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Sonntagsblatt 41/ vom

Die Immigranten-Chronistin

Erika Band-Rosenberg entdeckte in Argentinien die Witwe Oskar Schindlers


Argentinien ist das Gastland der Frankfurter Buchmesse, die an diesem Wochenende zu Ende geht. Der Großonkel der Argentinierin Erika Band-Rosenberg hat das Tango-Instrument Bandoneon erfunden, sie selbst »entdeckte« vor 20 Jahren die Witwe des Judenretters Oskar Schindler in einem Ort in der Nähe von Buenos Aires. Porträt einer Frau mit deutsch-jüdischen Wurzeln, deren eigenes Leben ein ganzes Jahrhundert erzählt.

Argentinierin mit deutsch-jüdischen Wurzeln: Erika Band-Rosenberg.
Foto: dpa/PA
   Argentinierin mit deutsch-jüdischen Wurzeln: Erika Band-Rosenberg.

        

Ein Krefelder Musikalienhändler war es, der das vielleicht typischste Instrument Argentiniens erfand: ein kleines, handliches Schifferklavier, das auf den Schiffen nach Buenos Aires mitgenommen wurde und dort zum wichtigsten Tango-Instrument avancierte. Nach dem Krefelder Heinrich Band (1821-1860) ist das Bandoneon benannt; er war ein Cousin von Erika Band-Rosenbergs Großvater. Über diesen Teil ihrer Familiengeschichte haben die Eltern der argentinischen Journalistin und Autorin immer gerne gesprochen, auch wenn er die Flucht der deutsch-jüdischen Familie nach Buenos Aires vorwegzunehmen scheint. Vielleicht deswegen mag die 59-Jährige Tango nicht besonders.

Begegnung und Heimatlosigkeit

Vor genau 20 Jahren änderte ein bitterkalter argentinischer Wintertag das Leben der Journalistin Erika Band-Rosenberg: Am 22. Juni 1990 traf sie erstmals Emilie Schindler, die damals völlig vergessene Frau, die im Zweiten Weltkrieg gemeinsam mit ihrem Mann Oskar Schindler 1200 Juden das Leben rettete. 60 Kilometer von Buenos Aires entfernt hatte es die Judenretterin nach San Vicente verschlagen, wo sie vereinsamt in einem ärmlichen Haus mit vielen Katzen lebte.

Aus dem Radioreport für die Deutsche Welle wurde eine tiefe Freundschaft bis zum Tod Emilie Schindlers elf Jahre später. Erika Band-Rosenberg kam die alte Frau regelmäßig besuchen, jeden Samstag, kochte für sie, und Erika Rosenberg hörte ihr zu, viele Stunden lang. »Ich hatte vor Kurzem meine Mutter verloren und war damit elternlos, und Emilie hatte nie Kinder gehabt. Wir waren wie Mutter und Tochter«, erinnert sie sich. Die Gespräche der beiden Frauen drehen sich manchmal nur ums Wetter, doch meistens läuft ein Tonband mit. Erika Band-Rosenberg beginnt, an einer Biografie über Emilie Schindler zu arbeiten, die das Bild Oskar Schindlers wesentlich ergänzen wird (Erika Rosenberg, »Ich, Emilie Schindler«, F. A. Herbig, 2001).

Die beiden Frauen teilen tiefe Sehnsucht nach einer abwesenden Heimat: »Emilies Haus war so, wie Berthold Brecht die Häuser von Auswanderern beschreibt: Sie kaufen keine Blumen, sie hängen keine Bilder auf, denn sie haben immer das Gefühl, sie könnten jederzeit aufbrechen an einen anderen Ort.« Erika Rosenberg selbst ist zwar in Argentinien geboren und aufgewachsen, sagt aber von sich, sie habe nie eine Heimat gehabt. Sie hat Sehnsucht nach deutschem Essen, »nach der deutschen Art, Kartoffeln zu kochen, und nach sauren Gurken«, als wäre sie hier nur auf Durchreise.

1936 flohen ihre jüdischen Eltern aus Deutschland. Die einzigen lateinamerikanischen Länder, die damals deutsche Juden aufnahmen, waren die Dominikanische Republik und Paraguay, »aber dort mussten die Immig­ranten als Bauern arbeiten. Für meinen Vater war das keine Option, er war Jurist.« Die argentinische Regierung kollaborierte mit Hitler und erklärte alle Feinde Deutschlands zu Feinden Argentiniens. So reiste die Familie aus Paraguay illegal nach Argentinien ein. Der Vater arbeitete zuerst bei der englischen Zeitung The Standard, die ihm am Tag des Kriegsausbruchs in Europa kündigte. »Sie sind Deutscher, und Sie sind jetzt ein Feind«, habe ihm der Chefredakteur gesagt. Für Erika Rosenberg illustriert das gut die Erfahrung doppelter Diskriminierung: einmal, obwohl der Vater Deutscher war, und einmal deswegen.

Das Schicksal ihrer Familie hat die Tragik der Geschichte vieler jüdischer Auswandererfamilien. Erika Rosenberg arbeitete auf, was in ihrem Elternhaus verschwiegen wurde: »Bei uns zu Hause gab es nur ein Deutschland vor 1933 und eins nach 1945.« Die langen Jahre, die sie an der Universidad Católica, an der Dip­lomatenschule des Auswärtigen Amts und am Goethe-Institut Deutsch unterrichtete, ermutigte sie unablässig ihre Schüler, sich mit der eigenen Geschichte und besonders der Zeit der Diktatur in Argentinien auseinanderzusetzen.

Wenn sie heute als Schindler-Expertin für Vortragsreisen oder zur Eröffnung ihrer Wanderausstellungen über die Schindlers nach Deutschland fährt, fühlt sich Erika Rosenberg dort noch immer mehr zu Hause als in Buenos Aires, wo sie mit ihrem argentinischen Mann José ihr Leben lang gewohnt hat. Für die Argentinier ist sie eine Deutschjüdin, für die Deutschen Argentinierin. Das Gefühl der Heimatlosigkeit wird Erika Band-Rosenberg immer begleiten.

 

 

 

Friederike Rüll