29.12.2017
Kirche und Politik

Immer wieder hören Kirchen den Vorwurf, sie seien zu politisch - in diesem Jahr auch an Weihnachten. Spitzenvertreter von Katholiken und Protestanten widersprechen. Die Kritiker sollten Predigten im Ganzen lesen, fordert der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm.
König Bibel
Politik spielt in vielen Büchern der Bibel eine zentrale Rolle. Propheten sprechen darin in politischen und religiösen Notzeiten zu den Menschen. Die Weihnachtspredigten 2017 waren einigen jedoch zu politisch. Soll Kirche nicht ihre Stimme erheben, wenn es um das Wohl der Menschen geht?

Prominente Kirchenvertreter haben Kritik an politischen Bezügen in ihren Weihnachtspredigten zurückgewiesen. Die Weihnachtsbotschaft müsse stets mit Blick auf die jeweilige Situation der Menschen aktualisiert werden, sagte der Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki am Donnerstag im ARD-»Morgenmagazin«. Dadurch werde auch die politische Situation konkret und müsse gedeutet werden. Auch der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, der in seiner Weihnachtspredigt in der Münchner Matthäuskirche Nationalismus verurteilt hatte, verteidigte die Predigten. Dass vor allem Politik zur Sprache gekommen sei, sei aus seiner Sicht eine falsche Sicht, schrieb er auf seiner Facebook-Seite.

»Wer dieses Urteil auf einzelne Sätze gründet, die in den Medien zitiert werden, möge sich einmal die Mühe machen, die Predigten im Ganzen zu lesen«, schrieb Bedford-Strohm weiter.

Aussagen zur Politik seien dort gegründet in »biblisch verwurzelten geistlichen Aussagen«. Der bayerische Landesbischof erklärte zudem, die Politisierung geistlich gegründeter Aussagen komme genau umgekehrt aus der Politik, »indem deren politische Farbenlehren in die Kirche eingetragen werden«.

Woelki sagte, man könne nicht von Gott sprechen, ohne vom Menschen zu sprechen. Das habe nichts mit Parteipolitik zu tun, betonte der Kardinal. Solange die Politik die Beziehungen zwischen den Menschen als soziale Wesen regele, sei das Evangelium auch politisch, sagte Woelki.

Jesus sei an Weihnachten »nicht in einer Traumwelt Mensch geworden, sondern in einer konkreten Welt«.

Die Kirchen müssten daher gesellschaftspolitische Haltungen haben und sich etwa für die Erhaltung der Schöpfung und die Würde des Menschen einsetzen. Daraus ergäben sich Folgen etwa für die Diskussion um den Familiennachzug von Flüchtlingen, erklärte der Erzbischof: »Und dann hat das natürlich eine politische Wirkung.«

Er habe nicht den Eindruck, dass sich in diesem Jahr politische Äußerungen in den Weihnachtspredigten besonders gehäuft hätten, sagte Woelki.

»Die Kirchen haben schon immer versucht, das Evangelium ins Heute zu übertragen.«

Er selbst habe etwa im vergangenen Jahr über das Thema Fake News gesprochen. In diesem Jahr hatte Woelki in seiner Predigt Immobilienspekulationen verurteilt.

Der Chefredakteur der »WeltN24«-Gruppe, Ulf Poschardt, hatte mit seiner Kritik an Weihnachtspredigten eine Debatte ausgelöst. Er twitterte an Heiligabend: »Wer soll eigentlich noch freiwillig in eine Christmette gehen, wenn er am Ende der Predigt denkt, er hat einen Abend bei den #Jusos bzw. der Grünen Jugend verbracht?«

Die CDU-Bundesvize Julia Klöckner hatte sich kritisch über Anspielungen auf US-Präsident Donald Trump in der Weihnachtspredigt Bedford-Strohms geäußert. Auch insgesamt beklagte sie eine Häufung von tagespolitischen Stellungnahmen der Kirchen.

 

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