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Sonntagsblatt 19/ vom

Der Liederschatz Bayern

22 Lieder und 2 Kanons


Diese 22 Lieder und 2 Kanons aus dem Evangelischen Gesangbuch Bayern sollte man kennen - und singen

Gegen den Verlust des Singens: das Projekt »Evangelischer Liederschatz«.
Foto: Montage Halke
   Gegen den Verlust des Singens: das Projekt »Evangelischer Liederschatz«.

        

Eine Arbeitsgruppe der Landeskirche hat 22 Lieder und 2 Kanons (»22+2«) als den »Liederschatz Bayern« ausgewählt (in Klammern die Nummer im Evangelischen Gesangbuch). Der innerste Kern evangelischen Liedguts? Luthers Reformationschoral »Ein feste Burg« ist nicht dabei - ein Fauxpas, denn protestantische Identität ist ohne diese »Marseillaise der Reformation« (Heinrich Heine) nicht denkbar. Informationen zu allen Liedern im Internet unter  www.liederschatz-bayern.de

Macht hoch die Tür (1)

Die Nummer 1 im Gesangbuch und die Nummer 1 unter den Adventsliedern. Das Lied entstand 1623 zur Einweihung der Altroßgärter Kirche im ostpreußischen Königsberg. Die Kirche ist seit 1945 verschwunden, das Lied lebt weiter.

Vom Himmel hoch (24)

Martin Luther brachte, vermutlich für seine eigenen Kinder, die Weihnachtsgeschichte in Versform und komponierte auch gleich eine Melodie dazu. Das Lied dürfte das populärste Liedschöpfung des Reformators sein.

O du fröhliche (44)

Weihnachten ohne »O du fröhliche« - nicht vorstellbar. Das Lied schrieb 1816 Johannes Daniel Falk in seinem Weimarer Waisenhaus auf die Melodie eines sizilianischen Fischerliedes.

O Haupt voll Blut und Wunden (85)

Paul Gerhardt schöpfte für sein zeitloses Passionslied aus mittelalterlichen Vorlagen. Auch der Melodieschöpfer Johann Crüger bediente sich freizügig, und zwar bei Hans Leo Haßlers Liebeslied »Mein G'müt ist mir verwirret«.

Korn, das in die Erde (98)

Aus einem altfranzösischen Weihnachtslied wurde 1928 ein englisches Passionslied, das wiederum Jürgen Henkys 1976 verdeutschte. Marcel Dupré schrieb über das Lied einen berühmten Variationszyklus für Orgel.

Wir wollen alle fröhlich sein (100)

Bei den Osterliedern hat diese harmonisch schlichte, aber eingängige Melodie das altehrwürdige »Christ ist erstanden« ausgestochen. Text und Melodie stammen in heutiger Form aus der Reformationszeit, basieren aber auf älteren Vorlagen.

Komm, Heilger Geist, mit deiner Kraft (564)

Vorlage für die Melodie, die eine unwiderstehliche Motorik in sich birgt, ist ein Volkslied aus Israel, das zunächst mit dem Text »Komm herbei, singt dem Herrn« populär wurde. EG 564 dürfte in den meisten Gemeinden die Pfingstlieder aus mittelalterlicher Tradition an den Rand gedrängt haben.

Komm, Herr, segne uns (170)

Das Segenslied für alle Altersklassen ist in Lied und Text ein Geniestreich des hessischen Theologen und Liedkomponisten Dieter Trautwein. Entstanden ist es 1978.

Lobe den Herren, den mächtigen König (317)

Das Loblied von Joachim Neander aus dem Jahr 1680 ist bei den meisten Hochzeiten zwischen Leonhard Cohens »Hallelujah« und dem Star-Wars-Thema die letzte Bastion traditionellen Liedguts. Es steht wie die meisten Titel des »Liederschatzes« auch im katholischen »Gotteslob«.

Nun danket alle Gott (321)

Martin Rinckart schrieb das Lied zur 100-Jahr-Feier der »Confessio Augustana« 1630. Weil es die preußischen Soldaten am Abend der siegreichen Schlacht bei Leuthen anno 1757 spontan angestimmt hatten, machte es als vaterländischer Choral im preußisch dominierten Deutschland Furore.

Ich bin getauft auf deinen Namen (200)

Pietismus pur servierte Superintendent Johann Jakob Rambach 1735 seinen Schäflein im hessischen Gießen mit diesem bis heute populärsten Tauflied. Auch die Melodie (»O dass ich tausend Zungen hätte«) ist barock.

Komm, sag es allen weiter (225)

Hartgesottene Gospelfans verdrehen zwar die Augen, wenn ihre Musik eingedeutscht wird - aber es geht. Friedrich Walz schrieb das Lied 1964 zur Melodie von »Go, Tell it on the Mountains«, und sie erwies sich als unverwüstlich.

Such, wer da will, ein ander Ziel (346)

War hier möglicherweise eine theologische Leerstelle im Liederschatz zu füllen? Der Choral von Johann Stobäus, neu vertont von Georg Weissel (der übrigens auch »Macht hoch die Tür« schrieb), kann es jedenfalls an Verbreitung und Eingängigkeit mit den meisten anderen Liedern nicht aufnehmen.

Befiehl du deine Wege (361)

Bei Beerdigungen wird nicht gern gesungen. Pfarrer und Organisten versuchen es trotzdem gern mit diesem Lied von Paul Gerhardt. Die Anfangsworte der 12 Strophen ergeben den Spruch: »Befiehl dem Herren dein Weg und hoff auf ihn. Er wird's wohl machen.«

Vertraut den neuen Wegen (395)

Umbruch, Amtseinführung, Verabschiedung, überhaupt: Neuland lässt sich am besten mit diesem noch blutjungen Text von Klaus Peter Hertzsch besingen - er stammt aus dem Jahr 1989. Die Melodie: Lob Gott getrost mit Singen.

Von guten Mächten (637)

So bedeutsam heute Dietrich Bonhoeffer als zentrale evangelische Identifikationsfigur ist, so populär wurde sein Trostlied, das er 1944 in Gestapo-Haft schrieb. Als Melodie hat sich inzwischen vollständig jene von Siegfried Fietz durchgesetzt.

Ins Wasser fällt ein Stein (645)

»Pass it on« war der Titel der englischen Liedvorlage, aus der Manfred Siebald seinen größten Hit schmiedete. Auch die Melodie stammt aus den USA, nämlich vom Komponisten Kurt Frederic Kaiser.

Sonne der Gerechtigkeit (262)

Unter den Ökumene-Liedern steht dieses im Gesangbuch an erster Stelle. Am Text wurde 250 Jahre gestrickt, die Melodie stammt im Kern aus dem spätmittelalterlichen Böhmen.

Die güldne Sonne voll Freud und Wonne (449)

Das zweitbeliebteste Morgenlied stammt wieder von Paul Gerhardt, der es viermal in den »Liederschatz« geschafft hat. Die tänzerische Melodie (Dreivierteltakt!) ist des Komponisten Johann Georg Ebelings bleibendste Hinterlassenschaft.

Danke für diesen guten Morgen (334)

Martin Gotthard Schneider gelang dieser Hit im Jahr 1961; zwei Jahre später hielt sich das Lied sechs Wochen lang in den deutschen Hitparadencharts. Organisten machen sich gerne den Spaß, in D-Dur zu beginnen und in den sechs Strophen halbtonweise nach oben zu transponieren; Hauptklippe ist dann Strophe 5 (Fis-Dur).

Der Mond ist aufgegangen (482)

Matthias Claudius schrieb eines der bekanntesten Gedichte der deutschen Romantik. In der Vertonung von Johann Abraham Peter Schulz wurde es zum Volksgut. Die letzte Zeile der ersten Strophe heißt »… der weiße Nebel wunderbar«, und nicht: »… der weiße Neger Wumbaba«, wie eine gleichnamige Versprecher- und Verhörersammlung lautet.

Geh aus, mein Herz, und suche Freud (503)

Auch bei diesem Lied von Paul Gerhardt gilt, dass es erst unsterblich wird, wenn die dazu passende Melodie gefunden ist. Jene von August Harder beflügelt seit Generationen jegliche Gottesdienste im Grünen.

Lobet und preiset (Kanon, 337)

Ist ganz einfach und klingt ziemlich schwer - so lautet das Erfolgsrezept eines guten Kanons. Von diesem weiß man weder den Textautor noch den Komponisten …

Vom Aufgang der Sonne (Kanon, 456)

… wohingegen der zweite Kanon des »Liederschatzes« ein lupenreines Kunstprodukt ist: Paul Ernst Ruppel schrieb ihn 1936 über Psalm 113, Vers 3.

LIEDERSCHATZ

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Thomas Greif