Expert*innen sehen Kinder- und Jugendspiele heute viel kritischer als das lange der Fall war. So sorgte kürzlich ein Artikel von uns für Empörung, in dem eine Autorin, selbst Teamerin und in der Jugendarbeit tätig, das Spiel Kartenrutschen empfohlen hatte.

Wir passten den Artikel daraufhin an, wollten aber auch wissen, was genau das Problematische an dem Spiel ist. Darüber haben wir mit der Direktorin des Staatsinstituts für Frühpädagogik und Medienkompetenz, Fabienne Becker-Stoll gesprochen.

Was sagen Sie als Psychologin zu dem Spiel Kartenrutschen? Ist das aus Ihrer Sicht für Kinder und Jugendliche geeignet?

Fabienne Becker-Stoll: Ein klares Nein. Das Spiel ist ein bisschen wie Reise nach Jerusalem, nur dass man sich nicht einfach auf einen freien Stuhl setzt. Wenn eine bestimmte Karte gezogen wird, muss man sich einen Platz weiter nach links setzen. Und wenn dort schon jemand sitzt, muss man sich auf dessen Schoß setzen.  Ich habe kurz recherchiert, was man über das Spiel sagen kann. In einem geschützten Rahmen wie einer Geburtstagsfeier, mit engen Freunden oder unter Geschwistern kann es angemessen sein, aber es ist niemals akzeptabel, sich ohne Einverständnis auf den Schoß eines anderen zu setzen – schon gar nicht bei einem Kind.

Sie würden also von dem Spiel abraten?

Also, ich persönlich würde das Spiel definitiv nicht spielen, vor allem nicht mit Jugendlichen, weil es einfach im Eifer des Gefechts und in der Gruppendynamik zu unangemessenen Situationen führen kann. 

"Es gibt einfach zu viele potentielle Probleme, um dieses Spiel bedenkenlos mitzuspielen."

Was konkret ist daran ein Problem?

Es gibt viele Gründe, warum dieses Spiel problematisch sein kann. Zum einen führen die Spielregeln oft zu Grenzüberschreitungen, die auf Kosten anderer, vor allem körperlich schwächerer oder weniger entwickelter Personen gehen können. Dann gibt es die Entwicklungsperspektive: Oft sieht man schon am ersten Schultag in der weiterführenden Schule, wie unterschiedlich die Kinder körperlich entwickelt sind. Es gibt einfach zu viele potenzielle Probleme, um dieses Spiel bedenkenlos mitzuspielen.

Hat das auch mit dem Geschlecht zu tun?

Man muss auch ehrlich sagen, dass es hormonell bedingt unterschiedliche Tendenzen im körperlichen Bereich gibt. Jungen haben oft kein Problem damit, sich körperlich zu messen und ihre Kraft einzusetzen, besonders wenn es um Ballspiele oder ähnliches geht. Es gibt gute Gründe, Gruppen ab einem bestimmten Alter zum Beispiel beim Sport zu trennen.

Einige Jungen haben einfach aufgrund der körperlichen Entwicklung mehr Kraft und grobmotorische Fähigkeiten, die sie erst noch regulieren lernen. Mädchen entwickeln sich oft schneller, im Jugendalter wird aber zunehmend die körperliche Überlegenheit der Jungen deutlicher. Sie sind meist größer, kräftiger und muskulöser als Mädchen. 

"Es ist besonders wichtig, dass Kinder, vor allem Mädchen, früh lernen, Grenzen zu setzen."

Und was folgt daraus?

Die unterschiedliche Entwicklung der Geschlechter und ihre Bedürfnisse müssen berücksichtigt werden. Es ist besonders wichtig, dass Kinder, vor allem Mädchen, früh lernen, Grenzen zu setzen und sofort aufzuhören, wenn sie sich unwohl fühlen, vor allem in einer Gruppendynamik wie einer Jugendgruppe. Alle Kinder wollen im Jugendalter dazugehören und nicht als schwierig oder zickig gelten. Daher sind Spiele, die dazu einladen, körperliche Grenzen zu überschreiten, absolut inakzeptabel.

Welche Spiele sind das?

Alle Spiele, bei denen Kinder in die Lage kommen könnten, ihre eigene Integrität und Unversehrtheit zu gefährden oder Grenzverletzungen zu erleben. Aus meiner Forschung im Bereich der Frühpädagogik und Kinderbetreuung kann ich sagen, dass die Regeln für inklusive Gruppen allen Kindern zugutekommen, auch wenn kein Kind spezielle Bedürfnisse hat.

"Im Zweifelsfall kann man sich fragen: Würde ich dieses Spiel machen, wenn ich ein Inklusionskind dabeihätte, ja oder nein?"

Wie sieht das in der Praxis aus?

Zum Beispiel kann ein Kind mit körperlicher Beeinträchtigung oder einer Sehbehinderung berücksichtigt werden. Man sollte immer überlegen, wie man die Spiele so anpassen kann, dass alle Kinder mitmachen können und die Spiele in den Jugendgruppen so auswählen, dass kein Kind, egal welches Geschlechts, Alters oder welcher körperlichen Verfassung, in die Situation kommt, seine Grenzen verteidigen zu müssen, sich gegen die Mehrheit abgrenzen zu müssen.

Im Zweifelsfall kann man sich fragen: Würde ich dieses Spiel machen, wenn ich ein Inklusionskind dabeihätte, ja oder nein? Welchen Spaßfaktor, welchen Erlebnisfaktor hat dieses Spiel? Und könnte man das nicht auch in der anderen Spielversion oder unter anderen oder anderen Spielbedingungen machen, ohne dass eine Grenzverletzung stattfindet, und wir reden über die körperliche Grenzverletzung, aber im Grunde ist es eine psychische und seelische Grenzverletzung.

Wie schwerwiegend würden Sie die Folgen von unangebrachten Spielen einschätzen?

Das hängt von den Teilnehmenden ab, von ihrem Alter, ihrer Vertrautheit, ihrer Zusammensetzung. Aber ich glaube, dass es bei der ganzen Thematik der Gewalt und des Missbrauchs gegen Frauen, sowohl strukturell als auch tatsächlich, ganz wichtig ist, dass wir die Mädchen befähigen, Grenzen zu setzen und sich vehement zu wehren, sich zu schützen und gleichzeitig Jungen dafür sensibilisieren, die Bedürfnisse und Grenzen anderer bei ihrem Handeln zu berücksichtigen und sich aktiv dafür einzusetzen.

Gleichzeitig bleibt es wichtig, dass wir als Erwachsene Mädchen stärken und ihnen helfen, sich zu behaupten und zu schützen, und alle Kinder und Jugendlichen darin stärken, für ihre Rechte, Bedürfnisse und Grenzen einzustehen.

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