Predigt: Gott ist in den Rosen (Jesaja 11,1-10)

Der Blick auf eine Rose, die noch im Dezember im Hinterhof blüht, nimmt Pfarrerin Sandra Zeidler zum Ausgangspunkt für eine Meditation über die Hoffnung.

Wenn ich von meinem Mietshausbalkon in den kleinen Hinterhof runterschaue, dann sehe ich da eine Rose blühen. Eine kleine, sehr rote Rose. Ich sehe sie schon den ganzen Oktober über, im November war sie immer noch da und auch jetzt im Dezember strahlt sie mir jeden Morgen kühn entgegen. Ich habe mir nämlich angewöhnt, morgens gleich rauszuschauen, ob sie noch da ist. Und tatsächlich: unberührt von Frost, Wind und Regen streckt sie sich tiefrot aus dem scheckigen Braungrün des winterlichen Hinterhofs empor. Einmal war ich schon versucht, sie abzuschneiden für die Vase. Ich habe es dann aber doch nicht gemacht. Im warmen Wohnzimmer wäre sie nur verblüht. Und so ist immer noch da, die rote Hinterhofrose.

Und glaube ja nicht
dass der Garten im Winter
seine Ekstase verliert.
Er ist still.
Aber die Wurzeln sind aufrührerisch
ganz tief da unten.

Der persische Dichter und Mystiker Rumi hat das gesagt. Auch wenn er noch so tot aussieht, der winterliche Garten, da geht noch was. Da geht was vor sich, was für das menschliche Auge nicht gleich sichtbar ist. Das geschieht etwas gegen den Augenschein. Das letzte Grün, das manche Büsche noch tragen, ist eine Erinnerung an andere Zeiten. Der winterliche Garten hat immer etwas Verwunschenes. Still liegt er da, als ob er träumt.

Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen.

So beginnt eine biblische Prophezeiung. Sie gehört zum Advent wie die Lieder, die nur in diesen Tagen gesungen werden. Abgehauene Stämme und alte Wurzelstöcke werden noch einmal austreiben, die totgeglaubten Wurzeln sind noch aufrührerisch, ganz tief da unten. Das Leben kommt wieder.
Das erzählt der Prophet Jesaja: wie aus einem abgestorbenen Baumstumpf etwas Neues wächst. Etwas ist abgeschnitten, ja, aber das ist nicht das Ende.

 

Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen. Auf ihm wird ruhen der Geist des Herrn, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des Herrn. Und Wohlgefallen wird er haben an der Furcht des Herrn. Er wird nicht richten nach dem, was seine Augen sehen, noch Urteil sprechen nach dem, was seine Ohren hören, sondern wird mit Gerechtigkeit richten die Armen und rechtes Urteil sprechen den Elenden im Lande, und er wird mit dem Stabe seines Mundes den Gewalttätigen schlagen und mit dem Odem seiner Lippen den Gottlosen töten. Gerechtigkeit wird der Gurt seiner Lenden sein und die Treue der Gurt seiner Hüften. Da wird der Wolf beim Lamm wohnen und der Panther beim Böcklein lagern. Kalb und Löwe werden miteinander grasen, und ein kleiner Knabe wird sie leiten. Kuh und Bärin werden zusammen weiden, ihre Jungen beieinanderliegen, und der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind. Und ein Säugling wird spielen am Loch der Otter, und ein kleines Kind wird seine Hand ausstrecken zur Höhle der Natter. Man wird weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge; denn das Land ist voll Erkenntnis des Herrn, wie Wasser das Meer bedeckt. Und es wird geschehen zu der Zeit, dass die Wurzel Isais dasteht als Zeichen für die Völker. Nach ihm werden die Völker fragen, und die Stätte, da er wohnt, wird herrlich sein. (Jesaja 11,1-10)

Was für ein Bild. Was für ein unfassbares Friedensgemälde. In meinen kühnsten Träumen könnte ich mir sowas nicht ausmalen. Raubtiere sind friedliche Mitbewohner, kleine Kinder bewahren sich ihre Naivität und ihre Neugier. Niemand impft ihnen mehr ein: Mach das nicht, da musst du Angst zu haben. Gerecht geht es zu auf der Welt, keiner bereichert sich mehr am andern, einfach weil er es kann und weil Geld eh zu Geld kommt. Gott ist da, mittendrin steht er, in diesem Sehnsuchtsbild vom Frieden, um ihn dreht sich alles, weil nichts wichtiger und erfüllender sein kann.

Dieser prophetische Vision ist im Laufe der christlichen Geschichte immer wieder auf Jesus gedeutet worden. Er soll der Messias sein, der kommen wird. Er wird dieses Friedensreich bringen.  Der junge Spross, von dem die Rede ist, ist ein menschlicher Spross, ist das Gotteskind, dessen Geburt wir an Weihnachten feiern. Er ist der neue Zweig, der aus der totgeglaubten Wurzel hervorwächst, er ist das „Reis aus dem Stamm Isais“. Isai war der Vater von König David.

Aber diese Dynastie ist erloschen, der Baum gefällt, die Linie unterbrochen. Und doch gibt es einen Zusammenhang  zwischen dem Königtum Davids und dem verheißenen Messias. Das Beste, was man über David erzählt hat oder auch in ihn hineindachte, das kann in viel höherem Maß über den gesagt werden, der kommen wird: Er nämlich, der Messias, hat den Geist des Herrn, den Geist der Weisheit und des Verstandes, des Rates und der Stärke, den Geist der Erkenntnis und der Furcht des Herrn. Die Bilder, die Jesaja für den verheißenen Messias findet und die Bilder von Jesus, der dann Christus genannt wird, gehen ineinander über. Die Namen des einen werden die des anderen.

Unser heutiger, distanzierter Blick, nimmt vielleicht schneller die Unterschiede wahr: Was hat Jesus von Nazareth zu tun mit dem „Reis aus dem Stamm Isais“, dessen Kommen einige Jahrhunderte vor ihm angekündigt wurde? Passen die Namen überhaupt zu ihm? Charakterisieren ihn Weisheit und Verstand, Rat und Stärke, Erkenntnis und Furcht Gottes? Das passt alles nicht sehr gut zu Jesus, jedenfalls nicht eins zu eins. Wir würden wahrscheinlich andere Bilder finden, wenn wir gefragt würden, wer er war und was er ist.

Aber der distanzierte Blick ist ja nicht der einzig mögliche. Ich schaue zwar jeden Morgen aus der Distanz meines Balkons im zweiten Stock auf meine Hinterhofrose, aber achten und lieben gelernt habe ich sie erst aus der Nähe - und da habe ich  beschlossen, sie nicht abzuschneiden.
Wir Heutigen waren ja nicht dabei, als Jesus da war, zu Lebzeiten, wir haben ja nur den distanzierten Blick. Es kann ja so gewesen sein, dass einige Menschen damals gesagt haben: Er ist es. Ihre Intuition hat sie das wissen lassen. Wie ein nicht begründbares, aber unausweichliches Erkennen. Sie haben seine Stimme gehört, haben seine Bewegungen gesehen und wussten, dass er es war. In so einem Augenblick geschieht ein Erkennen, das ein anderes Wort für lieben ist. Und dann passt auf einmal alles, in Jesus fällt alles in eins, auch die großen Namen: Weisheit und Verstand. Rat und Stärke. Weil man erkennt: Du bist es! Weil es die Liebe ist, die die Namen findet.

„Ein Reis wird hervorgehen aus dem Stamm Isai.“ Das ist in seiner alten Sprache fremd und zugänglich zugleich, missverständlich und klar in einem. „Reis“ – das Wort kennen wir allenfalls noch vom „Reisig“ oder „Reisigbesen“. Im Weihnachtslied wird schließlich aus dem „Reis“ „die Ros“: „Es ist ein Ros entsprungen aus einer Wurzel zart.“ Einfach ein Missverständnis. Und doch ist es mehr als das: es bewahrt nämlich den Zusammenhang und die Unterbrechung, es behält die Kontinuität ebenso wie den Einschnitt. Das Neue ist sehr anders als das Alte. Es stellt das, was war nicht wieder her. Und doch geht das Neue aus dem Alten hervor und ist mit ihm verwandelt. Das Reis wird zur Rose, die mitten im kalten Winter blüht. Auf einmal ist etwas in der Welt, womit niemand gerechnet hat.

Gott ist den Rosen, in den Dornen


Geboren in der Notunterkunft, arm und verfolgt, stacheliges Stroh statt weicher Daunen. Jesu Leben war von Anfang an nicht auf Rosen gebettet. Zeit seines Lebens ist er dahin gegangen, wo es wehtut. Er hat  mit den einfachen Leuten gelebt, ist zu den Getretenen und Geschlagenen gegangen, hat vom Reich Gottes erzählt, dass es schon angefangen hat auf Erden, hat Jüngerinnen und Jünger um sich versammelt, hat Kranke geheilt, Ausgestoßene umarmt und ist am Ende hingerichtet worden mit einer Dornenkrone auf dem Kopf. Verspottet haben sie ihn damit, das Blümelein, die Rose.

God is in the roses – Gott ist in den Rosen. So heißt ein Lied von Rosanne Cash, der Tochter des Countrysängers Johnny Cash. God is in the roses, the petals and the thornes. Gott ist in den Rosen, in den Blütenblättern und in den Dornen. Gott ist da, wo es unfassbar schön ist und Gott ist da, wo es unsagbar weh tut.

Gott ist in den Blütenblättern. Samtweich und zahlreich sind die Blätter einer Blüte, wer sie zählen will, wird scheitern. So erzählen die Rosen von der Unendlichkeit und von der Liebe, die einfach da ist und frei von jedem Warum und Wozu. Gott ist da, wenn die Liebe die richtigen Worte findet, wenn die Liebe die Namen findet. Wenn man erkennt: du bist es! Das ist ja nicht nur auf Paare bezogen. Die Liebe hat ja viele Ausdrucksmöglichkeiten. Der langjährige Freund, der recht eigentlich sauer ist, weil der andere sich nicht meldet, nicht nachfragt, wie es ihm denn geht. So scheinbar gar nichts wissen will. Und als sie sich dann treffen und es ungemütlich wird, weil der Freund beleidigt und getroffen ist, da treten dem andern die Tränen in die Augen. Ja, ich hab es versäumt, ich war mit mir beschäftigt. Da spürt er auf einmal in seiner Brust einen Strom von Liebe, von Zuneigung, ein Fundament von Freundschaft, das so leicht nicht erschüttert wird. Und er wird ganz weich und drückt den alten Freund. Alles gut.

Gott ist in den Dornen. Gott ist da, wo es weh tut. Wolfgang hat seit sieben Jahren Depressionen. Erst hat er gedacht: Naja, ich bin halt erschöpft. Ich brauch mehr Ruhe. Aber das Gegenteil ist passiert. Er ist gar nicht mehr aus dem Bett gekommen. Antriebslos, niedergeschlagen, kein Interesse mehr an gar nichts. So ist das bei Wolfgang und das sind die klassischen Symptome, an der man die Depression erkennt. Mittlerweile kann er nicht mehr zur Arbeit, weil ihn alles überfordert.

Er kann kein Buch mehr lesen, sich nicht konzentrieren, trifft kaum mehr Freunde, weil er ihre Unbeschwertheit nicht mehr teilt. Er war schon auf der geschlossenen Station, er hat die Menschen dort gesehen, denen der seelische Schmerz mit Tabletten genommen wird. Dann war er in der Tagesklinik, er will sich nicht aufgeben, geht täglich joggen, spielt mit dem Hund. Nichts hilft wirklich. Mir hat er das so versucht zu erklären: In mir drin, da ist ein großes schwarzes Tor. Ich kann es nicht öffnen, ich komme nicht dahinter. Es bleibt zu. In letzter Zeit hat Wolfgang wieder öfter an Gott gedacht. Manchmal spricht er mit ihm. Erzählt ihm was von seinem Leben. Wolfgang glaubt, dass Gott da ist. Wie und wo, dass weiß er nicht. Aber er hat ihn nicht verlassen. Und Wolfgang ihn auch nicht.

Rosanne Cash singt von der Gleichzeitigkeit. Ihr Lied handelt davon, wie es ist, sich an die Liebe zu erinnern und den stechenden Schmerz zu spüren, dass der andere nicht mehr da ist. Die zweite Strophe ist ihr auf dem Friedhof eingefallen, erzählt sie. Ihr Vater Johnny Cash war beerdigt worden und sie konnte in der Nacht drauf nicht schlafen. Also ist sie um 5 Uhr aufgestanden, hat vor dem Starbucks gewartet, bis der endlich aufmacht, hat Kaffee gekauft und sich dann an das Grab gesetzt. Sie hat gewartet, bis die Sonne aufgeht. Bis die Sonne über dem Grab ihres Vaters aufgeht. Das war sehr tröstlich, erzählt sie. Sie hat sich noch nie so sehr daheim gefühlt. Und: sie hatte zwei Kaffee dabei – einen für sich und einen für ihren Vater.

Rosanne Cash singt von der Liebe und dem Schmerz


„Wir fallen wie die samtenen Blütenblätter“ singt sie. „Wir bluten und wir sind zerrissen. Aber Gott ist in den Rosen. Und in den Dornen.“ Unser Hinterhofgarten wird wieder werden. Die alten Wurzeln sind aufrührerisch ganz da unten. Woher habe ich diese Hoffnung? Aus der Erfahrung, dass es bisher immer wieder geworden ist? Aus einem Vertrauen in mir drin, einer Wurzel, die nicht abgehauen wurde? Einer Sehnsucht, dass die Schmerzen nicht das Einzige sind?

Dieses Jahr erst ist mir ein ganz feinsinniges Adventslied begegnet. Viele kennen es als Kinderlied. Eine Freundin hat mir erzählt, dass sie ihre die Mutter immer wieder angebettelt hat: Sing‘s noch einmal! Weil es so verwunschen ist und so geheimnisvoll. Ein Lied in Moll. Düster und melancholisch. Es erzählt von einem ganzen Wald voller Dornen und von einem Rosenwunder.

Ein Dornwald. Sieben Jahre kein Laub. Ein unglaublich düsteres Bild. Toter als mein Hinterhofgarten. Sieben Jahre, das ist eine furchtbar lange Zeit. Wie soll man da die Hoffnung bewahren? Wie soll man da glauben, dass die alten Wurzeln noch aufrührerisch sind?  Gegen den Augenschein von Leid und Dürre und Erstarrung? Herr, erbarme dich.

Das Adventslied erzählt aber auch davon, dass die Düsternis sich wandelt, es erzählt, wie aus der Hoffnungslosigkeit und Gottesferne etwas Lebendiges wird. Die Dornen tragen wieder Rosen – oder noch, wie meine rote Hinterhofrose. Dazu braucht es jemanden wie Maria, die etwas Neues hineinträgt in die Dornen. Es braucht Menschen, die sich trauen. Die vertrauen. Weil sie spüren: ich bin nicht allein. Mit dem, was mir wehtut und mit dem, was ich noch zu hoffen wage. Das Lied braucht dafür nur eine Zeile: Jesus und Maria. Sie ist nicht allein auf ihrem Weg durch den Dornwald. Maria erwartet den, der die Dornen nicht scheuen wird. Sie trägt den unterm Herzen, der die Hoffnung und die Liebe und die Zukunft beim Namen nennen wird.

Je öfter ich das alte neue Lied höre, desto mehr denke ich, dass es auch einen jungfräulichen Anteil in der eigenen Seele braucht, wenn man im Leben durch einen Dornwald muss. Einen Teil, der trotz der Schmerzen, und der Erfahrung von Verlust und Tod, unberührt bleibt. Aus diesem Gefühl hat Rosanne Cash auch die Zeilen auf dem Friedhof geschrieben: da war sie nicht allein. Der Vater ist tot, sie ist unendlich traurig, aber sie fühlt sich aufgehoben. Geborgen.

Wahrscheinlich kann man nur so diese Welt weiterhin für einen Ort halten, der lebens- und liebenswert ist. Für einen Ort der Gottesgegenwart. Eine Ort, an dem die Kinder lernen, frei zu sprechen, auf sich zu vertrauen und unbekümmert auf andere zuzugehen. Eine Welt, die über sich hinausdenkt, die glaubt, dass es Größeres gibt als das, was direkt vor Augen liegt. Der kleine Zweig aus der alten Wurzel wird Frucht bringen.

Meine kleine sehr rote Hinterhofrose ist sicher kein ganzes Rosenwunder. Sie ist ein winziger Fingerzeig. Die alten Prophezeiungen und die geheimnisvollen Lieder wissen so viel mehr von der unbezwingbaren Hoffnung. Etwas hört auf, bricht ab, wird für tot gehalten, aber da treibt das Leben. Aus dem Reis wird ein Röslein. Mitten im kalten Winter, wohl zu der halben Nacht. Im Advent warten wir wieder darauf, dass das Wunder geschieht. Das Kind wird geboren, der Kommende, der Erwartete. Kindlein ohne Schmerzen, das zum Schmerzensmann wird.

Da haben die Dornen Rosen getragen.

Evangelische Morgenfeier vom 17.12.2017 (3. Advent) mit Pfarrerin Sandra Zeidler, München. Thema: Gott ist in den Rosen (Jesaja 11,1-10)

 

Quellenangabe Text: Rumi: Und glaube ja nicht…, aus: Der andere Advent 2017/2018 (5.1.2018). Andere Zeiten e.V. Hamburg.

 

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