Predigt: Freue dich sehr - Zum ersten Advent (Sacharja 9,9)

Jeden Tag brennt in einem anderen Haus eine Adventskerze. Pfarrerin Elke Eilert über die schöne Adventszeit. Eine Predigt.
Adventskranz mit Kerze

Einladung zur Freude

Von den Fenstern strahlt es hell in die Dunkelheit. Von oben bis unten sind die Fenster geschmückt.  Dicke rote Adventskerzen sind da zu sehen mit hellen Flammen.  Und jede ist eingerahmt von gelben Strahlen und kleinen Sternen. Es ist der erste Advent. Eine bunte Schar von Kindern, Müttern und Vätern, Jungen und Alten, dick eingepackt mit Schal und Mütze, steht vor dem ersten Adventsfensterl und staunt.  

Alle Jahre wieder gibt es bei uns die „Adventsfensterl“. Bis Weihnachten wird es Tag für Tag ein anderes Haus sein, das mit einem geschmückten Fenster zu einer kleinen Adventsandacht einlädt. Im sanften Schein des erleuchteten Fensters feiern wir, dass der Advent beginnt. Der Freudenmonat. Wir singen. Jemand liest eine  Adventsgeschichte. Wir wärmen uns mit einer Tasse Punsch. Und auch das gehört dazu: die dunkle kalte Nacht und der warme Schein des Lichts. In diesem Licht kann ich die Gesichter der Kinder gut sehen. Ich schau in ihre leuchtenden Augen und spüre es deutlich: jetzt beginnt etwas, es bitzelt tief drinnen in der Seele. Freude steigt auf. Und die Freude der strahlenden Kindergesichter zieht auch uns Große in ihren Bann.

Der erste Advent ist eine Einladung zur Freude. Und die erreicht uns über alle Sinne, über Augen, Ohren und Nase.  Zum Advent gehören das Tannengrün und das Kerzenlicht in dunkler Nacht. Zum Advent gehört der würzige Duft einer Räucherkerze oder der Geruch von Zimt und Kardamom in Plätzchen und Punsch.

 Für mich gibt es im Advent einen besonderen Ohrenschmaus, der alles andere in den Schatten stellt. Eine kleine Zeile nur:

Freue dich sehr, du Tochter Zion, jauchze, du Tochter Jerusalem! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer.

Dieser Vers hat sich tief in meine Seele eingeprägt. Manchmal singe ich ihn sogar mitten im Jahr vor mich hin. Wenn ich dann entdecke, was ich da grad singe, muss ich lächeln. Schau an, mitten im Sommer klingt’s in deinem Kopf nach Advent. In mir breitet sich dann ein mächtiges Gefühl aus. Es macht mich weit und erwartungsvoll. Es lässt mich innerlich beben, ähnlich dem Vibrieren, das meinen Körper ergreift, wenn etwas sehr Schönes unmittelbar bevorsteht. Für mich fängt der Advent erst richtig an, wenn ich das im Gottesdienst singen darf. 

Natürlich habe ich dann in der Regel daheim schon ein paar Adventsvorbereitungen getroffen. Auf dem Tisch steht der Adventskranz. Die erste Kerze brennt. An der Wand hängt ein Adventskalender voller guter Gedanken für jeden Tag.  Aber nichts bringt mich so in Stimmung wie diese Worte

Freue dich sehr, du Tochter Zion, jauchze, du Tochter Jerusalem!

Sie packen mich, sie erfüllen mich. Es ist, wie wenn die Freude anspringt, endlich – so wie bei einem Motor, der so gar nicht in die Gänge kommen wollte. Aber plötzlich verstummt das Stottern und der Motor schnurrt.  Die Freude ist da, grad in dem Moment, wo ich das singe – ob sie mich dann alle Tage durch den Advent begleitet?  Wohl kaum. Aber tief in mir drin spüre ich es, dass sie trotzdem da ist, diese Freude. Dass sie da ist und da bleiben will.

Worauf freue ich mich?

Auf was freue ich mich eigentlich? Auf den Heiligen Abend, die volle Kirche, den Austausch liebevoll verpackter Geschenke, das Wiedersehen mit der Familie?  Das alles sind Freunden, die das Weihnachtsfest mir in Aussicht stellt. Aber sicher kann ich nicht sein, ob die erwartete Freude sich einstellt. Vielleicht sind die Geschenke nicht grad das, was die Beschenkten erwartet haben. Vielleicht baut uns das Gespräch mit den Verwandten am Weihnachtstisch nicht auf, sondern ermüdet uns.  Ich ahne es: meine jähe Freude, die jener Adventsvers in mir entfacht, sie weist auf einen viel größeren Raum als mein kleines Leben. Diesen Raum beleuchtet mein Freudenvers: 

Freue dich sehr, du Tochter Zion, jauchze, du Tochter Jerusalem! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer.

Die  Worte stammen aus dem Alten Testament, vom Propheten Sacharja. Meine Freude soll sich also auf einen König, auf einen Herrscher beziehen. Das ist doch sehr weit weg. Ich weiß gar nicht, ob ich auf so jemanden warte. In anderen Ländern gibt es sicher Menschen, die auf einen neuen, besseren, gerechteren Herrscher warten. In der Türkei, in Syrien, in Simbabwe. Und viele auch heute noch in Israel und Palästina. Menschen, die enttäuscht sind, weil sie gelernt haben: von denen, die jetzt herrschen, ist nichts zu erwarten. In so eine Welt spricht der alte Prophetentext. Da soll einer kommen, der wirklich Frieden bringt, der gerecht ist und den Menschen hilft. Ohne eigene Interessen zu verfolgen, ohne Machtkalkül, ohne sich groß zu machen auf Kosten anderer. Von so einem kommenden König spricht der Prophet. Auf den sollen sich alle freuen.  Hier wird eine ganz besondere Ankunft angekündigt. Wer das genau ist, bleibt rätselhaft. Es ist auf jeden Fall kein gewöhnlicher Herrscher, kein König, wie man ihn kennt, keine siegreicher Held. Der König, von dem der Prophet spricht, ist anders. Er fährt in keiner Kutsche, sitzt nicht auf hohem Ross. Er trägt keine blitzende Rüstung, er verzichtet auf die übliche Militärparade. Dieser König verfolgt ein ganz anderes Programm und er zeigt es auch: Wer Frieden will, muss abrüsten. Er muss das einseitig tun und er muss selbst damit beginnen.

Wie dieser König in die Welt kommt, das zeigt schon sehr viel davon, wie er herrschen will. Er sitzt auf dem Rücken einer jungen Eselin. Die Mächtigen der Welt reiten hoch zu Ross, so war das zur Zeit des Propheten und so ist es heute auch noch. Doch jener arme, gerechte König sitzt auf dem Esel und geht den Weg der Gewaltlosigkeit.

Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin. Denn ich will die Wagen vernichten in Ephraim und die Rosse in Jerusalem, und der Kriegsbogen soll zerbrochen werden. Denn er wird Frieden gebieten den Völkern, und seine Herrschaft wird sein von einem Meer bis zum andern und vom Strom bis an die Enden der Erde. (Sacharja 9,9-10)

Für Christen ist diese Erwartung mit Jesus in Erfüllung gegangen. So erzählt es das Evangelium, das seit Jahrhunderten am ersten Adventssonntag in den Gottesdiensten gelesen wird: Jesus reitet auf einer jungen Eselin in die Königsstadt Jerusalem ein. Er ist der erhoffte König aus dem Stamm Davids – aber er ist ein König, der alle Erwartungen auf den Kopf stellt. Der Evangelist Matthäus zitiert den Propheten Sacharja und das Versprechen auf einen  Friedefürsten, der auf allen Reichtum und alle weltliche Macht verzichtet. Seine Herrschaft bedeutet Gewalt zu erleiden, nicht ihr machtvoll zu widerstehen. Wenige Tage nach dem Einzug in Jerusalem wird Jesus zu Tode gebracht von den Mächtigen. Die wissen sich nicht anders zu helfen in ihrer Angst vor der Macht des Ohnmächtigen und seiner Botschaft von der bedingungslosen Liebe. Jesus ist der Friedefürst. Das zeigt er uns nicht erst an seinen Ende auf Golgatha. Er hat von Anfang den Frieden gelebt, in seinen Worten und in seinen Taten.

Jesus, der König der Ehren und unser Friedefürst

Die Bibel erzählt vom Ankommen dieses Königs in der Welt. Sie erzählt von dem, der den Frieden lebt, der einseitig abrüstet. Die Lieder, die zum ersten Advent gehören, erzählen vom Ankommen dieses Königs in meinem Herzen. Auch sie weiten meine Adventsfreude aus dem Klein-Klein meines Lebens in einen größeren Raum hinein. „Macht hoch die Tür“ ist so ein Adventslied. Da wird genau von dieser Ankunft erzählt. „Es kommt der Herr der Herrlichkeit“ heißt es da. Der „Herr der Herrlichkeit“ bringt das Leben. Er heilt, was krank und zerbrochen ist. Das ist ein inneres Bild für dieses Kommen.  Gott will in mein Herz einziehen. Er will meine Verzagtheit und Bequemlichkeit, meine Mutlosigkeit und meinen Groll mit Freundlichkeit besiegen:

Komm, o mein Heiland Jesu Christ,
meins Herzens Tür dir offen ist.
Ach zieh mit deiner Gnade ein;
dein Freundlichkeit auch uns erschein.
Dein Heilger Geist uns führ und leit
den Weg zur ewgen Seligkeit.
Dem Namen dein, o Herr,
sei ewig Preis und Ehr.

Friedensboten in unserer Gesellschaft

Eine Doppelgarage neben einer großen Flüchtlingsunterkunft, hunderte Fahrräder stehen rund um die Garage. Vor der Garage ist ein Getümmel, junge Männer aus Syrien, aus Nigeria und Afghanistan schrauben an Rädern herum, kleine Mädchen holen ihre frisch hergerichteten Räder ab. Eine Helferin aus dem Asylkreis bringt ein ausgedientes Fahrrad vorbei.  Ein älterer Mann aus der Nachbarschaft holt sich Werkzeug aus der Garage.

Seit zwei Jahren gibt es bei uns diese Radlwerkstatt. Hier werden alte gespendete Fahrräder auf Vordermann gebracht. Mit ihnen können die  Asylsuchenden leichter mal jemanden besuchen oder zum Einkaufen fahren. Für sie ein großes Stück Freiheit. Der Werkstattgründer kennt fast jeden, der hier an einem der Räder herum schraubt. Da sind Männer aus Syrien, sie haben eine gute Aussicht für eine Weile hier bleiben zu können. Andere haben kaum eine Chance auf Bleiberecht.  Selbst das Angebot, einen Sprachkurs zu besuchen, lockt die wenig, die sich abgeschrieben fühlen.  „Da ist es schon ein Glück, wenn ich einen von denen dafür begeistere ein bisschen mitzuhelfen,“ sagt der Werkstattleiter. „Mancher lernt dabei doch irgendetwas, was ihm hilft im Leben.“  Was hier geschieht, durch sein ehrenamtliches Engagement und die vielen Unterstützer, ist ein Beitrag zum Frieden in unserem Land. Junge Männer voller Frustration finden freundliche Ansprechpartner. Ihre Langeweile wird durchbrochen. Sie können etwas Sinnvolles tun.  Und die deutschen Nachbarn lernen ganz unkompliziert die „Neuen“ kennen und fassen Vertrauen. Ich stehe und schaue den Männern zu und es rührt mich an, wie sie fachsimpeln miteinander. In ihren Worten ist so viel Respekt und Achtsamkeit zu spüren. Ich radele nach Hause, bin vergnügt und wieder mal singt es in mir:  Freu dich sehr, du Tochter Zion, siehe, dein König kommt zu dir...  Wer Frieden will, muss abrüsten. Er muss das einseitig tun und er muss selbst damit beginnen. Und es gibt viel abzurüsten in unserm Land: Vorurteile, Angst vor Fremden, Ich-Bezogenheit.

Die Camp-David-Gespräche Ende der 1970er Jahre wollten auf einer viel größeren politischen Ebene Frieden stiften. Jimmy Carter, der Präsident der Vereinigten Staaten, brachte die damaligen Präsidenten von Ägypten und Israel auf seinem Urlaubssitz am Rande der Blue Ridge Mountains zusammen. Bevor es zu den harten Dreier-Verhandlungen kam, hat Jimmy Carter jeden einzeln zu sich eingeladen und dem Politischen eine ganz persönliche Note gegeben. Man saß im Wohnzimmer und beugte sich über die Fotoalben der Familie Carter. Auf den Fotos waren die Enkelkinder zu sehen, beim Spielen, beim Sonntagsausflug, auf dem Schoß des Großvaters. Und die Gesprächspartner fingen an, von ihren Enkeln zu erzählen. Und plötzlich war es klar, wie notwendig dieser Frieden war. Für die politischen Gegner, für die Menschen im Land, für die Kinder. Die Camp-David-Verhandlungen führten schließlich zum israelisch-ägyptischen Friedensvertrag.

Manchmal muss ich mich erinnern lassen – an Jesus, diesen Mensch für andere. Und an die Weisheit der Bibel, die schon auf ihren ersten Seiten sagt: es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei. Dieser weise Spruch Gottes ist ja nicht nur ein Wort für Liebes- und Ehepaare. Keinem bekommt es, immer nur für sich zu bleiben. Ich weiß es genau, dass in der Begegnung mit anderen Menschen immer wieder genau das aufleuchtet: die Freude, der Spaß miteinander, die Anregung durch den Anderen, weil er eben anders ist. Auch wenn die Zeit im Advent knapp wird, ich werde in meinen Englischkurs gehen. Brush up your english, Frisch dein Englisch auf, so heißt der Kurs. Und ich besuch ihn auch deswegen, damit ich unterm Christbaum halbwegs flüssig mit meinem irischen Schwiegersohn reden kann. Ich staune immer wieder, wie lustig wir es beim Englischlernen haben. Wir sind eine Gruppe Frauen, die alle ein wenig, aber nicht allzu gut Englisch können. Fast ohne Ausnahme reden wir trotzdem munter drauf los. Versuchen uns auf Englisch zu erzählen, was wir im Urlaub gemacht haben oder wie wir in der Familie Weihnachten feiern. Das geht nicht fehlerfrei. Aber oft sind es grad die Fehler, die uns besonderen Spaß machen. Es macht Spaß über sich selbst zu lachen und mit den anderen zu lachen, fehlerfreundlich. Das will ich mitnehmen in meine Adventszeit. Fehlerfreundlich sein mit mir selbst und mit andern. So kann sie kommen, die Adventsfreude, die der Prophet Sacharja mit Frieden in Verbindung bringt.
Für Joachim Ringelnatz, der für seine witzigen Gedichte bekannt ist, gibt es noch etwas, was die Freude steigern kann:

Schenke groß oder klein,
aber immer gediegen.
Wenn die Bedachten
die Gaben wiegen,
sei Dein Gewissen rein.
Schenke herzlich und frei.
Schenke dabei,
was in Dir wohnt
an Meinung, Geschmack und Humor,
so dass die eigene Freude zuvor
Dich reichlich belohnt.
Schenke mit Geist, ohne List.
Sei eingedenk, daß Dein Geschenk
Du selber bist.
 
(Aus: Ulrike-Christine Sander (Hrsg.) Gedanken zum Fest. Frankfurt am Main 2010. S.120)

Sich selbst schenken. Fehlerfreundlich sein. Ein Friedensstifter werden. So kann die Freude wachsen, diese besondere Freude, keine Freude an etwas, sondern eine Freude in. Es ist die Freude, in Gott zu sein. Das ist eine mystische Freude, eine Freude ohne Bindung an Gegenstände oder besondere Lusterfahrungen. Es ist die Freude, wenn ein Mensch sich selbstvergessen in Gott verliert. So kommt er, der Advent Gottes.

Evangelische Morgenfeier vom 3.12.2017 (Erster Advent) mit Elke Eilert, Pfarrerin in Wolfratshausen. Thema: Freude (Sacharja 9,9)

 

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