Game of Thrones: Fantasyserie mit religiösen Bezügen

Den 17. Juli haben sich alle Fans von »Game of Thrones« fett im Kalender markiert – dann startet die siebte und damit vorletzte Staffel der derzeit erfolgreichsten Fantasy-Serie weltweit in Deutschland auf dem Bezahlsender Sky. Dass Religion und Glaube in dem Jahrhundert-Epos eine zentrale Rolle spielt, ist kein Zufall.
Game of Thrones Fantasyserie Titelbild
Game of Thrones Fantasyserie Titelbild

Das Fantasy-Epos wird als Jahrhundertwerk der Fantasy-Literatur eingestuft und mit dem »Herr der Ringe« auf eine Stufe gestellt. Auch die Wissenschaft beschäftigt sich mittlerweile mit dem Epos. Die US-Eliteuniversität Harvard bietet etwa im Herbstsemester 2017 das Seminar »The Real Game of Thrones: From modern Myths to Medieval Models« (deutsch: Das wirkliche Spiel der Throne: von modernen Mythen zu mittelalterlichen Modellen) an. Bemerkenswert ist, dass vor allem die Religion eine entscheidende Rolle bei Game of Thrones spielt.

Die bisher sieben produzierten Staffeln basieren auf der (noch unvollendeten) Roman-Reihe »Das Lied von Eis und Feuer« des US-Autors George R.R. Martin. Die Handlung spielt in einer fiktiven Welt, die von den zwei Hauptkontinenten Westeros im Westen und Essos im Osten geprägt ist. Die Geschichte dreht sich um den Herrschaftskampf, den Sitz auf dem Eisernen Thron. Damit einher geht der Kampf verschiedener politischer Vorstellungen und unterschiedliche religiöse Überzeugungen, denn jeder Herrscher bringt seine eigene Religion mit sich – gemäß des vom Augsburger Religionsfrieden bekannten Mottos von 1555 »cuius regio eius religio« (deutsch: »wessen Gebiet, dessen Religion«).

Religion ist zentrales Thema bei »Game of Thrones«

Religion spielt eine entscheidende Rolle bei »Game of Thrones« - obwohl sich Autor George R.R. Martin in Interviews dezidiert religionskritisch äußert. »Ich wurde katholisch erzogen, aber glaubte nie wirklich daran. Wir sollen uns an diese Gesetze halten, nur weil ein unsichtbarer Typ im Himmel das gesagt hat? Wie kann ein intelligenter Mensch nur an so etwas glauben?«, formulierte Martin seine persönliche Sicht auf den Gottesglauben.

Seine religionskritische Sicht spiegelt sich in der Darstellung der verschiedenen Religionen wider: Es gibt eine Vielzahl an Göttern in der Welt von »Game of Thrones«. Die Mehrheit der Bevölkerung in Westeros glaubt an die Neuen Götter, die »Sieben«. An die Alten Götter, deren Gesichter in Bäume mit blutroten Blätter eingeritzt sind, glaubt nur eine Minderheit. Abseitige Gebiete haben ihre eigenen abseitigen Religionen.

„There’s only one God – and his name is Dead“ – der Schwertkampf-Lehrers Syrio Forel, ein Mann aus der Freien Stadt Braavos jenseits der Meerenge, wo die Bewohner unter anderem den Vielgesichtigen Gott verehren. Seine Anhänger sind davon überzeugt, dass die Gläubigen aller Religionen letztendlich ihre Gebete an denselben Gott des Todes richten, nur in verschiedenen Inkarnationen.

Der Glaube an den Herrn des Lichts

Während die etablierten Religionen mehr oder minder friedlich koexistieren, hält eine neue Religion in Westeros Einzug, die mehr und mehr Anhänger findet: der Glaube an den Herrn des Lichts. Die neue Religion aus Esos zeichnet sich durch einen extremen Absolutheitsanspruch aus. Anhänger dieses Glaubens sind überzeugt: Es gibt nur einen wahren Gott - den Herrn des Lichts. Alle anderen Götter sind Dämonen und falsche Götzen, die gestürzt und niedergebrannt werden müssen. Zu einem gemeinsamen Gebet der Anhänger des Herrn des Lichts gehört der Ausspruch: »Denn die Nacht ist dunkel und voller Schrecken«, gefolgt von der Antwort: »Herr, lasse dein Licht über uns leuchten.«

In den komplexen Darstellungen der Hauptreligionen lässt sich die religionskritische Haltung des Autors ablesen. Deutlich erkennbar hat sich Martin vom Christentum, der antiken Gnosis und anderen Religionen inspirieren lassen.

Hintergrund: Game of Thrones

»Game of Thrones« wird einhellig als die erfolgreichste Fantasy-Serie der Welt bezeichnet. Regelmäßig brechen die Zuschauerzahlen die bisherigen Rekorde – die zuletzt ausgestrahlte 6. Staffel erreichte allein in den USA knapp 20 Millionen Zuschauer. Bei den Emmy Awards, der wichtigsten internationalen Auszeichnung der TV-Branche, hat »Game of Thrones« mit insgesamt 38 Trophäen einen neuen Rekord aufgestellt. Sechs Millionen US-Dollar beträgt das Budget für eine Folge durchschnittlich. Damit zählt »Game of Thrones« zu den teuersten Serien aller Zeiten.

Erstmals wurde die Serie in den USA am 17. April 2011 ausgestrahlt, die deutsche Erstausstrahlung erfolgte am 2. November 2011. In Deutschland strahlt der Pay-TV-Sender Sky das Fantasy-Spektakel aus und hat eigens dafür im April einen eigenen digitalen Fernsehsender namens »Sky Thrones HD« gestartet.

 

Westeros - Game of Thrones

Der Glaube an die Sieben

So erinnert etwa der »Glaube an die Sieben«, der die Mehrheit der Bevölkerung von Westeros angehört, zumindest der äußeren Form nach, stark an die römisch-katholische Kirche des Mittelalters, mit Priestern, Nonnen und prächtigen Sakralbauten. Statt der Dreifaltigkeit – Vater, Sohn und Heiliger Geist – gibt es eine Siebenfaltigkeit. Der Glaube an die Sieben wurde von den Andalen eingeführt, als diese den Kontinent mehrere hundert Jahre zuvor erobert hatten.

Von seiner Organisationsstruktur ähnelt die Religion der Sieben ebenfalls einer Staatskirche: Der Glaube wird übermittelt von Priestern, den sogenannten Septonen. Diese können auch Frauen sein, die sogenannten Septa, welche sich jedoch vorrangig um die Erziehung hochgeborener Kinder kümmern. Außerdem gibt es noch Mönche und Brüder mit unterschiedlichem Rang. Zu den mächtigsten zählen die Stummen Schwestern, die ein Schweigegelübde abgelegt haben und sich um die Leichen der Getöteten kümmern.

Die gesamte Religion basiert auf der Symbolik der Zahl Sieben: Die Sieben Götter stellen sieben Facetten des »Einen Gottes« dar. Es gibt drei männliche Aspekte: den Vater, den Krieger und den Schmied, sowie drei weibliche Aspekte: die Mutter, die Magd und die Krone. Den siebten Aspekt stellt der Fremde dar. Er ist weder weiblich noch männlich, sondern symbolisiert das Unbekannte, den Tod. Jeder der sieben Aspekte des Gottes hat einen spezifischen Aufgabenbereich, zur Mutter wird etwa um Gnade gebetet, zum Krieger für Kraft in einem Kampf. Das Symbol der Religion ist ein siebenzackiger Stern.

Arya Stark - Game of Thrones

Game of Thrones: »Spatzen« als Gottesstaat

Neben der Staatskirche der Sieben entwickelt sich im Laufe der Serie ein radikaler Ableger, der zum Ziel hat, einen Gottesstaat zu errichten. Die sogenannten Spatzen, angeführt vom »Hohen Spatz«, gewinnen zunehmend an Macht und Einfluss. Die Spatzen, die durch ihren durch Armut geprägten Lebensstil an Bettelmönche des Mittelalters erinnern, etablieren eine Art Inquisition: Sie führen Razzien in Bordellen durch, kennzeichnen Sünder mit einem in die Stirn geritzten siebenzackigen Stern, und etablieren ein Gottesgericht, mit dem es ihnen schließlich gelingt, sich die Krone zu unterwerfen: Aufgrund ihrer Verfehlungen (Ehebruch, Unzucht, Inzest, Lüge u.v.a.) werden Königin Cersei, ihre Schwiegertochter Margaery und deren Bruder Loras eingekerkert und mit degradierenden Bußaktionen auf den richtigen Pfad der Tugend zurückgebracht  – ein Akt, der das Machtverhältnis in Westeros Hauptstadt Königsmund, dem Sitz des Königs, zugunsten der extremistischen Spatzen verschiebt.

Von den Alten Göttern bis zu den Herrn des Lichts - "Games of Thrones"-Autor George R.R. Martin erklärt die Religionen von Westeros.
Cersei Lennister: Game of Thrones

George R.R. Martin bezieht sich auf Glauben an Götter

Bei den Alten Göttern hat sich Martin von vorchristlichen Naturreligionen inspirieren lassen. »Die Alten Götter sind die Götter der Bäume, Steine und Berge«, erklärt Autor George R. R. Martin im YouTube-Clip. Verehrt werden die Alten Götter deshalb nicht in Tempeln oder Kirchen, sondern im sogenannten Götterhain. Zentrum ist der Wehrholzbaum, ein weißer Baum mit roten Blättern und rotem Saft, der aussieht wie Blut.

Westeros war ursprünglich das Reich verschiedener nicht-menschlicher Lebewesen, die die Alten Götter anbeteten. Als die ersten Menschen in die Gegend kamen, akzeptierten diese ihre Götter und übernahmen die Religion. Erst mit der Invasion der Andalen 6000 Jahre vor Beginn der Handlung wurden seine Anhänger im Großteil des Kontinents ausgerottet. Im Norden, der vor der Invasion verschont blieb,  konnte sich der Glaube an die Alten Götter erhalten - eine Eroberungsgeschichte, die an die Geschichte Nord- und Südamerikas erinnert.

Theon Graufreud wird getauft: Taufszene aus der zweiten Staffel der Fantasy-Serie "Game of Thrones"

Der Glaube an den Ertrunkenen Gott

Dem Ertrunkenen Gott gehört nur eine Minderheit der Menschen, die auf den Eiseninseln leben, an. Die Religion erweist sich jedoch als umso gewaltbereiter: Der Glaube an den Ertrunkenen Gott rechtfertigt die Lebensweise der Eisenmänner, die hauptsächlich auf Piraterie und Plünderung beruht. Die Anhänger glauben, dass ihr Gott das Feuer aus dem Meer brachte und es ihre Aufgabe ist, zu plündern, zu morden und zu brandschatzen. Sie glauben: Es ist kein verächtlicher Akt, einen Feind zu ermorden, sondern eine fromme Tat. Ihrer Ansicht nach wird ein Junge erst zum Mann und damit vollwertiges Mitglied der Eisenmänner, wenn er einen Gegner im Kampf tötet.

Ein wichtiger Aspekt der Religion der Eisenmänner ist die Wiederauferstehung. Ihr Gott soll selbst im Meer zum Wohle der Eisenmänner ertrunken und stärker zurückgekehrt sein. In Aussicht gestellt wird das ewige Leben in der Halle des Ertrunkenen Gottes, um dort Feste zu feiern und von Meerjungfrauen gepflegt zu werden.

Game of Thrones hat Parallelen zur Bibel

Ein bekanntes Gebet der Anhänger ist der Ausspruch: »Was tot ist, kann niemals sterben.« Es wird beantwortet wird mit: »Doch erhebt es sich von Neuem, stärker und härter.« Wenn eine Person dieses Gebet beginnt, wird erwartet, dass Anwesende es wiederholen. Dabei wird die rechte Hand zur Faust geballt und auf die Brust über das Herz gelegt.

Der Religionsbeitritt geschieht durch eine radikalisierte Form von Taufe: Man muss ertränkt werden. Wenn das Herz aufgehört hat zu schlagen, wird man aus dem Wasser gezogen und wiederbelebt. Falls derjenige überlebt, kehrt er danach stärker zurück - so der Glaube.

Obwohl Autor George R.R. Martin angegeben hat, bei der Religion der Eisenmänner von der nordischen Mythologie der Wikinger beeinflusst worden zu sein, gibt es interessanterweise Parallelen zur Bibel, die ebenso einen Zusammenhang zwischen Taufe, Tod und Wiedergeburt herstellen. So sagt Paulus:

»Wisst ihr nicht, dass wir, die wir auf Christus Jesus getauft wurden, in seinen Tod hinein getauft wurden? Wir wurden also mit ihm durch die in den Tod hinein erfolgte Taufe begraben, damit, gleichwie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, so auch wir in der Neuheit des Lebens wandeln. Wenn wir nämlich mit der Gleichgestalt seines Todes zusammengewachsen sind, werden wir es auch mit der seiner Auferstehung sein.« (Römer 6,3-5)

Auch Martin Luther knüpft in seinem Taufverständnis stark an Paulus in Römer 6 an. In seiner Deutung der Taufe ging er von dem griechischen Wort »baptismos« (Ein- oder Untertauchen) aus. Die Taufe sieht er bildhaft dargestellt durch das ursprünglich ausgeübte völlige Untertauchen des Täuflings im Wasser und sein Wiederauftauchen als Handlung, die das Sterben und Auferstehen des Menschen mit Christus symbolisiert. Später sagte er: »Der alte Adam in uns soll ersäuft werden. Nimm dich aber in acht, das Aas kann schwimmen!«

Hoher Spatz in der Septe von Baleor: Game of Thrones

Atheisten reflektieren Multi-Religiösität bei Game of Thrones

Explizit atheistische Figuren tauchen in der Serie auf, um die Multi-Religiosität zu reflektieren. Ein Beispiel ist etwa der Pirat und Kaufmann Salladhor Saan: »Ich habe schon die ganze Welt umsegelt und überall wo ich hinkomme reden die Leute vom einzig wahren Gott. Alle glauben, den richtigen anzubeten. Das einzig Göttliche liegt zwischen den Beinen einer Frau. Vor allem zwischen den Beinen einer Königin.«

Einer der prominentesten Atheisten der Serie ist die Hauptfigur Tyrion Lennister. Sein Gleichnis vom Käfer veranschaulicht die nihilistische Weltsicht des Kleinwüchsigen am Besten: Am Ende der vierten Staffel wartet Tyrion in einer Zelle auf seine vom eigenen Vater angeordnete Hinrichtung. Kurz vor seinem vermeintlichen Ende berichtet er seinem Bruder Jaime, wie er als Jugendlicher intensiv versucht habe herauszufinden, warum Orson dauernd Käfer zerdrückt hatte. Zuerst bereitete es ihm Freude Orson zuzusehen, da er sich ihm Vergleich dazu normal vorkam und auch am Elend der anderen erfreuen konnte. Jedoch stellten für Tyrion die Käfer unschuldige, wehrlose Lebewesen dar, weswegen ihr Tod ihm ungerecht erschien.

Tyrion berichtet, dass er versucht habe Orson zu fragen, der ihm jedoch beiseite gestoßen habe und ihm keine ausreichende Antwort gegeben habe. Deswegen habe Tyrion zuerst in Büchern nach ähnlichen Fällen gesucht, dort jedoch erfolglos war und darauf das Verhalten seines Cousins studiert habe, da er meint dass Orson seine Gründe gehabt haben muss. Jedoch kommt Tyrion nach all den Jahren zu keiner Antwort auf seine Frage. Das Käfer-Gleichnis lässt sich auch als Reflexion auf das massenhafte Abschlachten der Figuren in »Game of Thrones« lesen. Die klassische Theodizee-Frage wird hier neu verpackt.

"Game of Thrones" - Autor George R.R. Martin über die Bedeutung von Religion.

Nun ließe sich vermuten, dass der Autor einen säkularen Lösungsweg präsentiert. Das Gegenteil ist jedoch der Fall: Ausgerechnet ein durch eine Prophezeiung  vorhergesagter Auserwählter soll die Welt vom Bösen befreien. Soweit man das sagen kann, denn: Noch ist das Epos nicht zu Ende erzählt.

Die Vermarktungsmaschinerie hat jedenfalls angesetzt: Schon gibt es interaktive Landkarten mit Hinweisen zu den Drehorten der Serie.

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