Die Jury des sprachkritischen Preises "Unwort des Jahres" hat entschieden: "Remigration" ist das Unwort des Jahres 2023. Das Wort werde als "beschönigende Tarnvokabel" von rechten Parteien und rechtsextremen Gruppierungen verwendet, um Zwangsausweisungen bis hin zu Massendeportationen von Menschen mit Migrationsgeschichte zu fordern, sagte die Jurysprecherin der sprachkritischen Aktion, Constanze Spieß.

Besondere Aktualität erhält die Wahl durch eine kürzlich von "Correctiv" aufgedeckte Konferenz von AfD-Politiker*innen mit Neonazis und Identitären, bei der genau diese Massendeportationen diskutiert wurden.

Hier die bürgerliche Mitte, dort böse Nazis?

Nun scheint also alles hübsch an seinem Platz: Dort die bösen, rechtsradikalen Fanatiker, hier die aufgeklärte bürgerliche Mitte, die die sprachlichen Umdeutungen der Neuen Rechten clever durchschaut hat. Doch ganz so einfach ist es leider nicht.

Vielmehr sind sowohl das Vokabular als auch die damit verbundenen Denkweisen der Neuen Rechten tief in den deutschen Diskurs eingedrungen. Im Oktober 2023, auf dem traurigen Höhepunkt einer unersprießlichen, von Fakten weitgehend unbehelligten Migrationsdebatte (gefühlt die fünfzigste seit 2015), ließ sich Bundeskanzler Scholz mit dem Zitat "Wir müssen endlich im großen Stil abschieben" auf der Titelseite des "Spiegel" blicken.

Was genau soll das sein, wenn nicht "Remigration"? Millionen Menschen in Deutschland verstehen das genau so. Menschen, deren Eltern oder Großeltern nicht in Deutschland geboren sind und die schon als Kinder mit Begriffen wie Duldung und der ständigen Angst vor Abschiebung konfrontiert wurden. Menschen, die hier leben und arbeiten, deren Anwesenheit aber immer wieder in Frage gestellt wird, mal direkt, mal indirekt.

Migration wird durchgehend negativ geframet

Das Schlimme ist: Die Mitglieder der Ampelregierung - auf dem Papier die fortschrittlichste Regierung der EU - bemühen sich zwar, beim Thema Migration eine andere Sprache zu sprechen als die Neue Rechte. Aber die Inhalte und den Ton haben sie längst 1:1 übernommen. Migration wird durchweg als etwas Negatives oder zumindest als etwas Hochgefährliches formuliert, das nur mit Gewalt einigermaßen unter Kontrolle gehalten werden kann.

Natürlich trägt auch die Union ihren Teil zu dieser Diskursverschiebung bei, aber von der Ampel kommt leider kein Widerstand. Zwar stimmen die Grünen hin und wieder "mit Bauchschmerzen" zu, wenn irgendwelche Staaten mit zweifelhaftem Menschenrechtsverständnis zu sicheren Drittstaaten erklärt werden, in die man abschieben kann. Aber auf dieses virtuelle Signal könnten eigentlich alle Beteiligten verzichten. Denn es ändert faktisch nichts. 

Die bürgerliche Mitte ist sich mit den bösen Nazis im Prinzip einig: Zuwanderung ist schlecht. Vor diesem Hintergrund ist es zwar ein gut gemeinter Einwand, Remigration als Unwort zu bezeichnen. Er erlaubt es aber auch, das Grundproblem, nämlich das anlasslose Misstrauen gegen vermeintlich "Fremde", auch Rassismus genannt, auf eine bestimmte Gruppe zu projizieren. Und das ist eine falsche gedankliche Bequemlichkeit.

Menschenfeindlichkeit bei sich selbst erkennen

Wir Deutschen müssen endlich aufhören, unsere Menschenfeindlichkeit anderen zuschreiben zu wollen. Das gilt für Rassismus genauso wie für Antisemitismus, der auch gerne an den Rändern des politischen Spektrums (das gute alte Hufeisen) oder direkt bei "den Ausländern" (gemeint sind in Wirklichkeit die Muslim*innen) vermutet wird.

Ja, die AfD ist gefährlich. Aber noch gefährlicher ist, dass ihre Ideen und Forderungen zunehmend von bürgerlichen und progressiven Parteien übernommen werden, wenn auch meist unter anderem Namen und mit etwas freundlicherem Vokabular. Vor diesem Hintergrund wäre auch ein Verbot der rechtsextremen Partei, das vermutlich ohnehin nicht kommen wird, völlig wirkungslos. 

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