12.05.2017
Schule & Inklusion

Down-Syndrom: Lernen nach eigenem Tempo

bayreuth — 
Mia ist acht Jahre alt, sie tanzt und singt gern, mag Besuche im Schwimmbad, liebt Musik und Hörspiele von Conni und Prinzessin Lillifee – wie jedes Kind in diesem Alter. Eine Besonderheit gibt es allerdings. Sie hat das Down-Syndrom.
Kerstin Ellner mit Tochter Mia.
Kerstin Ellner mit Tochter Mia.

Mia lebt mit dem Down-Syndrom. Für viele Eltern mag das im ersten Moment ein Schock sein, doch mit der richtigen Förderung können sich die Kinder gut entwickeln. Für die Förderung steht in Bayreuth die Dr.-Kurt-Blaser-Schule im Heilpädagogischen Zentrum (HPZ) der Diakonie Bayreuth, die Mia im ersten Schuljahr besucht. »Die beste Entscheidung, die wir treffen konnten«, bekräftigt ihre Mutter Kerstin Ellner.

Mia war mit drei Jahren in den integrativen Montessori Regelkindergarten in Bayreuth gekommen. Bereits zu dieser Zeit habe sie sich immer wieder Gedanken darüber gemacht, wohin das Kind danach zur Schule gehen könnte. »Ich wusste bereits seit Beginn der Frühförderung von den Therapeuten, welche Möglichkeiten es speziell für förderbedürftige Kinder gibt«, berichtet Kerstin Ellner. So sei sie auf das HPZ und seine Einrichtungen gekommen.

Die Dr.-Kurt-Blaser-Schule im HPZ ist ein Förderzentrum mit dem Schwerpunkt geistige Entwicklung. Ziel sei die zeitgemäße und nachhaltige Hilfe für Kinder und Jugendliche mit einer Behinderung, so Anne Weyand, die seit eineinhalb Jahren Schulleiterin ist. In der Schule würden die Kinder und Jugendlichen in zwölf Klassenstufen, Grundschule, Mittelschule und Berufsschulstufe, Schritt für Schritt an das Leben als Erwachsene herangeführt.

Schulvorbereitende Einrichtung

»Bei Bedarf setzen wir bereits im Kindergartenalter mit unserer schulvorbereitenden Einrichtung an.« 24 Kinder werden dort derzeit in drei Gruppen durch gezielte Programme auf die Einschulung vorbereitet. »Ziel unserer Arbeit ist eine größtmögliche Teilhabe am Leben in der Gesellschaft«, so die Schulleiterin.

Als Unterschied zur Regelschule bezeichnet es Anne Weyand, dass Mia in der Dr.-Kurt-Blaser-Schule nach ihrem eigenen Tempo lernt. Sie werde weder ausgebremst noch würden von ihr Dinge verlangt, die sie nicht erfüllen kann. »Und da sind wir bei unserem Dreiklang und dem Herzstück unseres Prinzips: Bei uns werden Kinder gefördert und gefordert, aber nicht überfordert.« Also: Lesen, schreiben, rechnen, Allgemeinbildung – und zwar dem Niveau angepasst und so, dass das Kind es auch verstehen kann. Das Wichtigste sei außerdem das Vermitteln von Lebenspraxis und das Lernen, für das spätere Leben selbstständig zu werden.

Grundsätzlich stehe sie jeder Form von Inklusion positiv gegenüber, was für Mia eine Regelschule mit Schulbegleitung bedeutet hätte, so Kerstin Ellner. Allerdings werde die Regelschule gezwungenermaßen vom Leistungsprinzip bestimmt. Dieser Druck wäre für Mia bestimmt nicht gut gewesen. Im Gegensatz dazu setze die Dr.-Kurt-Blaser-Schule auf kleine Klassen mit acht Schülern, die von speziell ausgebildeten Lehrkräften individuell unterrichtet werden.

Heilpädagogisches Konzept ist gut für Kinder mit Behinderung

»Wir sind überzeugt, dass das Konzept des Heilpädagogischen Zentrums aufgeht«, sagt Anne Weyand. »In unserer Schülerschaft befinden sich Kinder mit verschiedenen Formen und Ausprägungen einer Behinderung. Sie werden entsprechend ihrer individuellen Lernbedürfnisse und -fähigkeiten gefördert. Der Unterricht findet im Klassenverband, in der Lerngruppe oder in der Einzelsituation statt. Innerhalb einer Klasse arbeiten die Schüler auf verschiedenen Niveaustufen und auf unterschiedlichen Zugangsweisen am gleichen Lerngegenstand.«

Gegebenenfalls wird der Klassenverband aufgelöst. Dann arbeiten die Kinder und Jugendlichen mit vergleichbaren Lernvoraussetzungen gemeinsam in Klein- beziehungsweise Lerngruppen. Sie werden hauptsächlich beim Vermitteln von Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen innerhalb einer Schulstufe gebildet.

Zusätzlich gibt es im HPZ die Möglichkeit der Ganztagsbetreuung durch die Tagesstätte sowie an einzelnen Tagen eine Ferienbetreuung. Die Kinder essen nach dem Unterricht gemeinsam zu Mittag und werden nachmittags adäquat betreut. In der Tagesstätte erwarte sie ein attraktives Programm in netter Atmosphäre und in kleinen Gruppen sowie ein hohes Maß an individueller Förderung durch die einzelnen Fachkräfte.

Schwerpunkt geistige Entwicklung

»Unser Förderschwerpunkt liegt in der geistigen Entwicklung, dabei setzen wir auf eine übergreifende und vernetzte Zusammenarbeit unserer Einrichtungen«, erklärt Anne Weyand. Dies sei der Fachdienst mit seinen Therapeuten aus Heilpädagogik, Psychologie, Logopädie, Physiotherapie und Ergotherapie. Eltern, die sich nicht in der Lage sehen, ihr Kind dauerhaft zu betreuen, stehe das Sieben-Tage-Wohnheim offen. Hier lebten die Kinder und Jugendlichen familiär in vier Gruppen zusammen.

Aktuell besuchen 175 Schüler die Dr.-Kurt-Blaser-Schule, Einzugsbereich ist der gesamte Landkreis Bayreuth, bei der Berufsschulstufe zusätzlich auch der Nachbarlandkreis Kulmbach. Die Schule gibt es bereits seit rund vier Jahrzehnten. Insgesamt sind an der Dr.-Kurt-Blaser-Schule 40 Lehrkräfte und zahlreiche Pflegekräfte beschäftigt.

Down-Syndrom

Kerstin Ellner engagiert sich auch ehrenamtlich für die Aufklärung in Sachen Down-Syndrom. Dazu betreibt sie die Internetseite www.miaskleinesextra.de

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