08.07.2017
Ziviler Ungehorsam

Aussteiger, Literat, Rebell: Vor 200 Jahren wurde der US-Philosoph Henry David Thoreau geboren

Mahatma Gandhi und Martin Luther King waren seine Fans. Henry David Thoreau propagierte die Pflicht zum zivilen Ungehorsam: »Wir sollten erst Menschen sein und danach Untertanen.« Warum seine Weigerung, Steuern zu zahlen, heute noch Nachahmer findet.
Henry David Thoreau (1817-1862): Daguerreotypie von Benjamin Maxham aus dem Juni 1856.
Henry David Thoreau (1817-1862): Daguerreotypie von Benjamin Maxham aus dem Juni 1856.

 

Seine Schriften prägten die Bürgerrechtler in den USA und die Friedens- und Umweltbewegung in Europa. Er gilt als Vordenker des gewaltfreien Widerstands und des ökologischen Bewusstseins. Am 12. Juli vor 200 Jahren wurde der US-amerikanische Philosoph Henry David Thoreau (1817-1862) geboren.

Er war ein überzeugter Amerikaner, hochkarätiger Naturforscher und eigenwilliger Denker, so beschreibt ihn der Heidelberger emeritierte Anglistikprofessor Dieter Schulz. Vor allem aber sei Thoreau ein »Schriftsteller von weltliterarischem Rang«, schreibt Schulz in seinem Buch »Henry David Thoreau – Wege eines amerikanischen Schriftstellers«, das Ende Juni erscheint. Sein Gesamtwerk sei geprägt durch die »Kritik an der materialistischen Interpretation des Amerikanischen Traums«.

Aussteiger und Puritaner

Viele sehen in Thoreau vor allem den Prototyp eines Aussteigers. Der Einzelgänger verzichtete auf Alkohol, Tabak, Fleisch – und Frauen. Auch wenn er zeit seines Lebens in der Nähe seines Geburtsorts Concord im US-Bundesstaat Massachusetts blieb, sah er in seinen Nachbarn einen Mikrokosmos und wurde nicht müde, Profitstreben und Kommerzialisierung zu kritisieren – getreu seinem Lebensmotto »simplify«. Gemeint war damit das Bestreben, ein genügsames Leben zu führen.

Thoreau studierte in Harvard Sprachen und Philosophie

Thoreau studierte im nahe gelegenen Harvard unter anderem alte Sprachen und Philosophie. Danach war er für kurze Zeit als Lehrer tätig, verweigerte allerdings die körperlichen Züchtigungen seiner Schüler und quittierte seinen Dienst.

Zwei Jahre seines Lebens verbrachte er in einer selbst gebauten Hütte im Wald am Waldensee. Die Zeit von 1845 bis 1847 hat er in seinem Werk »Walden« festgehalten, das als Klassiker der Selbstversorgung gilt. Mühevoll und einsam schien das Leben des Rebellen dort zu sein. Tatsächlich besuchte er jedoch fast täglich die Stadt, wie der Literaturkritiker Frank Schäfer in einer neuen Biografie schreibt (»Henry David Thoreau. Waldgänger und Rebell«).

Galerie Bild Referenz
Statue und Nachbildung der Hütte Thoreaus in der Nähe des Walden Pond in Massachusetts.
Statue und Nachbildung der Hütte Thoreaus in der Nähe des Walden Pond in Massachusetts.
Der »Walden Pond« (Walden-Teich) in den Wäldern von Massachusetts, 35 Kilometer westlich von Boston gelegen.
Der »Walden Pond« (Walden-Teich) in den Wäldern von Massachusetts, 35 Kilometer westlich von Boston gelegen.
Rekonstruktion des Inneren der Thoreau-Hütte am Walden-Weiher.
Rekonstruktion des Inneren der Thoreau-Hütte am Walden-Weiher.

Gewaltfreier Widerstand von Thoreau

Thoreau wollte die Menschen von jeglichen gesellschaftlichen Zwängen befreien. Dazu zählte für ihn das Christentum genauso wie die amerikanische Verfassung. 1840 weigerte er sich, die Kirchensteuer für die »First Parish Church« zu bezahlen. Als ihm deswegen eine Gefängnisstrafe drohte, wurde die Steuer von jemand anderem bezahlt. Und Thoreau beendete seine Kirchenmitgliedschaft.

Er schloss sich der Gruppe der »Transzendentalisten« an, die der Philosoph Ralph Waldo Emerson (1803-1882) in Concord gegründet hatte. Die Bewegung von Intellektuellen und Schriftstellern trat für eine freiheitliche, selbstverantwortliche und naturzugewandte Lebensführung ein. Von ihr gingen wesentliche Impulse für die Sklavenbefreiung, die Entstehung der Frauenbewegung und die Naturschutzbewegung aus.

Thoreau sah Gewissen des Individuums als moralische Instanz

Für Thoreau war allein das Gewissen des Individuums als moralische Instanz relevant – und nicht die Gesetze des Staats: »Derjenige Staat ist der beste, der am wenigsten regiert.« Immer wieder warb er in seinen Schriften für ein verantwortliches Handeln jedes Einzelnen.

Seine Mitbürger rief er zum Widerstand gegen die Sklaverei auf. Im Sommer 1846, während er noch in seiner Hütte lebte, weigerte er sich, die sogenannte Kopfsteuer zu bezahlen. Diese diente seiner Ansicht nach dazu, den ungerechten Krieg der Vereinigten Staaten gegen Mexiko zu finanzieren.

Wegen seiner Steuerverweigerung musste Thoreau eine Nacht im Gefängnis verbringen, das er als den einzig richtigen Platz für einen moralisch aufrichtigen Menschen bezeichnete. Dabei sei es Thoreau offenkundig ums Prinzip und um eine »aufsehenerregende, publikumswirksame Inszenierung« gegangen, erläutert Schulz.

Ein Bleistiftmacher als Vorbild für die »Occupy«-Bewegung

In seinem Essay »Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat« (Civil Disobedience) formulierte Thoreau es so: »Ich finde, wir sollten erst Menschen sein und danach Untertanen. Man sollte nicht den Respekt vor dem Gesetz pflegen, sondern vor der Gerechtigkeit.«

Durch Mahatma Gandhi (1869-1948) wurden seine Thesen des gewaltfreien Widerstands bekannt. Auch Martin Luther King (1929-1968) und die US-amerikanische Bürgerrechtsbewegung machten den zivilen Ungehorsam populär.

Heute beziehen sich so unterschiedliche Bewegungen wie »Occupy« und »Black Lives Matter« auf Thoreau. Und auch heute verweigern wieder US-Bürger mit Verweis auf ihn das Zahlen von Steuern.

Thoreau war nicht nur Philosoph, Moralist, Idealist und Naturforscher, sondern auch Bleistiftmacher. 1859 übernahm er nach dem Tod seines Vaters dessen Bleistift-Fabrik. Schon zuvor war er an Tuberkulose erkrankt. Bei Ausbruch des amerikanischen Sezessionskriegs 1861 soll er erklärt haben, er werde niemals mehr genesen, »denn dieses Land macht mich krank«. Am 6. Mai 1862 stirbt er im Alter von 44 Jahren an Tuberkulose.

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