Frau Preidel, in welcher Form werden Sie bei der Frühjahrstagung der Landessynode die Ergebnisse der ForuM-Studie thematisieren?

Annekathrin Preidel: Auf jeden Fall wird es im Bericht des Landesbischofs Thema sein - und dann natürlich auch bei der Aussprache im Plenum der Synode. Wir hatten direkt am Donnerstagabend, wenige Stunden nach Vorstellung der Studie, noch eine Sitzung mit Synodalpräsidium und Landeskirchenrat, um genau auch darüber zu beraten, wie das Thema auf die Tagesordnung kommt. Noch ist nichts endgültig entschieden, aber es wird Thema sein.

"Zumindest die Leitungsgremien der EKD-Gliedkirchen müssen volle Akteneinsicht bekommen."

Die Forscherinnen und Forschern haben noch während der Präsentation die Datenlage kritisiert. Können Sie diese Kritik nachvollziehen?

Ich kenne den Vertrag nicht, den die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) mit dem Forschungs-Konsortium geschlossen hat. Dieser würde mich jetzt schon auch brennend interessieren. Zumindest die Leitungsgremien der EKD-Gliedkirchen müssen volle Akteneinsicht bekommen, damit wir wissen, was vertraglich vereinbart worden ist. Wir brauchen da auch als Landeskirche Klarheit.

Landesbischof Christian Kopp hat angekündigt, dass die bayerische Landeskirche nun doch auch alle Personalakten sichten wird. Finden Sie das gut?

Nach der doch sehr harschen Kritik des Forscher-Teams gibt es doch ehrlicherweise gar keine Alternative dazu. Man muss sich aber auch klarmachen, was das bedeutet: Wir reden von vielleicht 100.000 Akten oder mehr, pro Akte braucht man zur Durchsicht im Durchschnitt mehrere Stunden, vielleicht sogar einen Tag. Das ist ein Mammut-Projekt. Und bei alledem steht immer die Frage im Raum, welchen Erkenntnisgewinn das bringt.

"Wir wollten die Strukturen herausarbeiten, die sexualisierte Gewalt begünstigen und ermöglichen."

Das heißt, Sie glauben, man ist nach Auswertung der Personalakten außer einer aktualisierten Zahl an Betroffenen und Beschuldigten nicht schlauer?

Sinn und Zweck der ForuM-Studie war nicht die personelle Aufarbeitung, also nicht primär das Ermitteln von Betroffenen und Beschuldigten. Wir wollten die Strukturen herausarbeiten, die sexualisierte Gewalt begünstigen und ermöglichen. Die Studie liefert in ihren quantitativen Teilbereichen dazu vieles, um unsere bisherigen Strukturen bei Prävention und Aufarbeitung nachzuschärfen.

Neben Zahlen ging es in der Studie um ebendiese evangelischen Spezifika, die sexualisierte Gewalt begünstigen. Haben Sie diese Ergebnisse überrascht?

Nein, denn der besonderen Stellung des Pfarrhauses und den damit verbundenen Gefahren waren wir uns auch vorher schon bewusst. Auch Themen wie Vergebung und Versöhnung im speziellen evangelischen Kontext oder auch die Nähe-Distanz-Problematik sind schon länger im Fokus. Und natürlich auch das Thema Macht. Die Studie hilft uns jetzt dabei, die Themen engagierter anzugehen, weil sie weitere Fakten liefert.

"Wir haben in Bayern etwas Vorbildliches aufgebaut im Bereich Prävention, Intervention und Aufarbeitung, an dem sich andere ein Beispiel nehmen könnten."

Laut ForuM-Studie erschweren oder verhindern die föderalen Strukturen der evangelischen Kirchen die Aufklärung und Aufarbeitung. Was muss sich ändern?

Es muss eine Angleichung der Strukturen in den Landeskirchen geben - unter Federführung der EKD. Die Betroffenen müssen sich sicher sein, dass ihre Anliegen in anderen Landeskirchen ebenso transparent und gut bearbeitet werden, wie zum Beispiel bei uns in Bayern. Ich finde, wir haben da etwas Vorbildliches aufgebaut im Bereich Prävention, Intervention und Aufarbeitung, an dem sich andere ein Beispiel nehmen könnten.

Aber Sie haben ja gerade selbst gesagt, dass Bayern beim Thema Personalakten nicht gerade ein Vorreiter war im Rahmen der Studie …

... ich bin Naturwissenschaftlerin von Beruf und habe mich deshalb schon sehr gewundert, was der Mannheimer Psychiater Harald Dreßing bei der Vorstellung der Studien gesagt hat. Auf Basis der Personalakten einer kleinen Landeskirche Zahlen für die gesamten EKD-Gliedkirchen hochzurechnen, das ist nicht nur äußerst spekulativ, das rüttelt nach meinem Verständnis an seiner Glaubwürdigkeit als Wissenschaftler.

Ein weiterer Risikofaktor in der demokratisch organisierten evangelischen Kirche ist das Machtgefälle von Amtsträgern zu Gemeindegliedern - wie kann das sein?

Ich glaube nicht, dass das Machtgefälle etwas mit unseren demokratischen Strukturen zu tun hat. Dem Missbrauch von Macht kann man nach meiner Überzeugung nicht in erster Linie mit anderen Strukturen begegnen, sondern mit Haltung. Und diese andere Haltung zum Thema Macht vermitteln wir seit vielen Jahren auch schon in der Ausbildung der Pfarrerinnen und Pfarrer. Da ist aber sicher auch noch Luft nach oben. Es braucht eine theologische, eine ekklesiologische und eine kirchenpolitische Aufarbeitung der Daten, die die Studie liefert.

"Diskursfreudigkeit ist ein Kern des Protestantismus."

Die Forscher sprachen auch von Konfliktunfähigkeit und Harmoniezwang. Hat die "Kirche des Worts" das Streiten bei diesem wichtigen Thema verlernt?

Die Diskursfreudigkeit ist ein Kern des Protestantismus. Aber man kann doch nur über etwas streiten und diskutieren, wenn man auch davon weiß. Bei sexualisierter Gewalt geht es doch meistens um kriminelle Übergriffe, die bislang mitunter nicht deutlich genug benannt und aufgedeckt wurden - und bei denen oft ein nicht angemessener, theologisch verklärter Versöhnungszwang von den Betroffenen kritisiert wurde.

Betroffene fordern einheitliche Verfahrensregeln bei Aufarbeitung und Anerkennung. Bis Herbst 2024 soll das klappen, heißt es von der EKD. Sind Sie auch so zuversichtlich?

Wir unterstützen die EKD bei diesem Vorhaben sehr und an der bayerischen Landeskirche wird das ebenso wenig scheitern wie an der oft gescholtenen Kirchen-Bürokratie. Das Wichtigste ist, dass man dabei den Ansprüchen der Betroffenen gerecht wird - da ist die Rolle des Beteiligungsforums ganz essenziell. Und es gilt natürlich auch, die Bremser unter den EKD-Gliedkirchen in die richtige Richtung zu weisen.

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