Pfarrerin aus Veitshöchheim wird Pfarrer

Würzburg — 
Der evangelische Pfarrer von Veitshöchheim bei Würzburg hat sich im Sonntagsgottesdienst als transident geoutet - bis Sonntag kannten ihn alle nur als Silke Wolfrum. Damit geht für den 46-Jährigen eine lange Leidensgeschichte zu Ende.
Pfarrer Wolfrum Transgender

Finn Wolfrum ist erleichtert. Jetzt ist es gesagt, nun ist es in der Welt. Ihm ist klar, dass diese Neuigkeit nicht jedem gefallen wird. Für den 46-Jährigen aber ist der heutige Tag eine weitere wichtige Etappe auf dem Weg in sein neues Leben. Hinter ihm liegen Jahre enormer Selbstzweifel, großer Unzufriedenheit, voller Ängste und Aggressionen. Immer wieder hat er Hilfe gesucht - und viele falsche Ratschläge erhalten, selbst von Profis. Doch heute weiß er, wie er glücklich wird. Er, der immer schon ein Mann war, im Körper einer Frau. Das zu erkennen, hat lange gedauert. Öffentlich gemacht hat Finn Wolfrum sein Anliegen an diesem Sonntag nach dem letzten Gottesdienst, den er als Silke Wolfrum gehalten hat.

Pfarrer Wolfrum ist transident

Finn Wolfrum ist transident. Dafür gibt es viele Bezeichnungen und komplizierte Erklärungen. Zusammengefasst ist es in seinem Fall in etwa so: das Gehirn eines Mannes im Körper einer Frau. Unter dem Namen Silke erlebt er eine Kindheit, Jugend und Studienzeit voller Verdrängen: »In der Schule war ich ein totaler Einzelgänger.« Finn Wolfrum blickt auf das Abschlussfoto seines Abiturjahrgangs. 1991, alle jungen Frauen im Kleid oder im Rock - Silke Wolfrum aber steht dort breitbeinig mit Hose und übergroßem Schulterpolstersakko. Er heiratet wenig später einen anderen Außenseiter aus seiner Schule. »Wir haben dann ein paar Jahre versucht, es miteinander auszuhalten«, erzählt er. Die Ehe scheitert.
 
Finn Wolfrum hat sich auf diesen Gottesdienst gefreut. Aber natürlich war er unsicher, wie die Gemeinde der Veitshöchheimer Christuskirche im Landkreis Würzburg reagieren würde. Der Kirchenvorstand jedenfalls hat sich vorab einmütig hinter seinen Pfarrer gestellt, will ihn auf den Weg der bevorstehenden Geschlechtsangleichung samt Hormontherapie begleiten. »Das war für mich ein wichtiges und wertvolles Zeichen«, sagt Finn Wolfrum. Bis an diesem Sonntag hatte er nur seine Familie, enge Freunde und die evangelische Landeskirche als Arbeitgeber über sein Vorhaben informiert. Die Ansbach-Würzburger Regionalbischöfin Gisela Bornowski und Würzburgs Dekanin Edda Weise hätten ihm Mut gemacht.

Identität & Anderssein verdrängt

Aufgefallen, dass irgendetwas nicht so ist wie bei den anderen, ist ihm zum ersten Mal im Kindergarten. Damals, als alle Mädchen ihre Puppen mitbringen sollten, die kleine Silke aber keine hatte, weil sie keine wollte. In der Schule, als er mit den anderen Mädchen im Handarbeitsunterricht saß, aber viel lieber zum Werken wollte. Als junger Teenager, als Silke sich nicht schminken wollte wie die anderen. Bei der Konfirmation, als er ungewollt einen Rock tragen musste. Er akzeptiert dieses Anderssein nicht, verdrängt es. Er findet Halt in ultrakonservativen christlichen Jugendgruppen, die Sexualität vor der Ehe grundsätzlich ablehnen und alles außer Heterosexualität sowieso verdammen, erzählt er heute.
 
Doch spätestens im Theologiestudium kommen Zweifel. Er beschäftigt sich mit Befreiungstheologie, mit Dietrich Bonhoeffer, er hinterfragt die evangelikale Grundhaltung seiner Jugendzeit - und legt eine Kehrtwende hin. Silke Wolfrum liest erstmals etwas über Transsexualität und spricht mit einem Therapeuten darüber, sagt, er fühle sich im falschen Körper. »Der Psychologe allerdings hat mich, vermutlich aus Unwissenheit, falsch beraten«, sagt Wolfrum heute. Jahrzehntelang lebte er daher im festen Glauben, homosexuell zu sein: "»Aber meine Partnerschaften haben auf Dauer nicht funktioniert, weil sich irgendetwas nicht richtig angefühlt hat. Ich war zu sehr Mann.« Er steckt abermals in einer Sackgasse.

Aus Frau wird Mann

Bis Pfingsten 2017 ging das so. Dann ist sich Silke Wolfrum sicher, ein Leben im falschen Körper hat keine Zukunft, es soll Schluss sein mit dem Verstecken. Als er es engsten Vertrauten erzählt, kommen ermutigende Reaktionen. »Ich wusste schon immer, dass Du ein Mann bist, der aber kein Mann sein darf«, sagt eine langjährige Freundin zu ihm, die zum engsten Familienkreis gehört. Seine Mutter und sein Bruder stehen zu ihm, unterstützen ihn, obgleich die Mutter noch mit der neuen Situation ringt. Wolfrum geht zum Arzt, lässt sich die Transidentität bescheinigen. Er muss und will nun als Mann leben, sich im Alltag erproben, ehe das Gericht ihm offiziell die Namens- und Geschlechtsänderung bescheinigt.

 Dekanin Edda Weise steht hinter Finn Wolfrums Entscheidung. »Ich hoffe, dass er zur Ruhe kommt und zufrieden ist«, erläutert Weise. Der Kirchenvorstand habe diese Entscheidung akzeptiert, Weise möchte nun, dass seine Würde gewahrt wird - auch und gerade von denen, die diese Entscheidung vielleicht nicht so gut finden, aus welchen Gründen auch immer. Auf eine Debatte, ob das aus christlicher Sicht richtig oder erlaubt ist, will Wolfrum ohnehin nicht eingehen: »Wo ein Weg stimmt, ist ein Segen da.« Für ihn habe Rechtfertigung heute eine neue Dimension erreicht: »Gott liebt mich bedingungslos, so wie ich bin. Er kennt mich, bevor ich im Mutterleib gemacht wurde (Jeremia 1,5). Das gibt Kraft!«

Gemeindepfarrer will weiterhin Dienst ausüben

Seinen Dienst als Gemeindepfarrer will Finn Wolfrum weiter ausüben: »Für die Leute ändert sich nur die Ansprache.« Aus Frau wird Herr, aus Pfarrerin wird Pfarrer, aus Silke wird Finn. »Wenn das jetzt zu Beginn nicht immer gleich klappt, ist das okay«, betont er: »Aber ich will, dass meine Entscheidung erst genommen wird.« Wolfrum ist zuversichtlich. Weswegen sollte in der Kirchengemeinde nicht funktionieren, was auch in seinem Freundeskreis akzeptiert wird? In sein »altes Leben« als Silke will und kann Finn nicht zurück: »Das würde ich nicht mehr aushalten, daran würde ich irgendwann kaputtgehen.«

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