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Sonntagsblatt 38/ vom

Ältere Menschen sind glücklicher

Ethnologin untersucht Glückserleben von Frauen / »Gläubige glücklicher als andere«


Gute und enge Beziehungen zu anderen Menschen machen glücklich. Demnach lassen sich Karriere und Reichtum kaum genießen, wenn man dies mit niemandem teilen kann, wie Glücksforscherin Annegret Braun erklärt. Die Münchner Ethnologin hat ein Buch mit dem Titel »Wie Frauen Glück erleben« herausgegeben. Im Gespräch erzählt sie, was Glück bedeutet und warum es auch überschätzt wird.

»Ältere Menschen leben viel mehr im Moment und sind deshalb dankbarer«: Forscherin Annegret Braun.
Foto: epd
   »Ältere Menschen leben viel mehr im Moment und sind deshalb dankbarer«: Forscherin Annegret Braun.

        

  Sie haben ein Buch mit dem Titel »Wie Frauen Glück erleben« verfasst. Erleben Frauen Glück anders als Männer?

Annegret Braun: Nach meinen Untersuchungen gibt es keine wesentlichen Unterschiede. Sowohl für Frauen als auch für Männer sind enge Beziehungen, erfüllende Arbeit und Genussmomente wie Natur, Essen oder Sonne wichtig. Auch Männer haben - wenn auch etwas seltener als Frauen - gesagt, dass ein sehr großer Glücksmoment in ihrem Leben die Geburt ihrer Kinder war. Dennoch gibt es sicher Unterschiede im Erleben von Mann und Frau: Ob man nach neun Monaten Schwangerschaft ein Baby zur Welt bringt oder danebensitzt, ist schließlich nicht das Gleiche. Worin die Unterschiede liegen, müsste noch mehr erforscht werden.

  Was machen Frauen anders als Männer?

Braun: Aufgrund meiner Forschungen vermute ich, dass der Unterschied zwischen Frauen und Männern mehr in der Glückssuche als im Glücksfinden liegt. Männer suchen Glück oft im beruflichen Erfolg und im Status, Frauen eher in Beziehungen - auch im Beruf. Jedoch finden beide Glück in engen Beziehungen. Man könnte meinen, Frauen seien im Vorteil und würden das Glück deshalb leichter finden. Tatsächlich sind Frauen aber sehr selbstkritisch, was sich negativ auf das Glück auswirkt, sodass letzten Endes Frauen und Männer gleich glücklich sind, wie auch viele andere Studien bestätigen.

  Für Ihr Buch haben Sie die Schauspielerin Luise Kinseher und die Mutter der Musikerbrüder »Biermösl-Blosn«, Gertraud Well, befragt. Ändert sich der Glücksbegriff im Alter?

Braun: Im Zusammenhang mit anderen Forschungsergebnissen kann ich sagen, dass junge Menschen oft ein euphorisches Glück erleben, die älteren hingegen weniger. Das Glück der jungen Menschen ist oft großen Schwankungen ausgesetzt. Ältere Menschen haben eher ein stabiles Glücksempfinden, das sich mehr als Zufriedenheit beschreiben lässt.

  Also sind die Älteren glücklicher?

Braun: Junge Menschen, so zeigen die Interviews, sind glücklich, wenn sie verliebt sind oder beruflichen Erfolg haben - und unglücklich, wenn die Liebe zerbricht oder sie durch eine Prüfung rasseln. Ältere Menschen haben schon etliche Krisen erlebt, sodass sie von Schwierigkeiten nicht gleich aus der Bahn geworfen werden. Außerdem leben ältere Menschen viel mehr im Moment, also auch bewusster und dankbarer, als junge Menschen, die oft sehr zukunftsorientiert sind. Viele Untersuchungen kommen zu dem Schluss, dass ältere Menschen glücklicher sind als jüngere.

  Welche Faktoren sind wichtig, um glücklich zu sein?

Braun: Gute Beziehungen sind der wichtigste Glücksfaktor, Menschen, denen man sich zugehörig fühlt. Dieser Glücksfaktor wird häufig unterschätzt. Karriere und Reichtum lassen sich kaum genießen, wenn man dies mit niemandem teilen kann. Eine erfüllende Arbeit ist ebenfalls wichtig. Ein anderer Glücksfaktor ist, mit den Sinnen die Welt wahrzunehmen: Die warme Sonne auf der Haut spüren, einen angenehmen Duft riechen, ein gutes Essen schmecken oder ein schönes Bild, eine schöne Aussicht betrachten oder Musik hören - das ist Glück, das mit den Sinnen erlebt wird.

  Das sind Dinge, die man im Alltag erleben kann. Warum sind dann nicht alle Menschen glücklich?

Braun: Voraussetzung für das Glück ist, den Moment wahrzunehmen und ganz im Jetzt zu sein. Ein anderer sehr wichtiger Faktor ist, über das eigene Leben hinauszusehen und zu wissen, dass unser Leben in ein größeres Ganzes eingebunden ist. Gläubige Menschen sind glücklicher als andere Menschen - zu diesem Ergebnis kommen fast alle Glücksforschungen. Und es ist auch leicht nachvollziehbar: Der Glaube an Gott gibt dem Leben Sinn, auch in schwierigen Zeiten. Vieles im Leben können wir nicht verstehen, aber die Gewissheit, kein Spielball des Zufalls zu sein, ist sinnstiftend. Letztlich steckt hinter der Suche nach Glück die Suche nach Sinn, denn wenn wir glücklich sind, wissen wir aus tiefstem Herzen, dass das Leben einen Sinn hat.

  Sie lehren Europäische Ethnologie. Ähneln sich die Glückskonzepte anderer europäischer Länder?

Braun: Es gibt einige anthropologische Kon-stanten hinsichtlich des Glücks: Das Gefühl der Zugehörigkeit, also enge menschliche Beziehungen, ist für alle Menschen sehr glücksfördernd. Ebenso eine erfüllende Arbeit. Arbeitslosigkeit ist ein Glückskiller. Ausreichendes Einkommen, damit man sich keine Sorgen machen muss, wie man überlebt, ist ebenfalls für das Glück wichtig. In vielen Nationen ist das Überleben ein täglicher Kampf. Man hat deshalb keine Zeit, sich über das Glück so viele Gedanken zu machen. Das Grübeln, ob man glücklich ist, oder wie man noch glücklicher werden könnte, ist auch ein Wohlstandsphänomen.

  Was haben Sie bei dem Projekt für sich selbst gelernt in Sachen Glück?

Braun: Mir ist bewusst geworden, dass das Glück überschätzt wird. Krisen und schwierige Zeiten sind wichtig, denn nur dann kann man Glück auch wahrnehmen. Glück ist ein Kontrasterlebnis. Dauerhaftes Glück ist nicht erstrebenswert - abgesehen davon, dass es illusorisch ist es zu erlangen -, denn das bedeutet Stillstand. Solange wir glücklich sind, wollen wir nichts ändern. Krisen geben unserem Leben eine Richtung. Ich bin durch die Forschungsarbeit achtsamer geworden und lebe mehr im Jetzt, nehme die Gegenwart bewusster wahr. Im Vorwärtsstreben und im Streben nach Glück übersieht man die schönen Momente der Gegenwart.

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Fragen: Rieke C. Harmsen