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Sonntagsblatt 38/ vom

»Ihre Gemeinde ist annulliert«

Ukraine: Bischof Serge Maschewski setzt seinen Konfrontationskurs fort


Die Deutsche Evangelisch-Lutherische Kirche in der Ukraine kommt nicht zur Ruhe. Der seit 2013 amtierende Bischof Serge Maschewski setzt seinen Konfrontationskurs gegenüber seinen Kritikern fort. Zur Synode in Berdjansk wurde ihnen der Zutritt verwehrt.

Pfarrer einer »annullierten Gemeinde«: Alexander Gross vor der Kirche in Petrodolina.
Foto: Greif
   Pfarrer einer »annullierten Gemeinde«: Alexander Gross vor der Kirche in Petrodolina.

        

Es waren vor allem Handwerker aus Württemberg und der Pfalz, die Ende des 18. Jahrhunderts dem Ruf des Zaren folgten und entlang der Nordküste des Schwarzen Meeres siedelten: Die Lutheraner aus Deutschland bauten Kirchen - die St.-Pauls-Kirche in Odessa war mit 1200 Plätzen neben den Kathedralen in Moskau und St. Petersburg das drittgrößte lutherische Gotteshaus Russlands. Es gab ein eigenes Schulwesen, Waisenhäuser und Altersheime sowie evangelische Krankenhäuser - und rund eine halbe Million deutschstämmige Lutheraner.

Nach den Schrecken der beiden Weltkriege, der Vertreibungen und des Kommunismus gab es 1992 in der Ukraine immerhin noch 40.000 Menschen, die als Nationalität »deutsch« angaben. Ihr Sammelbecken wurden die deutschen Kulturvereine mit dem Namen »Wiedergeburt«. Daraus entstanden erste Gruppen, die sich als Kirchengemeinden registrieren ließen, und schließlich die Deutsche Evangelisch-Lutherische Kirche der Ukraine (DELKU).

Partnerkirche der DELKU war von 1991 bis zum 30. Juni 2015 die bayerische Landeskirche. Die Partnerschaft wurde von bayerischer Seite bis auf Weiteres ausgesetzt, nachdem der 2013 ins Amt gewählte Bischof Serge Maschewski auf Konfrontationskurs gegangen war (wir berichteten in Sonntagsblatt Nr. 29 ausführlich). Seine Kritiker werfen Maschewski einen despotischen Führungsstil, finanzielle Intransparenz und Verfehlungen im persönlichen Bereich vor.

In einem schriftlichen Appell hatte sich der Präsident der Synode DELKU, Konstantin Burlow-Wasiljew, am 27. Juni an Bischof Maschewski gewandt. Er verlangte von ihm eine schriftliche Erklärung über seinen Zustand in den Tagen vor der Einweihung der Kapelle der heiligen Martha in Kiew. Maschewski war wohl alkoholisiert zur Einweihung gekommen und konnte deshalb seine Rede nicht halten. »Die Teilnehmer der Zeremonie haben höflich vermieden, mit ihm zu kommunizieren«, schrieb Burlow in einem Brief an die Mitglieder der Synode.

Bischof Maschewski.
Foto: Schmid
   Bischof Maschewski.

        

Laut Burlow war dies kein Einzelfall. »Sergej Maschewski zerstört sich selbst und die Kirche«, schreibt Burlow. »Bis jetzt haben die Mitarbeiter und Diener immer geholfen, indem sie alle Mühen und Strapazen in bizarren Situationen auf sich genommen haben, aber so kann es nicht weitergehen«, klagte Burlow. Schlimmer sei jedoch die Entschlossenheit Maschewskis, »um jeden Preis - mit Falschaussagen, administrativen Repressionen - seine Abhängigkeit zu verstecken«. »Untersuchungen« würden durchgeführt, Pastoren würden zur Rüge gerufen, es würden Verweise gegenüber denjenigen ausgesprochen, die »verleumdende« Information über den Bischof verbreiten, diese Verweise werden dann Grundlage für die »gesetzmäßige« Entlassung sein. Burlow kam zum Schluss, »dass Sergej Maschewski die Aufgaben des Bischofs DELKU nicht durchführen kann«, und rief die Synodalen dazu auf, einen neuen Bischof zu wählen.

Doch dazu kam es nicht.

Synodenpräsident Konstantin Burlow musste im Juli 2016 gehen, seine Kiewer Gemeinde wurde gleich mit exkommuniziert.

Bei der vom 6. bis 8. September tagenden Synode in Berdjansk in der Südukraine wurde die Prädikantin Alla Wolf mit 15 von 27 Stimmen zur neuen Synodalpräsidentin gewählt. Sie ist Leiterin der Regionalgesellschaft der Deutschen »Wiedergeburt« in Losowaja. Vom ursprünglich gewählten fünfköpfigen Synodenpräsidium war sie nach den Säuberungen Maschewski als Einzige übrig. Vor Burlow waren von Maschewski bereits die Pfarrer Alexej Tschishow (Odessa), Ljubow Galimowa (Dnipropetrowsk) und Wladislaw Zechanowitsch (Schostka) abgesetzt worden.

Mit 16 zu 11 Stimmen hat die Synode auch eine neue Kirchenordnung beschlossen, die ausschließen soll, dass künftig Geistliche aus dem Ausland das Bischofsamt übernehmen können. Die nach Artikel 6.1 der Kirchenordnung für eine Verfassungsänderung notwendige Zweidrittelmehrheit wurde zwar verfehlt, Majewski erklärte den Beschluss dennoch für gültig.

In einem Synodengrußwort erhielt Maschewski Rückendeckung vom Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in der Republik Kasachstan (ELKRK), Jurij Timofejewitsch Nowgorodow. Er ist derzeit Vorsitzender des Bischofsrates des Bundes Evangelisch-Lutherischer Kirchen in Russland und anderen Staaten (ELKRAS).

Die Kirchliche Revisionskommission bestätigte bei der Synode die kirchlichen Finanzen - allerdings ohne Vorlage eines ordentlichen Haushalts oder einer anderweitigen Budgetplanung. Kritiker sehen darin einen gewaltigen Rückschritt der noch jungen Kirche. Die fehlende Transparenz nährt außerdem den Korruptionsverdacht. Im Vorfeld der Synodaltagung spielten sich verstörende Szenen ab. Synodale wurden von Maschewskis privatem Sicherheitspersonal ohne Begründung abgewiesen. Als sie sich bei Vertretern der Kirchenkanzlei beschweren wollten, wurde ihnen mitgeteilt, dass ihre Gemeinden »annulliert« wurden, dass sie »nicht mehr existent« sind. Von ursprünglich 51 gewählten und berufenen Synodalen waren noch 27 zugelassen.

Diese Vorgehensweise Maschewskis hat inzwischen Methode. Mit der Absetzung des kritischen Synodalpräsidenten Burlow hat Maschewski gleich dessen ganze Kiewer Heimatgemeinde aus der ukrainischen Kirche entlassen. Gemeinden zu annullieren, um Kritiker loszuwerden, ist nach seiner Interpretation der rechtlich gangbare Weg - mit dem Preis der Zerstörung der Kirche.

Der Martin-Luther-Verein in Bayern unterstützt die annullierten ukrainischen Gemeinden in Novogradivka, Petrodolinske, Smeevka, Krivoy Rog und Donezk mit bescheidenen Mitteln finanziell. In den vergangenen Monaten waren es 11.400 Euro, die vor allem aus Privatspenden kamen. Pfarrer Gross ist dafür sehr dankbar - und richtet einen Appell nach Westen: »Betet für die ukrainische Kirche!«

Der bayerische Landessynodale Fritz Schroth (Bischofsheim) hat es nicht beim Gebet belassen, er hat Ende Juli die von Maschewskis Bannstrahl betroffenen Gemeinden der ukrainischen Kirche besucht. In Novogradkivka wurde ihm berichtet, wie Bischof Maschewski nach seiner Wahl zum Bischof darauf drängte, der »schreckliche Pfarrer Gross« müsse entlassen werden. Die Gemeinde antwortete, sie hätten nur beste Erfahrungen mit Pfarrer Gross gemacht, der die Gemeine aufgebaut hatte. Sie baten den Bischof zu kommen, damit man reden könne. Der Bischof kam aber nicht, er strich die Gemeinde aus der Liste der DELKU. »Niemand redet mit uns, wir wurden einfach ausgestoßen, weggeworfen«, klagten Frauen aus der Gemeinde.

In Smeevka (Schlangendorf) setzte Maschewski die Vorsitzende Nina Kemutas ab, kam aber damit in der Gemeinde nicht durch. Gegen das Kirchenrecht und gegen den Willen der Gemeinde wollte er einen neuen Pfarrer einsetzen. Als er auch damit nicht durchkam, hat er die Gemeinde aus der Liste der DELKU gestrichen.

In Odessa war die Bauingenieurin Oxana Klunt seit 2014 gewählte Präsidentin der Gemeinde. Nach vier Monaten wurde sie aus dem Präsidium der Gemeinde geworfen - ohne Grund. »Wir sind jetzt ohne Kirche. Das Bisherige ist zerbrochen. Es ist schmerzvoll«, sagt sie. Die Ärztin Anastasia Pidubska organisierte eine alle begeisternde Kinderarbeit in der Gemeinde. Auch sie wurde exkommuniziert. Da sich niemand für die Kinderarbeit der Gemeinde in Odessa fand, macht sie dies auch als Ausgestoßene weiter. Die Dolmetscherin Viktoria Alexewa, beruflich in der Kirchenverwaltung der DELKU als Administratorin tätig, berichtet, wie der Druck Maschewskis immer stärker wurde. »Es war wie im Gefängnis.« Andreas Klunt, Heizungs- und Lüftungsingenieur, war seit 2004 Gemeindevorstand. »Die Gemeinde war unser Leben!«, sagt er. Nach seiner Wahl sagte ihm Maschewski, dass die Liturgie falsch sei. »Er konnte oder wollte mir aber nicht erklären, was falsch ist.« Klunt sprach den Bischof an, als er einmal betrunken war. »Da war ich sein persönlicher Feind geworden und wurde nur exkommuniziert, weil der Toner im Drucker leer war.«

Maschewski erzeugt nach den Eindrücken Schroths eine Atmosphäre der Angst und des Schreckens - und er nutzt dabei die Autorität eines gewählten Bischofs. Seine persönliche Vertraute und Beraterin Lobow Garlimowa schrieb einem Pfarrer, der vom Bischof entlassen wurde: »Der Bischof ist ein Prophet! Ihr habt Euch an einem Propheten vergriffen!« Das osteuropäische Denken und Empfinden, wenn das Wort Bischof fällt, ist vom russisch-orthodoxen Denken geprägt. Ein Bischof steht unmittelbar unter Gott. Ihm ist man Gehorsam schuldig. Das scheint auch die Sicht des Bischofs zu sein, denn er sagte Synodalen: »Ihr habt mich zwar gewählt - aber ich bin von Gott hier her gestellt.« In Petrodolina hält ein Gemeindeglied zu Maschewski mit der Begründung: »Ihr seid eine Sekte, denn ihr habt keinen Bischof!«

»Die Angst vor dem Bischof ist auch der Grund, weshalb sich keine weiteren Gemeinden offen gegen Maschewski stellen«, weiß Schroth. Zudem hätten sie Angst, sie könnten ihre Gebäude, ihre Kirche, ihr Pfarrhaus verlieren. Maschewski führt Prozesse gegen die Gemeinden, um an deren Besitz heranzukommen, und es werden Prozesse gegen ihn von zwangsweise entlassenen Pfarrern geführt. Während sich die Gemeinden und die entlassenen Pfarrer aus finanziellen Gründen kaum einen Rechtsbeistand leisten können, beschäftigt der Bischof offenbar mehrere Anwälte in seinem Amtssitz und weitere im Land. In Odessa ist bekannt, dass der Bischof einen aufwendigen Lebensstil führt. Teure Kleider, teure Restaurants. Und er hat sich einen Kampfhund zugelegt.

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Helmut Frank