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Sonntagsblatt 35/ vom

»Die Türen sind offen«

Wie die bayerische Landeskirche künftig wieder mehr theologisches Personal bekommen will


Im evangelischen Bayern droht trotz der hohen Austrittszahlen ein Mangel an Pfarrerinnen und Pfarrern. Was die Landeskirche dagegen tut, erklärt Helmut Völkel, im Landeskirchenamt für das theologische Personal verantwortlicher Oberkirchenrat.

»Die Pfarramtssekretärin ist eine lebendige Visitenkarte der Gemeinde«: Helmut Völkel.
Foto: epd / McKee
   »Die Pfarramtssekretärin ist eine lebendige Visitenkarte der Gemeinde«: Helmut Völkel.

        

  Rund 30 000 Menschen haben der bayerischen Landeskirche 2014 den Rücken gekehrt. Schlagen die hohen Zahlen inzwischen den Pfarrerinnen und Pfarrern auf's Gemüt?

Völkel: Natürlich leiden die Pfarrer und Pfarrerinnen darunter. Manche empfinden es so, dass sie trotz großen persönlichen Engagements und aller ehrlichen Anstrengungen diesen Trend bislang nicht umkehren können. Das führt gelegentlich zu Selbstzweifeln und Frustrationen. Wir sollten jedoch nicht in die Falle tappen, die Ursache für die Austritte einseitig den Pfarrern zuzuschreiben. Wenn man Menschen, die ausgetreten sind, befragt, gibt es ganz unterschiedliche Gründe, warum die Bindekräfte zur Kirche nachgelassen haben. Was die Bedeutung von Religion und Glaube angeht, müssen auch gesamtgesellschaftliche Trends beachtet und bewertet werden.

  Wie wirken sich die durch Kirchenaustritte und die demografische Entwicklung zurückgehenden Zahlen auf die Personalplanung für die Pfarrer aus?

Völkel: Bei der Planung müssen wir die Kurve der Mitgliederentwicklung und den Bedarf an Pfarrstellen übereinanderlegen. Und in der Tat brauchen wir durch die abnehmenden Zahlen weniger Pfarrerinnen und Pfarrer. Klar ist aber auch, dass dadurch der massiv drohende Pfarrerengpass nicht aufgefangen wird. Der wird sich verschärft spätestens ab den 2020er-Jahren auswirken, wenn dann die starken Pfarrersjahrgänge ziemlich geschlossen in Ruhestand gehen. Das Ziel unserer Personalplanung ist, weiterhin eine vernünftige Relation zwischen Pfarrern und Gemeindemitgliedern zu haben. Im Jahr 2014 beispielsweise kamen auf 2441 Pfarrer rund 2 476 380 Gemeindemitglieder, was einem Verhältnis von 1015 Evangelischen pro Pfarrer im Dienstverhältnis der Landeskirche entspricht.

  Was tut die Landeskirche gegen den drohenden Pfarrermangel?

Völkel: Da gehen wir völlig neue Wege und haben die Türen der Landeskirche weit geöffnet, zum Beispiel für Theologen aus anderen Landeskirchen. Wir übernehmen geeignete Bewerber und Bewerberinnen, die gerne nach Bayern kommen, weil zum Beispiel ihre Partner hier gute Berufsaussichten haben. Diese Pfarrer bringen eine große geistliche Vielfalt mit, die unsere Kirche bereichert. Voraussetzung hierfür ist eine faire Personalpolitik in Kooperation mit den Personalreferaten der anderen Landeskirchen. Wir wollen nicht in deren Terrain wildern und ihnen die Bewerber wegnehmen. Bevor die auswärtigen Bewerber und Bewerberinnen auf ihre Traumstelle kommen, müssen sie übrigens erst einmal in einem Gebiet Dienst tun, in dem wir gerade eklatanten Pfarrermangel haben, wie zum Beispiel in Oberfranken. Darüber hinaus gibt es immer noch den Zugang von »Spätberufenen« ins Pfarramt, die über die Pfarrverwalterausbildung zu uns kommen. Schließlich bieten wir, in Zusammenarbeit mit Gymnasien, Schnupperkurse für junge Menschen an, die sich für den Pfarrberuf interessieren. Auch bei Berufsmessen sind wir vertreten.

  Greifen diese Maßnahmen?

Völkel: Ja. Im EKD-weiten Vergleich stehen wir hier an der Spitze: In Bayern kommt ein Anwärter für den Pfarrberuf auf rund 5000 Gemeindemitglieder. Es gibt aber nicht den einen Königsweg. Verschiedene Maßnahmen der Personalgewinnung müssen zusammenspielen.

  Wie könnten die Pfarrer denn für mehr Bindungskraft der Kirche sorgen?

Völkel: Auch hier warne ich vor der Falle, nur die Pfarrerschaft in den Blick zu nehmen. Die Pfarrer und Pfarrerinnen spielen im Blick auf die Kirchenbindung sicherlich eine zentrale Rolle, können diese Aufgabe aber nicht alleine schultern. Dies können wir nur gemeinsam. Doch zurück zum Pfarrer und zum Pfarramt. Ich bin sehr wohl der Meinung, dass jedes Pfarramt eine Kircheneintrittsstelle und eine Kirchenaustrittsverhinderungsstelle sein sollte. An der Seite des Pfarrers ist die Pfarramtssekretärin tätig, die auf ihre Weise eine lebendige Visitenkarte der Gemeinde ist und oft genug soziale und seelsorgerliche Aufgaben wahrnimmt. Ein Dienst, der oft genug weit über die »normale Sekretärinnenfunktion« hinausgeht. Deshalb sollten, im Zuge der kirchlichen Verwaltungsreform, die Sekretärinnen zu Pfarramts-Assistentinnen aufgewertet werden.

  Was kann neben diesem neuen Stellen-Zuschnitt für die Sekretärinnen noch zur Entlastung der Pfarrer getan werden?

Völkel: Um Überlastungen entgegenzuwirken, sind wir dabei, die aufs Jahr gerechnete wöchentliche Arbeitszeit eines Pfarrers als Orientierungsmarke von bisher 54 auf 48 Stunden herabzusetzen. Im Blick auf die Vertretung bei Abwesenheit durch Vakanz und längere Krankheit praktizieren wir flexible Vertretungslösungen. Außerdem haben wir eine Handreichung mit einer Muster-Dienstordnung entwickelt. Die Führungskräfte, wie beispielsweise die Dekane, entwickeln auf dieser Grundlage mit den Pfarrern und Pfarrerinnen ein Aufgaben-Pensum mit menschlichem Maß, bei dem Überforderungen nicht vorprogrammiert sind. Dieses menschliche Maß soll auch bei Stellenbesetzungsbesprechungen und Ausschreibungen berücksichtigt werden. Ziel ist es, dass genügend Raum für die Kernaufgaben, wie zum Beispiel die Predigtvorbereitung, bleibt, und dass die Pfarrerinnen und Pfarrer ihre besonderen Gaben und Fähigkeiten in ihren Dienst einbringen können. Die Arbeit soll ihnen schließlich Freude machen, und diese Freude werden sie dann auch ausstrahlen.

 

 

Interview: Achim Schmid