würde der Toten sei unantastbar.

»Die Haltung der Domgemeinde«, machte sich Domprediger Giselher Quast vor den versammelten Medienvertretern Luft, »geht weit über einen Ärger hinaus, dass die Gebeine nach Halle gekommen sind.« Er sprach sich grundsätzlich gegen »Begehrlichkeiten« aus, »in Gräber hineinzugucken«. Die Würde der Toten sei unantastbar. »Gräber werden in der evangelischen Kirche nicht angerührt.« Zudem sei die Kirche (die Gemeinde ist Nutzer des Domes, Eigentümer ist die Dom- und Schlösserstiftung des Landes Sachsen-Anhalt) »zu jeder Zeit von der Entscheidungsfindung ausgeschlossen worden«. Quast forderte die »schnellstmögliche Rückführung und vollständige Wiederbestattung« des Fundes.

Sachsen-Anhalts Kultusminister Jan-Hendrik Olbertz vermittelte im Streit um die »berühmteste Wahl-Magdeburgerin«. »Editha kommt aus Magdeburg. Editha geht nach Magdeburg. Anders geht es gar nicht«, betonte er. Er forderte Respekt im Umgang mit dem Fund und »Sorgfalt bei der Wahrheitssuche«, denn »es ist ja noch nicht wirklich klar, ob es auch Editha ist«. Zu dem Grundproblem, ob Gräber zu öffnen sind oder nicht, sagte er, dass man »Erkenntnisse nicht limitieren« könne. Jedoch sei »eine Herangehensweise, die einem rein wissenschaftlichen Ansatz folgt, auch nicht richtig«. Er erwarte, dass sich alle Beteiligten über »ein kluges und würdiges Konzept verständigten«.

»Kommunikationsprobleme« räumte Landesarchäologe Harald Meller ein, verteidigte jedoch das lange Stillschweigen um den Fund und das Verbringen nach Halle als fachlich richtige Entscheidung. Weitere Untersuchungen sollen nun klären, ob es sich bei den Gebeinen in den brüchigen Tüchern - eine Computertomografie hatte Langknochen und den Unterkiefer sichtbar gemacht - wirklich um Editha handelt. Unter anderem soll eine Genanalyse zeigen, ob alle Knochen überhaupt von einer Person stammen (Editha wurde mindestens vier Mal umgebettet!) und ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt.

Andere Untersuchungen sollen Aussagen über das Alter der Gebeine und das Leben des Betreffenden ermöglichen. So erlaubt die erst seit einigen Jahren angewendete Analyse von Strontium-Isotopen Rückschlüsse auf das Wanderungsverhalten (prä)historischer Menschen und Tiere. Das chemische Element Strontium wird abhängig von der Region, in der ein Individuum lebt, in unterschiedlichen Isotopenverhältnissen mit der Nahrung aufgenommen und in Knochen und Zähnen eingelagert. Da die Entwicklung der Zähne in jungen Jahren abgeschlossen ist, die Knochen sich aber lebenslang erneuern, wären im Fall von Editha unterschiedliche Ergebnisse zu erwarten.

Erst in etwa eineinhalb Jahren werden die wissenschaftlichen Untersuchungen beendet sein. Der Deckel mit der Inschrift jedoch soll noch in diesem Jahr zum 800-jährigen Domjubiläum nach Magdeburg zurückkehren.

EDITHA VON WESSEX

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