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Sonntagsblatt 22/ vom

Protestler trifft Protestanten

Der DDR-Barde Stephan Krawczyk singt über und mit Martin Luther


Stephan Krawczyk ist der Sprachkünstler, und auch das verbindet ihn mit Martin Luther. Den will der Liedermacher vom Sockel der heldenhaften Verehrung herunterholen. Und setzt ihm auf seiner neuen CD ein lebensnahes dichterisches Denkmal.

»Ich bin geboren für die Freude, in Gott zu leben«: Stephan Krawczyk.
Foto: Christian von Ditfurth
   »Ich bin geboren für die Freude, in Gott zu leben«: Stephan Krawczyk.

        

»Ich bin ein Stadtmensch, Hinterhof, Parterre, weswegen auch mein Himmel sieben Ecken hat!« Berlin, Neukölln. In einer der idyllischen Ecken des Szenekiezes lebt Stephan Krawczyk. Die Nachbarhäuser bilden beim Blick in den Himmel tatsächlich eine Silhouette mit sieben Ecken. Genauso, wie er es in einem neuen Lied beschreibt. Und unten, auf der kleinen Rasenfläche ein Tisch, zwei Stühle, drei Birken - und ein Trampolin. Auf dem verausgabt sich Marvin, Krawczyks Sohn, acht Jahre alt. »Siehst du ein Kind, begegnest du Gott auf frischer Tat.« Sein Sohn hat den 56-jährigen Krawczyk zu dieser Liedzeile inspiriert.

»Sie stammt allerdings nicht von mir, sondern von Martin Luther«, erklärt der Liedermacher. Dass sich der Ex-DDR-Regimekritiker dem Reformator annähert, verwundert viele. Zu DDR-Zeiten trat er zwar in Kirchen auf - mit dem Glauben aber konnte er damals wenig anfangen. Erst vor ein paar Jahren entdeckte der Protestler Krawczyk den Protestanten Luther. In Luthers Geburtsstadt Eisenach ist Krawczyk oft aufgetreten, auch in Wittenberg. Zunächst als von der Partei privilegierter Künstler.

Je offener Krawczyk den Staat kritisierte, umso mehr handelte er sich die Missgunst des Regimes ein. 1985 wurde ihm die Gängelung zu viel. Er trat aus der Partei aus. Der Staat reagierte mit einem Auftrittsverbot. Daraufhin boten ihm die freiheitsliebenden unter den evangelischen Kirchengemeinden ein Dach und eine Bühne. In den Vorstellungen tummelten sich DDR-Bürgerbewegte und Stasi-Spitzel. Sie notierten fleißig die offene Krawczyk-Regimekritik.

Hätte ich meinen »Psalm durchs Blümchen doch gespuckt«, textet er später, wäre er seinem Schicksal vermutlich entronnen. Am 17. Januar 1988 schlug der Staat mit aller Härte zu und verhaftet Stephan Krawczyk, Freya Klier und andere Oppositionelle. Im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen finden sie sich wieder. Ein Prozess steht bevor und zwölf Jahre Zuchthaus. Damit endlich Ruhe herrscht, will die DDR das Künstlerpaar in den Westen abschieben. Nach sechzehn Tagen Haft werden die beiden von einem Pfarrer in den Westen gefahren.

Und wieder ist es die Kirche, die einen sicheren Raum bietet. Als die beiden in Bethel ankommen, dem großen diakonischen Werk bei Bielefeld, wartet bereits ein Pulk von Journalisten auf sie. »Wir haben die DDR nicht freiwillig verlassen«, erklärt der übernächtigte Krawczyk, »eine freie Entscheidung über Bleiben oder Gehen ist aber nur außerhalb von Gefängnismauern möglich.« Gut anderthalb Jahre später bricht die DDR zusammen. Auch im wiedervereinigten Deutschland bleibt Krawczyk Opposition. Für Menschenrechte will er weiterhin eintreten. Er ruft zum Verbot von FCKW auf, jenem Treibgas, das Löcher in die Ozonschicht der Atmosphäre frisst. Krawczyk schreibt sich seine Lebensgeschichte vom Leibe - und bleibt sich treu, spielt leidenschaftlich alte und neue Lieder auf kleinen Bühnen.

Auch sein bekanntestes DDR-Lied »Wieder stehen«, eine Hymne an einen Mann, der sich nach den Strapazen des Kampfes bei seiner Liebsten wiederfindet: »In den Wirren deiner Strähnen / muss ich dir nicht widerstehen….« Krawczyk, der Sprachkünstler. Auch das eint ihn mit Martin Luther. Den will er vom Sockel der heldenhaften Verehrung herunterholen. Und setzt ihm auf seiner neuen CD ein lebensnahes dichterisches Denkmal: »Es muss in jeder Zeit mindestens einen geben, / sei's eine Frau, die widersteht, oder ein Mann. / Ich bin geboren für die Freude, in Gott zu leben, / weswegen ich hier stehe und nicht anders kann.«

Da sitzt Krawczyk im Garten seiner siebeneckigen Hinterhof-Idylle, schreibt Lieder über Gott und die Welt, über Sanftmut und Stille. Poetisch verleiht er Alltagsbeobachtungen religiöse Tiefe. »Wo ich wohne, stehen die Birken / wie ein Zeichen ihrer selbst, / zwei mit fremden Eigennamen: erdverbunden, luftvermählt.«

 

  RUNDFUNKTIPP: »Singe nicht nach fremdem Munde!« - Der Bürgerrechtler Stephan Krawczyk entdeckt sein Herz für Luther. Sonntag, 27. Mai, 8.30 Uhr, Bayern 2

 

 

 

Uwe Birnstein