23.03.2017
Soziales

Evangelische Stiftungen in Bayern: Von Seelsorge bis Umweltschutz

Patenkinder in Afrika oder die Tafel in der Nachbarschaft: Wer stiftet, kann überall auf der Welt sein Geld für einen selbstgewählten Zweck einbringen. Zum Münchner Stiftungsfrühling stellt sonntagsblatt.de drei evangelische Stiftungen in Bayern vor und zeigt, was mit Engagement und Geld alles möglich ist.

In Deutschland wird bis 2024 ein Vermögen von etwa 3,1 Billionen Euro vererbt. Das hat die Studie des Deutschen Instituts für Altersvorsorge von 2015 ergeben. Viele Stiftungen, auch die kirchlichen, hoffen auf finanzielle Unterstützung für ihre Projekte und werben um neue Stifter.

Stiften ist auch heute noch eine Form des sozialen Handelns und Teil des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Stifter sind zugleich Bürger; die Stiftungen sind somit Institutionen der Bürgergesellschaft.

Drei evangelische Stiftungen im Kurzporträt

Gerade im kirchlichen Bereich gibt es besonders viele Stiftungen. Sie sind meistens selbständig, rechtsfähig und konzentrieren sich auf kirchliche und diakonische Aufgaben. Die Kirche verwaltet auf Wunsch des Stifters dessen Geld. Die Stiftungszwecke sind sehr unterschiedlich und reichen von der Personalstellensicherung über Umweltschutz bis zur Hospizarbeit. Oft lautet der Stiftungszweck jedoch schlicht und einfach: Religion.

Allein in Bayern gibt es 255 evangelische Stiftungen, die zusammengenommen ein Grundstockvermögen von rund 52 Millionen Euro besitzen. Außerdem kommen Grundstücks- und Immobilienwerte in Höhe von 100 Millionen Euro hinzu.

Das Stiftungsvermögen ist auf Dauer festgelegt. Nur aus den daraus kommenden Zinserträgen können die jeweiligen Projekte finanziert werden.

Was evangelische Stiftungen alles auf die Beine stellen und wie sie damit das gesellschaftliche Leben beeinflussen, zeigen die folgenden drei Kurzporträts.

 

Stiftungen

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Stiftung Evangelische Versöhnungskirche Dachau

Die Evangelische Versöhnungskirche befindet sich auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Dachau. Ihre Betonmauern passen sich der weiß-grauen Umgebung der KZ-Gedenkstätte an. Eine Initiative von ehemaligen Häftlingen gründete 1967 die Versöhnungskirche. Hauptaufgabe von Pfarrer Björn Mensing, Diakon Klaus Schulz und Teamassistentin Monika Müller-Richter ist die Begleitung der Gedenkstättenbesucher und die Erinnerungsarbeit.

Die Versöhnungskirche bietet kostenlose Führungen für Schulklassen und Erwachsene aus der ganzen Welt an und organisiert Vorträge und Ausstellungen. Pro Jahr werden mittlerweile 250 Gruppen-Führungen mit jeweils 25 Personen gemacht, berichtet Mensing. Der Kreis von rund 15 aktiven Ehrenamtlichen hilft im Wesentlichen im Präsenzdienst in der Kirche und im Gesprächs- und Ausstellungraum, kümmert sich darum, dass immer genügend Kerzen da sind, eine frische Blume auf dem Altar steht und vieles mehr. »Es hat sich eine Art kleine Personalgemeinde gefunden«, beschreibt Mensing das Engagement. Außerdem bekommt die Versöhnungskirche Unterstützung durch junge Freiwillige aus aller Welt von der »Aktion Sühnezeichen Friedensdienste«.

Eine weitere Aufgabe der Stiftung ist die Betreuung von Opfern der NS-Zeit und deren Angehörigen. Dabei gehe es in erster Linie um die seelsorgerliche Begleitung, darum, mit den Betroffenen in Verbindung zu bleiben, erklärt Pfarrer Mensing. Außerdem unterstützt die Stiftung Menschen, die heute Diskriminierung und Verfolgung ausgesetzt sind.

Auch an dem Projekt »Gedächtnisbuch für die Häftlinge des KZ Dachau«, in dem die einzelnen Schicksale von Häftlingen dokumentiert werden, ist die Versöhnungskirche beteiligt. Ein Herzensprojekt ist die Ausstellung »Kicker, Kämpfer, Legenden. Juden im deutschen Fußball«. Sie zeigt, was jüdische Fußballspieler, Trainer und Funktionäre alles im deutschen Fußball bewegt haben und thematisiert Rassismus auch bei Fußballfans. Die Ausstellung ist als Leihausstellung konzipiert. »Wir erreichen so einen ganz neuen Kreis«, sagt Björn Mensing.

Die Stiftung Evangelische Versöhnungskirche Dachau engagiert sich auch in Dachau selbst. So ist sie Gründungsmitglied bei dem »Runden Tisch gegen Rassismus Dachau«, einer Initiative engagierter Jugendlicher. Sich lokal einzubringen sei wichtig, so der Pfarrer. Die Versöhnungskirche engagiert sich auch für Dachauer Euthanasie Opfer der NS-Zeit, damit sie auch ihren Platz in der lokalen Geschichte finden und nicht in Vergessenheit geraten.

Um diese vielfältige aber auch zeitintensive Arbeit weiterhin leisten zu können, hat das Kuratorium der Versöhnungskirche die Stiftung auf den Weg gebracht, die 2007 gegründet wurde. Stiftungszweck im engeren Sinne ist die Finanzierung der Diakonstelle, die den kirchlichen Sparmaßnahmen zum Opfer gefallen war. Im weiteren Sinne wird durch die Einkünfte der Stiftung die gesamte Erinnerungsarbeit, die die Versöhnungskirche in der Gedenkstätte leistet, sichergestellt. »Neben der Bayerischen Landeskirche und der Evangelische Kirche Deutschland haben sich Gliedkirchen aus dem ganzen Land mit größeren Summen an der Stiftung beteiligt«, erzählt Pfarrer Björn Mensing.

2017 feiert die Stiftung ihr zehnjähriges Jubiläum. Im Video spricht der Pfarrer über die Wichtigkeit des Erinnerns und was es für die Angehörigen bedeutet.

 

Stiftung Evangelische Telefonseelsorge München

Arbeit gibt es bei der Telefonseelsorge in München genug: Im Jahr 2015 führten die ehrenamtlichen Mitarbeiter insgesamt 21.380 Gespräche. 581 Menschen suchten per Chat um Rat. Per E-Mail schrieben 109 Menschen an die Telefonseelsorge; daraus entstanden Mailwechsel mit insgesamt 1.324 E-Mails.  Der Vorstandsvorsitzende der Stiftung Telefonseelsorge, Heinz-Georg Tillmann, erzählt, dass die Chat-Kontakte sehr viel intensiver seien als die Telefongespräche, da die Anonymität noch größer ist. Hauptsächlich geht es um Themen wie depressive Verstimmungen, Trauer, Einsamkeit, körperliche Erkrankungen und Stress.

Anonymität und Vertraulichkeit werden bei der Evangelischen Telefonseelsorge groß geschrieben. Sie bietet Menschen in seelischer Not schnell und unbürokratisch Hilfe rund um die Uhr. 120 ehrenamtliche und speziell ausgebildete Mitarbeiter telefonieren, chatten und schreiben Emails an 365 Tagen im Jahr. Die Beratung findet anonym statt, damit die Hilfesuchenden einen geschützten Raum für ihre Fragen finden. Um die Arbeit und die Ausbildung der Ehrenamtlichen zu unterstützen, wurde am 30. März 2007 die Stiftung »Evangelische TelefonSeelsorge München« gegründet.

Das Stiftungsvermögen beläuft sich momentan auf 100.000 Euro. Mit den Erträgen werden die Ausbildung, Fortbildungen und die Supervision für die ehrenamtlichen Mitarbeiter bezahlt. Dies ist auch der Stiftungszweck. Da die Mitarbeiter nicht über ihre Arbeit reden dürfen, ist es eine weitere Aufgabe der Stiftung, auf die Telefonseelsorge aufmerksam zu machen und Spenden zu sammeln.

»Die Mitarbeiter sind vom Alter her eine bunte Mischung«, sagt Tillmann. Er bewundere ihren Einsatz sehr. Wer mitarbeiten will muss ein intensives Bewerbungsgespräch durchlaufen und fit am Computer sein. Das liege eben daran, dass auch vieles über Chat und E-Mail laufe, weiß Tillmann. Vor allem über das Chatten erreiche man auch jüngere Menschen. Die Seelsorge über das Internet gehöre heute einfach dazu.

Wie sehr er die Arbeit und das Engagement der ehrenamtlichen Mitarbeiter bewundert, erzählt Tillmann im Video.

 

Bayerische Evangelische Umweltstiftung

Mehlbeere, Umweltpreis und Fledermausschutz: Die Bayerische Evangelische Umweltstiftung mit dem Namen »Der Schöpfung zuliebe« unterstützt mit ihren Mitteln den Umweltschutz der evangelischen Kirche. In Hohenstein, Großengsee und Gößweinstein hat die Stiftung zum Beispiel jeweils ein Hektar große Waldparzellen gekauft, um die Fränkische Mehlbeere zu schützen. Auch lokale Initiativen profitieren: 2016 erhielt die Apostelkirche in Solln einen Zuschuss für ein Block-Heizkraftwerk. Eine Initiative in Großbirkach konnte mit einer Spende der Stiftung Nisthilfen für Fledermäuse bauen.

Träger der Umweltstiftung ist der Kirchliche Verein »Schöpfung bewahren konkret«, den Pfarrer Gerhard Monninger im Oktober 1995 mitgegründet hat. Die Stiftung selbst wurde 2005 ins Leben gerufen und als nicht-rechtsfähige Stiftung an den bestehenden Verein angedockt. »Wir wollen mehr tun und die Nachhaltigkeit des Engagements sehen wir in der Stiftung gut verwirklicht« , sagt der Ruhestandspfarrer.

In Zeiten von schrumpfenden Kirchensteuereinnahmen und Sparkursen möchte die Stiftung den Umweltschutz soweit es geht von den Kirchensteuern loslösen und unabhängig gestalten. Das Stiftungsvermögen liegt bei 120.000 Euro. »Im Jahr haben wir ungefähr 3000 Euro an Erträgen, mit denen wir den Umweltschutz unterstützen können« , erklärt Monninger. Neben Spenden gebe es noch die Wahlkollekte der Landeskirche, die auch manchmal an die Umweltstiftung gehe.

Aktuell widmet sich die Stiftung dem Arten- und Biotopschutz auf kirchlichen Friedhöfen. »Die Friedhöfe sind Zufluchtsorte für viele seltene Pflanzen und Tiere« , sagt Monninger. Der Plan sei, erstmal einen Musterfriedhof genauer zu untersuchen. Außerdem will die Stiftung in Zukunft mehr mit anderen Stiftungen zusammenarbeiten. Für die ehrenamtlichen Mitarbeiter gibt es also viel zu tun.

Wie er persönlich dazu kam, sich für die Umwelt zu engagieren und was die Kirche, das Taufen und die Bewahrung der Natur miteinander verbindet, erklärt der Pfarrer im Video.

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