Mitten in der Landshuter Neustadt entsteht derzeit die Pop-Up-Kirche. Was das ist? Ein Vintage-Laden, so wie es in München und Berlin schon viele gibt. Das Besondere daran: Mieter sind die drei evangelischen Kirchengemeinden der niederbayerischen Stadt und die Pauluskirche Ergolding, das Evangelische Bildungswerk, die Diakonie, das Ostbayerische Kulturforum, das Jugendwerk und die Kirchenmusik. Vom 2. bis 31. Oktober öffnen sie in der Neustadt 258 die Ladentüren für kirchliche Angebote.

Pop-Up-Kirche: Gemeindeleben besser bekannt machen

Neben Vintage-Garderobe, wie sie auch die Gebrauchtwarenläden der Diakonie anbieten, soll es unter anderem auch ein Seelsorge-Café und Leseinseln geben. Zudem sollen Vorträge und Informationstage für alle Generationen stattfinden, um Gemeindeleben und kirchliche Institutionen besser bekannt zu machen.

"Kirche will näher bei den Menschen sein und andere Orte erobern", erläutert die evangelische Dekanin Nina Lubomierski das Konzept der "PopUp-Kirche". So lägen die evangelischen Kirchen in Landshut immer ein bisschen am Rand, entweder jenseits der Isar oder auf der anderen Seite der großen Ladenstraßen. Als es dann Weihnachten 2020 einen ökumenischen Gottesdienst im zentralen Prantlgarten gab, sei das wie eine Initialzündung gewesen, "weil wir mal mittendrin waren", sagt Lubomierski.

Pandemie hat Reformen beschleunigt

Corona habe einen gewissen Reformprozess in der Kirche beschleunigt. "Lasst uns das weitermachen, was wir während Corona angefangen haben, und zu den Menschen gehen und uns neue Orte erobern", sei von da ab das Credo gewesen.

Das Konzept ist nicht neu, berichtet Lubomierski. Vor mehr als 60 Jahren wurde in Berlin-Spandau am Brunsbütteler Damm eine Ladenkirche gegründet. Der junge Pfarrer Ernst Lange brachte die Idee aus New York nach Berlin: Ein kleines Zentrum von Christen, die in einem Kiez arbeiten und wohnen, gut erreichbar wie der Einkaufsladen um die Ecke. Interessierte betraten nicht den feierlichen Kirchraum, sondern standen sofort in einem Mehrzweckraum, in dem Gespräche geführt wurden über kirchliche und gesellschaftliche Themen, in dem Familienfeste gefeiert und sonntags auch Gottesdienste gehalten wurden.

Sonntags keine Gottesdienste – dafür unter der Woche

In der Pop-Up-Kirche wird es zwar sonntags keine Gottesdienste geben, da ist die Ladenkirche geschlossen, weil es Gottesdienste in den Kirchen gebe, sagt Lubomierski. Aber freitags könnten Interessierte an einer Mittagsandacht mit musikalischer Begleitung teilnehmen. Samstags bietet der Laden sogar eine Kinderbetreuung an. Geöffnet sei sechs Tage die Woche von 11 bis 18 Uhr.

Freundlich und ansprechend soll die Ladenkirche aussehen, "ruhig ein bisschen hip und cool, und ja nicht zu vollgestellt", sagt Lubomierski. Vintage sei zum Beispiel bei jungen Menschen angesagt. "Ich habe Marktforschung bei unseren Konfirmandinnen gemacht. Da kam raus, dass wild gemusterte Männerhemden und Blusen extrem in sind. Männerhosen in Größe 56 gibt es bei uns eher nicht."

"Kirche muss nicht immer in der Kirche sein"

Was die Dekanin gerne vermeiden möchte: dass der Laden "zu churchy" aussieht. Denn: "Kirche muss nicht immer in der Kirche sein." Auch im Urchristentum hatte Kirche ihren Ursprung in Wohnhäusern, und die Basilika war ursprünglich eine Markthalle, sagt Lubomierski. Spannend fände sie, einen leeren Raum zu haben, "in dem wir zeigen können, was wir sowieso schon alles machen. Durch das Neueinrichten des Raums wird uns klar, was wir eigentlich schon Tolles in der Kirche haben, und das wollen wir den Leuten noch mal neu präsentieren." Schon jetzt hätten sich viele Ehrenamtliche gemeldet, die mitmachen wollen. "Die Begeisterung steckt an."

Nah bei den Menschen zu sein, über alle Generationengrenzen hinweg, Experimente in der Kirche wagen: Dafür hat die bayerische Landeskirche seit Anfang des Jahres das Projekt "MUT" gestartet. Es steht für "missional, unkonventionell, tandem". Die Landshuter erfahren von dort auch finanzielle Unterstützung. "Wir brauchten unglaublich viel Mut für dieses Projekt, weil es offen ist, weil wir zu den Menschen gehen - raus aus der Wohlfühlzone. Und es ist ein Tandemkonzept, weil so viele verschiedene Institutionen mitmachen", sagt Lubomierski.

Ob es nach der Erprobungsphase im Oktober weitergehen könnte, wollte die Dekanin nicht ausschließen. "Das ist natürlich ein Kraftakt, die ganze PopUp-Kirche." Der Vintage-Laden mit zusätzlichen Angeboten des EBW könnte eventuell fortbestehen, das Seelsorge-Café eher nicht.