20.11.2017
Nationalsozialismus

Fußball und NS-Zeit: Warum ein Erinnerungsbuch entsteht

Dachau — 
Sie waren begeisterte Fans, großartige Fußballer, fleißige Vereinsmitglieder - doch ab 1933 waren Menschen mit jüdischen Wurzeln in den deutschen Fußballvereinen unerwünscht. Die Initiative »!Nie wieder - Erinnerungstag im deutschen Fußball« hat jetzt gemeinsam mit dem Bayerischen Fußballverband ein digitales »Buch der Erinnerung« ins Leben gerufen. Es soll den in der NS-Zeit verstoßenen, verfolgten und ermordeten Vereinsmitgliedern ein Denkmal setzen.
BLV-Vizepräsident Reinhold Baier, Charlotte Knobloch und "!Nie wieder"-Sprecher Eberhard Schulz bei der Buchvorstellung.
BLV-Vizepräsident Reinhold Baier, Charlotte Knobloch und "!Nie wieder"-Sprecher Eberhard Schulz (v.l.) bei der Buchvorstellung in der Versöhnungskirche Dachau.

Türenschlagen, Schreie, der dröhnende Motor eines Lastwagens. Eine Männerstimme beschreibt, was da gerade passiert, in der sogenannten »Reichskristallnacht« vom 9. auf den 10. November 1938. Es ist Kurt Landauer, der frühere FC-Bayern-Präsident, den die Schüler des Günter-Stöhr-Gymnasiums Icking in einem kurzen Hörspiel lebendig werden lassen. Seine Biografie ist wohl die prominenteste im »Buch der Erinnerung«, das der Bayerische Fußballverband BFV und die Initiative »!Nie wieder – Erinnerungstag im deutschen Fußball« am 79. Jahrestag des Pogroms in der Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau vorgestellt haben.

Das virtuelle Projekt soll an Vereinsmitglieder erinnern, die in der NS-Zeit wegen ihrer Religion, Herkunft oder Gesinnung verfolgt und ermordet wurden. Bewegt und berührt zeigte sich Ehrengast Charlotte Knobloch nach der Vorstellung der ersten vier Biografien und des Schülerprojekts. Das Bild des Lastwagens habe sie in ihrer Erinnerung zurückversetzt in die Nacht des 9. Novembers, sagte die  Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde von München-Oberbayern. »An der Hand meines Vaters irrte ich durch München, vorbei an zerstörten Geschäften und der rauchenden Synagoge. Mein Vater wollte seinen Freund Rothschild warnen - warum ihm das gerade jetzt einfiel, weiß ich nicht. Wir liefen also dorthin und sahen von der Straßenecke aus genau so einen Lastwagen vor dem Haus stehen. Rothschild, mein Onkel Rothschild, kam zur Tür heraus, einen blutigen Verband um den Kopf. Mit Fußtritten wurde er auf den Lastwagen gejagt. Das war das letzte, was wir von ihm gesehen haben.«

»Antisemitische Stimmung nicht akzeptieren«

Knobloch sagte, man müsse heute darüber nachdenken, »was alles über Nacht möglich sein kann«. Sie würdigte den Einsatz vieler Fußballvereine gegen Antisemitismus. »Man sieht, dass antisemitische Stimmung in den Vereinen nicht akzeptiert wird, es gründen sich Initiativen, die Menschen gehen an die Öffentlichkeit«, so die 85-Jährige.

BFV-Vizepräsident Reinhold Baier erinnerte daran, dass die Fußballvereine sich nicht schützend vor ihre Mitglieder gestellt und nach Kriegsende »aus Scham und verdrängtem Schuldgefühl« die Ausgestoßenen vergessen hätten. Das »Buch der Erinnerung« wolle den Menschen wieder einen Platz in der bayerischen Fußballfamilie geben, »egal ob Präsident oder Platzwart«, so Baier. Vor allem bei jungen Vereinsmitgliedern wolle man das Bewusstsein dafür schärfen, dass es nicht selbstverständlich sei, in Zeiten von Demokratie und Meinungsfreiheit zu leben.

Bislang liegen laut BFV 19 Biografien vor, darunter auch die von Jenö Konrad, der von 1930 bis 1932 den 1. FC Nürnberg trainierte. Mit Blick auf die insgesamt rund 4600 bayerischen Fußballvereine stecke das Projekt aber noch in den Kinderschuhen, sagte Baier am Rande der Veranstaltung. Eberhard Schulz von der Initiative »!Nie wieder« gab der Hoffnung Ausdruck, dass viele Vereine »Biografien von ausgeschlossenen Mitgliedern finden und aufschreiben und dadurch etwas wieder in die richtige Ordnung bringen«.

Der Bayerische Fußballverband ist der erste Landesverband, der ein biografisches Erinnerungsprojekt zur NS-Zeit startet. Die Initiative »!Nie wieder« hatte 2004 den Erinnerungstag im deutschen Fußball ins Leben gerufen.

 

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