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Sonntagsblatt 12/ vom

Fehler im System

Pflegebedürftigkeit macht arm. Das darf nicht sein.

Kommentar von Andreas Jalsovec

Oftmals, so berichtet eine Pflegeheimleiterin, reiche das Geld gerade noch für eine Tafel Schokolade als Geschenk für die Enkel. Mehr sei finanziell bei vielen Pflegeheimbewohnern nicht mehr drin. Pflegebedürftigkeit macht arm: Das ist die traurige Erkenntnis aus den Zahlen, die der Sozialverband VdK veröffentlicht hat. Demnach ist jeder dritte Pflegebedürftige, der im Heim wohnt, auf »Hilfe zur Pflege« angewiesen, also auf Sozialhilfe.

Dabei sollte die Pflegeversicherung genau das verhindern: dass Menschen im Pflegeheim zu Sozialfällen werden. Immer öfter jedoch ist das der Fall. Die Zahl der Pflegebedürftigen, die ohne die »Hilfe zur Pflege« nicht auskommen, steigt seit Jahren an. Der Grund: Der Eigenanteil, den sie an den Kosten für das Heim tragen müssen, ist so hoch, dass ihre Rente dafür nicht ausreicht. Oder anders gesagt: Der Anteil, den die Pflegeversicherung übernimmt, ist zu gering. Die Hauptlast bleibt an den Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen hängen.

Daran hat die Erhöhung der Beiträge zur Pflegeversicherung im Jahr 2015 nichts geändert. Und auch die neuerliche Anhebung 2017 dürfte das Problem kaum lösen. Denn der Fehler liegt im System: Abhängig von der Pflegebedürftigkeit zahlt die Pflegeversicherung für die Unterbringung im Heim stets eine feste Summe. Für den Rest muss der Pflegende selbst aufkommen.

Ist dessen monatliche Rente zu gering, springt der Sozialhilfeträger ein. Da aber künftig die Renten kaum steigen werden, die Pflegekosten hingegen weiter zunehmen, wird die Schere zwischen Rente und zu zahlendem Eigenanteil noch weiter aufgehen.

Nicht umsonst versuchen viele ältere Menschen und deren Familien, Heimaufenthalte so lange wie möglich hinauszuzögern. Zum einen, weil die Betroffenen lieber zu Hause wohnen. Zum anderen aber auch, weil ihnen schlicht das Geld für das Pflegeheim fehlt.

Helfen könnte ein Systemwechsel. Warum nicht die Pflegeversicherung zu einer Teilkasko-Versicherung umbauen, so wie es der Evangelische Verband für Altenarbeit und Pflege anregt?

Dessen Chef Bernhard Schneider schlägt vor, dass die Pflegekasse alle pflegebedingten Kosten übernimmt. Der Pflegebedürftige zahle dann nur noch 300 Euro im Monat plus Unterkunft und Verpflegung. Das rechne sich, so Schneider, wenn gleichzeitig die Krankenkassen die Behandlungskosten übernähmen. Die Gesamtkosten würden demnach auf mehr Schultern verteilt.

Mit anderen Worten: Es geht um mehr Solidarität in der Pflegefinanzierung, um die Pflegebedürftigen zu entlasten. Gelänge dies, hätte die Pflegeversicherung ihren Namen wirklich verdient.

Sonntagsblatt-Redakteur Andreas Jalsovec

 

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