Predigt: Was bedeutet Ewigkeit? - Zum Ewigkeitssonntag (Lk 12, 42-48)

München — 
Was bedeutet die Ewigkeit? Die Münchner Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler setzt sich aus Anlass des Ewigkeitssonntags mit verschiedenen Zeit- und Ewigkeitserfahrungen auseinander. Eine Predigt.
Ewigkeit Uhr Kaffee

„Das dauert ja wieder eine halbe Ewigkeit“ sage ich missmutig, weil der Handwerker einfach nicht fertig wird mit der Reparatur unserer Jalousien. Eine ganze Ewigkeit warte ich schon auf den Rückruf meiner Freundin, die mir Bescheid sagen wollte, wann sie kommt. Ewig – das scheint alles, liebe Hörerinnen und Hörer, was nicht so zügig voran geht, wie man selbst es möchte. Die Zeit dehnt sich. Ewig. Man steigt unruhig von einem Fuß auf den anderen oder rutscht mit dem Allerwertesten auf dem Stuhl hin und her. Beim Arzt, an der Kasse, im Supermarkt, am Bahnsteig, vor dem Kino, im Restaurant  – es dauert halbe oder ganze Ewigkeiten. Der Ehemann bummelt im Bad, die Kollegin kapiert nur langsam, am Telefon hängt man in der Warteschleife, die Rückreise zieht sich. Solche Ewigkeiten haben Kaugummigeschmack.

Dann wieder gibt es die Augenblicke, von denen man wünschte, sie dauerten wirklich ewig: Der große Frieden, der sich in einem zu Zeiten ausbreitet, Lachen von ganz innen heraus, lustvolle, beseligende Zweisamkeit, paradiesische Ruhe, Glück, das einem unerwartet beschert wird. Da spürt man für einen Moment Unendlichkeit und möchte sie behalten, will mit dem Philosophen Friedrich Nietzsche „Ewigkeit, tiefe, tiefe Ewigkeit“ – nicht allein für die Lust.

Warum kann es nicht so bleiben, wie es gerade ist? Warum gehen die schönsten Momente so schnell vorbei? Das Wochenende, der Urlaub, Feiertage, und manchmal die gemeinsame Zeit mit dem geliebten Menschen – wie ein Hauch, beinahe so, als sei nichts gewesen. Oder als sei die Zeit, die man doch gerade erst gemeinsam begonnen hat, wie im Flug vergangen …

Einmal qualvoll gedehnte Zeit, ein andermal der Wunsch, zu verweilen: Wie wir Zeit empfinden, liebe Hörerinnen und Hörer, das macht ihre Qualität aus. Das macht aus, ob wir sie als schrecklich lang erleben oder uns wünschen, es möge alles für immer so bleiben, wie es gerade ist. Ein ganzes ewiges Leben, die christliche Auferstehung der Toten, ist allerdings ein schwerer Fall von Glaubwürdigkeit geworden.

Immer weniger Menschen sind von ihrer persönlichen Auferweckung und der anderer nach dem jeweiligen Dahinscheiden überzeugt. Dafür meinen immer mehr Menschen, schon einmal gelebt zu haben. Lieber mit Schwung hinein in das Rad der Wiedergeburt, in den ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen, als an die Ewigkeit für ein gottesebenbildliches Individuum glauben. Das hat manch heiteres Personenraten zur Folge:

“Sind wir uns nicht schon am Hof des Pharao begegnet?“ – „Unmöglich, ich bin als Hexe im Mittelalter verbrannt worden...“ Das ist in Wahrheit natürlich nicht heiter, sondern ein grausames Spiel. Keine Gnade und kein Erbarmen für das, was ein Mensch im Lauf seines Lebens tut und unterlässt. Stattdessen immer wieder Schuld und Sühne, neue Verstrickungen. Was ist faszinierend an dieser masochistischen Schufterei, die obendrein alles Elend und Leid der Welt durch die Zuweisung von eigener Schuld begründen kann? Krankheit beispielsweise als Folge des Verhaltens in einem früheren Leben? Wieder geboren werden und abarbeiten, was man in einem vorherigen Leben verdorben hat, schließlich irgendwann eine Ewigkeit, in der man im Allumfassenden aufgeht, macht sicher vieles erklär- und damit vielleicht leichter tragbar.

Das Vertrauen auf einen barmherzigen Gott, der das Leben gibt und erhält, ist dagegen etwas ganz anderes. Christliches ewiges Leben ist etwas Einmaliges, Unverwechselbares und damit im Wortsinn unendlich Kostbares. Es ist von vornherein erlöstes Leben – in seiner Ambivalenz, mit seinen Abstürzen, mit allen Höhen- und Gleitflügen. Der Glaube daran, dass die in-dividuelle Existenz eine Gottesgabe ist, die von ihm über den Tod hinaus bewahrt bleibt, muss auch Folgen im Hier und Jetzt haben: Den Kampf etwa gegen menschlichen Allmachtswahn, der meint, über andere verfügen, sie unterdrücken, missbrauchen und töten zu dürfen. Die über Anfang und Ende des irdischen Daseins hinausreichende göttliche Wertschätzung des Menschen macht seine Würde aus. Und verlangt von uns, dass wir achtsam mit allem Leben umgehen.

Sinnvoll mit dem Leben umgehen

Das Bibelwort für den heutigen Ewigkeitssonntag spricht Klartext. In der wunderbaren alten und anschaulichen Sprache Luthers, in kräftigen Bildern der damaligen Zeit wird erzählt, wie wir leben und uns auf die Ewigkeit vorbereiten sollen. Beim Evangelisten Lukas steht ge-chrieben:

Und der Herr sprach: Wer ist nun der treue und kluge Verwalter, den der Herr über sein Gesinde setzt, dass er ihnen zur rechten Zeit gebe, was ihnen an Getreide zusteht? Selig ist der Knecht, den sein Herr, wenn er kommt, solches tun sieht. Wahrlich, ich sage euch: Er wird ihn über alle seine Güter setzen. Wenn aber jener Knecht in seinem Herzen sagt: Mein Herr lässt sich Zeit zu kommen, und fängt an, die Knechte und Mägde zu schlagen, auch zu essen und zu trinken und sich vollzusaufen, dann wird der Herr dieses Knechts kommen an einem Tage, an dem er's nicht erwartet, und zu einer Stunde, die er nicht kennt, und wird ihn in Stücke hauen lassen und wird ihm sein Teil geben bei den Ungläubigen. (Lk 12,42-46)

So herzhaft steht es in der Lutherbibel. Von Strafe ist die Rede, wenn wir nicht achtsam mit uns und anderen umgehen. Von einer Strafe, die, wie ich denke, einen oft genug schon mitten im Leben trifft, nicht erst am Ende der Zeiten. Die Worte sind harsch, weil Gott uns viel an Gutem zutraut und viel von uns erwartet:

Der Knecht aber, der den Willen seines Herrn kennt und hat nichts vorbereitet noch nach seinem Willen getan, der wird viel Schläge erleiden. Wer ihn aber nicht kennt und getan hat, was Schläge verdient, wird wenig Schläge erleiden. Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern. (Lk 12, 47-48)

Das ist nicht der kuschelige, liebe Gott, den man wie einen Teddybär daheim auf dem Sofa sitzen hat. Das ist der Gott, der von uns erwartet, dass wir sinnvoll mit unserem Leben umgehen – und nicht halbe oder ganze Ewigkeiten damit vertun, unsere Gaben und Fähigkeiten zu verplempern, und sie nicht richtig einzusetzen zum eigenen Nutzen und zu dem anderer. Denn das ist die Pointe dieses knackigen Textes: Mach was aus deinem Dasein.

Und: Sei zugleich vorbereitet auf das Ende. Unser Leben ist einzigartig, unwiederholbar. Gerade deswegen sollten wir, solange wir auf Erden leben, achtsam denken, reden und handeln. Wir sollten unseren Körper und unseren Geist kultivieren, beide sorgfältig pflegen. Wie kann man nachlässig bis gemein mit dem umgehen, was einem für die Spanne eines Lebens geschenkt oder anvertraut ist... „Was man von der Minute ausgeschlagen / Gibt keine Ewigkeit zurück“ sagt Friedrich Schiller in einem Gedicht mit dem Titel „Resignation“. Ewigkeit, das Donnerwort, ist nicht im mindesten Vertröstung auf ein ausgleichendes Jenseits. Ewigkeit, die die Bewahrung des milliardenfach Einmaligen verheißt, verschärft die Bedeutung der Gegenwart.

Letzte Lieder

Gleich, wie lange das eigene Leben oder das anderer währt, es ist „köstlich“ und aller ehrenwert. Irgendwann kommt jede persönliche Biographie zu ihrem irdischen Ende – erfüllt, verfrüht, nach langem Leiden. Ein endgültiges Aus ist das nach christlicher Auffassung nicht. Denn: Wenn man nicht für immer lebt, dann wenigstens für ewig. Vor kurzem habe ich von dieser Ewigkeit im Angesicht des Todes wieder einmal eine Ahnung bekommen. Es war in der Münchner Lukaskirche. Fast zweitausend Menschen kamen, um „Letzte Lieder“ zu hören. Letzte Lieder, das ist ein lesenswertes Buch und zugleich ein wahrhaft bezauberndes Projekt des Künstlers Stefan Weiller. Er hat über hundert Menschen im Hospiz getroffen, mit ihnen gesprochen und diese Gespräche in eine faszinierende literarische Form gebracht.

Man kann sie im Buch nachlesen, diese Gespräche, oder eben auch anhören. Wir haben Texte und Lieder gehört, in denen Angst, Trauer und Verzweiflung sich widerspiegeln – aber eben auch unfassbare Lebensfreude, Zuversicht und Hoffnung, ein Humor, der einen schier aus der Kirchenbank wirft. Gebannt, gepackt bin ich in der Kirche gesessen und habe mit meinem Kopf, im Herzen und mit dem ganzen Körper gespürt, wie wichtig es ist, sich selbst und anderen zur rechten Zeit zu geben, was es zum Leben braucht, wie Jesus sagt. Also Brot, Nahrung, Liebe, Stoff zum Leben im konkreten und im übertragenen Sinn. Ich habe gebannt zugehört und wieder neu verstanden, dass uns viele Chancen, großartige Möglichkeiten anvertraut sind, aus denen wir wie der Mensch im Gleichnis etwas machen sollen.

In den „letzten Liedern“ schauen Männer, Frauen und Kinder nach, was aus dem geworden ist, was ihnen mitgegeben oder im Lauf des Lebens geschenkt wurde. Sie schauen mit Freude zurück, manchmal mit Wehmut oder einem leisen Bedauern, mit einem Lachen oder mit Tränen in den Augen. Das alles, liebe Hörerinnen und Hörer, kann man mitnehmen und in der Ewigkeit vor Gott bringen.

Die Melodie meines Lebens

Stefan Weiller, der sensible Künstler, hat uns auf dem Weg in die Ewigkeit mitgenommen. Mit den Liedern, die Menschen gerne hören und die uns in der Kirche auch zu Gehör gebracht wurden. Er ist dabei großzügig und urteilt nicht, wenn einfach Schlager wie „Immer wieder sonntags“, „Lebt denn der alte Holzmichl noch“ gespielt werden oder schmissige Operetten-Hits wie die „Christl von der Post“. Mit einer großen Weite des Herzens wurde uns literarisch und musikalisch vorgetragen, was Menschen bewegt, so, dass ich zutiefst gerührt war. Es waren ganze Ewigkeiten, die ich mit anderen in der Kirche verbrachte. Kostbare Biographien, wie es unsere auch sind, wurden verbunden mit Wagners Lohengrin, den sich eine 80jährige wünschte oder „Geh aus mein Herz und suche Freud“, das Lieblingslied einer sterbenden sechzigjährigen Frau.

„My yiddische Momme“ erklang in der Kirche, die herzzerreißende Liebeserklärung an die jüdische Mutter. „Weißt du wie viel Sternlein stehen“ sangen wir alle mit und ich brauchte drei Taschentücher. Eine Frau mit 30 wollte einen Tango von Astor Piazollo hören und ein 70jähriger „Verleih uns Frieden gnädiglich“. Eine Frau Ende Vierzig wünschte sich aus Hän-dels Messias das Rezitativ „Tröste mein „Volk“ und ein ganz feines, zartes schwedisches Volkslied „Uti var hage“. All diese Menschen haben wie wir schon Schläge im Leben erlitten, selbst verschuldete und solche, für die sie und wir überhaupt nichts konnten. Was wir aber können, ist uns ganz im Sinne des Evangeliums vorzubereiten auf unser Ende. „Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“

Das ist keine Todessehnsucht, die da mitschwingt, sondern der Wunsch, die eigenen Lebenslieder singen und die der anderen mitsingen zu können. Wenn ich bedenke, dass ich sterben muss, suche ich nach dem Rhythmus meiner Existenz, damit ich nicht aus dem Takt gerate. Ich möchte eine oder vielleicht mehrere Melodien finden, die mich begleiten. Ja, ich will in dem Wissen, dass mein Dasein endlich, ich aber bei Gott unendlich bin, mit Schwung und Kraft, manchmal auch in elender Schwachheit und Erbärmlichkeit leben. Halbe, ganze Ewigkeiten saßen wir in der Kirche, hörten Judy Garlands „Over the rainbow“ und Whitney Houstons „I will always love you“ – beides Sängerinnen, die selbst in ihren 40ern viel zu früh gestorben sind. 

Wir hörten Rockmusik von Alice Cooper, Uriah Heep, den Dire Straits und den Rolling Stones, von denen einige glücklicherweise noch leben, obwohl sie es Jahrzehnte lang wild getrie-ben haben. Ja, so ist das Leben. So vielfältig. So bunt. Das „Hallelujah” von Leonhard Cohen erklang, dem jüdischen Sänger, der vor einem Jahr starb und zuvor noch eine CD über das eigene Sterben machte. Er wusste, dass seine Zeit gekommen war. In einem seiner letzten In-terviews hat er gesagt: „Neulich habe ich gesagt, ich wäre bereit zu sterben. Da habe ich ein bisschen übertrieben. Ich beabsichtige, ewig zu leben.“

In der Lukaskirche hörten wir noch „Schlafe mein Prinzchen, schlaf ein“ – aus dem Kinderhospiz, für die kleine Mia. Da reichen drei Taschentücher nicht mehr aus, wenn ein Kind sich viel zu früh in die Ewigkeit aufmachen muss. Dennoch: Ich weinte hemmungslos und habe gespürt, dass ich darüber noch einmal alle die betrauern konnte, die ich selber zu früh verloren habe.

Der geteilte Schmerz, das Weh um ein fremdes Kind machte es mir möglich, dem eigenen Kummer endlich Raum zu geben. Letzte Lieder… Was würden Sie als Melodie Ihres Lebens beschreiben, liebe Hörerinnen und Hörer? Was bringt Ihre Seele zum Klingen? Jetzt, wo sie wunderbarerweise leben und Zeit haben… Sind es Volkslieder oder Schlager, Popmusik oder innige Stücke von Bach? Mir fällt ganz viel zu meinen ersten und letzten Liedern ein. Mendelssohn-Bartholdys Vertonung des 91. Psalms etwa „Denn er hat seinen Engeln befohlen über dir“ oder, wenn meine romantische Ader pulsiert, Humperdincks „Abends wenn ich schlafen geh´“. Wenn ich an die ganz bitteren Zeiten meines Lebens denke, dann möchte ich aus der Matthäuspassion von Bach „O Haupt voll Blut und Wunden hören“, die Strophe, in der es heißt: „Wenn ich einmal soll scheiden, so scheide nicht von mir! Wenn ich den Tod soll leiden, so tritt du dann herfür! Wenn mir am allerbängsten wird um das Herze sein, so reiß mich aus den Ängsten kraft deiner Angst und Pein.“

So gehalten, könnte ich mich dann bereit machen nicht für ganze oder halbe Ewigkeiten, sondern für das Paradies, auf das ich anders als manche  Zeitgenossen inständig hoffe. Ob es das gibt? Liebe Hörerinnen und Hörer, in dem Film „City of Angels“ begegnen sich die Herzchirurgin Maggie, gespielt von Meg Ryan, und Set, ein Engel in Menschengestalt, dargestellt von Nicolas Cage. Die beiden, heftig ineinander verliebt, reden über Tod und Ewigkeit. Maggie sagt über einen Verstorbenen: „Ich möchte aber, dass er lebt.“ Set, der Engel, antwortet: „Das tut er ja, aber anders als Sie denken.“

Als die Ärztin erwidert, dass sie nicht an solche Dinge glaubt, sagt der Himmelsbote: „Manche Dinge sind wahr, ob man daran glaubt, oder nicht.“ Ewigkeitssonntag. In einer Zeit, in der die Nächte immer länger werden, ist es manchmal ganz schön dunkel um einen herum. Es fällt nicht immer leicht, erwartungsvoll zu sein. Man mag gar nicht über ein Leben nach dem Tod diskutieren – es reicht schon, über das hier nachzudenken. Soll man trotzdem versuchen, sich von der Freude auf die Ewigkeit, von der Hoffnung auf einen Gott anstecken zu lassen? Einen Gott, auf den wir im Advent wieder warten, der Mensch wird und uns ein Leben lang bis über den Tod hinaus begleitet? Ja, unbedingt, auf jeden Fall! Manche Dinge sind nämlich wahr, ob man daran glaubt oder nicht. Amen.

Evangelische Morgenfeier vom 26.11.2017 (Ewikeitssonntag) mit Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler. München. Thema: Ewigkeit (Lk 12, 42-48)

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