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Sonntagsblatt 19/ vom

Der Jesus-Erzähler

Personen der Bibel (19): Lukas - Der erste christliche Historiker


Lukas, einer der vier Evangelisten, gilt als erster christlicher Historiker. Seine Berichte über Jesus und die ersten Christen wurden weltberühmt. Vom Autor selbst allerdings weiß man heute kaum noch etwas. Dafür ranken sich umso mehr Vermutungen um seine Person.

Der Evangelist Lukas, Byzanz 10. Jahrhundert.
Foto: PD
   Der Evangelist Lukas, Byzanz 10. Jahrhundert.

        

Er habe »alles von Anfang an sorgfältig erkundet« ( Lukas 1, 3). Und er habe all die Ereignisse rund um Jesus und die ersten Christen aufgeschrieben, damit der Leser sich über die Grundlagen der christlichen Lehre informieren könne (vgl.  Lukas 1, 3 f.), betont Lukas in seinem Vorwort. Das klingt ziemlich modern.

Zwar ist über Lukas' Persönlichkeit nichts überliefert. Trotzdem lassen sich seine Absichten aus seinen beiden Schriften - dem Lukasevangelium und der Apostelgeschichte - auch heute noch herauslesen.

Die Schriften entstanden etwa um das Jahr 80 n. Chr. Lukas gehörte also zur dritten nachchristlichen Generation und hat Jesus nicht persönlich gekannt. Trotzdem war er so überzeugt von den Berichten über ihn, von seiner Lehre und den Erlebnissen der frühen Christen, dass er die ganze Geschichte für die Nachwelt festhalten wollte.

Dazu griff er auf unterschiedliche Quellen zurück: Er nutzte das Markusevangelium als Vorlage, aber auch andere Sammlungen von Aussprüchen Jesu und Überlieferungen aus der Zeit der ersten Christen. Die Geburtsgeschichte Jesu und viele Gleichnisse finden sich nur in seinem Evangelium.

Lukas verstand sich offensichtlich als Historiker, denn er orientierte sich am Stil der hellenistischen Geschichtsschreiber. Obwohl er selbst wohl nicht in einem jüdischen Umfeld aufgewachsen war, kannte er sich auch im Alten Testament gut aus. Seine ersten Leser lebten außerhalb Palästinas. Es gelang Lukas, Sachverhalte der jüdischen Tradition für diese Menschen zu übersetzen - was übrigens heute noch das Verständnis erleichtert, denn auch das moderne Europa steht eher in hellenistischer Denktradition.

Lukas war überzeugt, der Heilige Geist habe für die Verbreitung des Christentums auch außerhalb der jüdischen Welt gesorgt. Außerdem verglich er Jesu Wirken mit dem Wirken der alttestamentlichen Propheten und meinte: »Kein Prophet gilt etwas in seinem Vaterland« ( Lukas 4, 24).

Seine eindrückliche Erzählweise macht die Weihnachtsgeschichte oder die Gleichnisse vom Barmherzigen Samariter und vom Verlorenen Sohn bis heute zu den bekanntesten und beliebtesten Geschichten des Neuen Testaments.

Früh wurde der Verfasser des Lukasevangeliums und der Apostelgeschichte mit einem Freund und Reisegefährten des Paulus gleichgesetzt. Im Kolosserbrief wird er »Lukas, der Arzt« ( Kolosser 4, 14) genannt. Weil in der Apostelgeschichte zudem einige in der »Wir-Perspektive« verfasste Abschnitte auftauchen, vermutete man lange, der Verfasser und der Begleiter des Paulus seien ein und dieselbe Person. Da der Evangelist aber ganz offensichtlich nicht näher mit der Theologie des Paulus vertraut war, ist man heute ziemlich sicher, dass es sich hier um zwei unterschiedliche Personen gehandelt hat.

LUKAS

  NAME: griechisch: der Erleuchtete oder der Erleuchtende

  BERUF: Historiker und Theologe

  HERKUNFT: Stammte vermutlich aus dem hellenistischen Mittelmeerraum

  ZEIT: Lukas schrieb sein Evangelium und die Apostelgeschichte etwa um das Jahr 80 n. Chr.

  WICHTIGE BIBELSTELLEN:  Lukas 2, 1-21;  41-52;  4, 1-13;  5, 17-26;  10, 25-37;  15, 11-32;  Apostelgeschichte 2, 1-12;  9, 1-19.

  WIRKUNGSGESCHICHTE: Einer Legende nach soll Lukas einst Bildnisse Christi, der Apostel und vor allem Marias angefertigt haben - was wiederum die Fantasien späterer Künstler beflügelte. Daher wurde er im Mittelalter zum Patron der Maler, die sich in Lukasbruderschaften zusammenschlossen. Außerdem gilt Lukas als Patron der Ärzte und Metzger. In der Kirche Santa Maria Maggiore in Rom befindet sich ein Gemälde, das von Lukas stammen soll. Experten bezweifeln allerdings, dass Lukas tatsächlich gemalt hat. Seine lebendigen Erzählungen lieferten vielen Künstlern jedoch Ideen. Findet sich Lukas selbst in einem Kunstwerk, ist er oft daran zu erkennen, dass er ein Buch oder eine Schriftrolle hält; manchmal auch medizinische Instrumente oder Pinsel. Sein Evangelistensymbol ist der geflügelte Stier - weil sein Evangelium mit dem Opfer des Zacharias beginnt und der Stier ein Opfertier war.

  ZITAT: »So habe auch ich's für gut gehalten, nachdem ich alles von Anfang an sorgfältig erkundet habe, es […] in guter Ordnung aufzuschreiben, damit du den sicheren Grund der Lehre erfährst, in der du unterrichtet bist.« ( Lukas 1, 1 ff.)

THEOLOGISCHES STICHWORT

GLEICHNISSE JESU findet man in den Schriften der Evangelisten Markus, Matthäus und Lukas sowie im apokryphen Thomasevangelium. Das Johannesevangelium kennt keine Gleichnisse. Einige der bekanntesten Gleichnisse Jesu finden sich nur im Lukasevangelium.

Um seine Lehre verständlich zu machen, erzählte der Wanderprediger Jesus von Nazareth den Menschen viele Gleichnisse: kleine Geschichten, die anhand einer Alltagssituation Großes veranschaulichen. Meist geht es dabei um das Reich Gottes, von dem Jesus betonte, es sei bereits angebrochen.

Sonja Poppe