06.06.2017
Zwei Räder verändern die Welt

Vor 200 Jahren wurde mit der »Draisine« das Fahrrad geboren

Glück auf zwei Rädern: Kein Verkehrsmittel ist so weit verbreitet wie das Fahrrad. Seine Geschichte begann vor 200 Jahren, als Karl Drais die »Laufmaschine« erfand.
Der »Schnell- und Scharfdenker« Karl von Drais um 1820 und sein Entwurf eines Laufrads, das er 1817 zum Patent anmeldete.
Der »Schnell- und Scharfdenker« Karl von Drais um 1820 und sein Entwurf eines Laufrads, das er 1817 zum Patent anmeldete.

Ein verheerender Vulkanausbruch in Indonesien im Jahr 1816 sorgte nicht nur für Dauerregen und Missernten, sondern auch für die Erfindung des Fahrrads. Menschen und Tiere in Europa mussten hungern, und Pferde wurden auf einmal zur Mangelware. Aus dieser Not heraus erfand der gebürtige Karlsruher Karl Drais (1785-1851) vor 200 Jahren mit der »Laufmaschine« eine alternative Art der Fortbewegung – zumindest der Legende nach. Von Drais persönlich gibt es keine Selbstzeugnisse, wie er zu seiner Erfindung kam.

Seine hölzerne Laufmaschine hatte zwei hintereinander montierte Räder, einen bequemen Sattel und eine bewegliche Lenkstange. Und genauso wie die heutigen Laufräder von Kindern hatte die Draisine keine Pedale, sondern wurde mit Bein-Muskelkraft betrieben. Sie war also erst ein Vorläufer der heutigen Fahrräder.

In der Ebene so schnell wie auf Schlittschuhen

Mit diesem sperrigen und 22 Kilogramm schweren Fahrzeug schaffte der badische Tüftler bei seiner ersten offiziellen Tour am 12. Juni 1817 eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 15 Kilometern pro Stunde, berichteten die Zeitungen damals. Die »Jungfernfahrt« in Mannheim fand vor einem staunenden Publikum statt: Nachdem Drais lange probiert hatte, wagte er eine Tour von seinem Wohnhaus in den Mannheimer Quadraten zum etwa sieben Kilometer entfernten Schwetzinger Relaishaus. Hin und zurück benötigte er eine knappe Stunde.

Das abwechselnde Anheben der Beine ermöglichte ein schnelles Fortbewegen auf gut befestigten Straßen – die damals jedoch rar waren. Somit war Drais’ Erfindung auch der Anfang der individuellen Mobilität, ganz ohne Pferde. Das einspurige Zweirad diente als Innovationsvorbild für die Entwicklung von Fahrrad, Motorrad und Automobil.

In seiner Patentschrift schrieb Drais, dass ein Mensch »sein eigenes Gewicht viel leichter auf meiner Maschine« schiebe. Und die Schnelligkeit in der Ebene vergleicht er mit dem Schlittschuhlaufen.

Bergab schneller als ein Pferd

Seine Behauptung, dass das Velo »bergab schneller als ein Pferd« ist, bestätigte er kurz darauf im Schwarzwald: Von Gernsbach aus hatte Karl Drais mit seiner Laufmaschine am 28. Juli 1817 nämlich eine prestigeträchtige Fahrt über den Berg nach Baden-Baden unternommen – und dabei die Fahrzeit der Postkutsche um mehr als eine Stunde unterboten.

In dem neuen System Mensch-Maschine-Straße sei vor allem der Mensch der verbesserungswürdigste Faktor gewesen, sagt der Drais-Experte Hans-Erhard Lessing. Das Abstoßen vom Boden sei ein Zugeständnis an die Nutzer gewesen und kein Konstruktionsmangel: Die Menschen hätten schlicht Angst gehabt, ihre Füße vom sicheren Boden zu nehmen.

Drais ließ sich seine aus Holz gefertigte Erfindung 1818 gesetzlich in Baden schützen. Trotzdem gab es viele Nachbauten. Und die mit eigener Muskelkraft betriebenen Ur-Fahrräder breiteten sich in aller Welt aus.

Auf Bürgersteigen kollidierten sie oft mit Fußgängern. Daher wurde die Laufmaschine bereits Ende 1817 auf Mannheims Gehwegen verboten. In den nächsten zwei Jahren gab es ähnliche Verbote in Mailand, London, New York und später sogar in Kalkutta.

Schreibmaschine, Holzsparofen, Kochmaschine

Das Laufrad war beileibe nicht die einzige Erfindung des Forstbeamten Drais, der seinen adeligen Namen Karl Freiherr von Drais als überzeugter Demokrat 1849 in der Badischen Revolution ablegte. Er entwickelte auch eine Schreibmaschine, einen Holzsparofen und eine Kochmaschine.

Sicher hätte sich Drais nicht träumen lassen, wie sich die individuelle Mobilität weiterentwickelt hat: 1867 stellten die französischen Kutschenbauer Pierre und Ernest Michaux auf der Pariser Weltausstellung das sogenannte Velociped vor, mit einer am Vorderrad angebrachten Tretkurbel. Schätzungen zufolge wurden seitdem etwa 12 bis 14 Milliarden Fahrräder gebaut – vom Hoch- und Niederrad, Tret- und Rennrad bis hin zum Elektrobike.

Der italienische Anthropologe Paolo Mantegazza (1831-1910) beschrieb die Faszination der frühen Fahrräder poetisch: »Der Radsport ist der Triumph des menschlichen Gedankens über die Trägheit der Materie. Zwei Räder, welche kaum den Boden berühren, die wie auf Flügeln dich weit forttragen mit einer schwindelerregenden, trunken machenden Geschwindigkeit.«

 

 

 

Öffentliche Vorführung des Drais'schen »Vélocipède« im Jardin du Luxembourg (Paris) am 5. April 1818.
Die Idee verbreitete sich rasend schnell in Europa und weltweit: Öffentliche Vorführung des Drais'schen »Vélocipède« im Jardin du Luxembourg (Paris) am 5. April 1818.
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