06.07.2017
Reformatorischer Bildersturm

Die »Akte Zwingli« – ein bildstarkes »Mysterienspiel« im Zürcher Großmünster

Was den Deutschen ihr Luther, ist den Eidgenossen Zwingli. Zum lutherischen Reformationsjubiläum und zwei Jahre bevor sie ihren eigenen Reformator so richtig hochleben lassen, wurde das Zürcher Großmünster nun für zehn Tage zur Theaterbühne – für einen reformatorischen Bildersturm zu Klängen des deutschen Komponisten und Musikers Hans-Jürgen Hufeisen.
»Akte Zwingli« im Zürcher Großmünster: Taufbecken mit Toten.
Die »Akte Zwingli« im Zürcher Großmünster: Das Mysterienspiel zeigt auch das Leid, das die Reformation verursachte. Der Schweizer Reformator Ulrich Zwingli wurde 1519 als Pfarrer ans Großmünster von Zürich berufen. Sein Amtsantritt gilt als Schlüsseldatum der Zürcher Reformation und wird in zwei Jahren in der Schweiz entsprechend gefeiert. 1531 starb der Reformator in der Schlacht bei Kappel im Kampf gegen die katholischen Kantone der Innerschweiz. Der Versuch des Kantons Zürich, die Reformation mit Gewalt in der ganzen Eidgenossenschaft durchzusetzen, war gescheitert, das Land konfessionell gespalten.

 

Eine Karawane von Kriegsheimkehrern zieht durch das Zürcher Großmünster. Leere Blicke. Trauernde Frauen, verwundete Männer und traumatisierte Kinder, der Hölle des Schlachtfelds entkommen. Eine Frau geht erhobenen Hauptes auf sie zu: Anna Reinhart, die Frau des Zürcher Reformators Ulrich Zwingli. »Kappel, Kappel, Kappel«, raunt ihr eine dunkle Gestalt entgegen, und dass ihr Mann dort »zmittst im Gemetzel« gestorben sei, sein Leichnam zerrissen, verbrannt und verstreut. »Myn Gott, myn Gott, hast du mich gar verlassen?«, singt Anna verzweifelt und bricht zusammen.

Die Anfangsszene ging den 500 Kirchenbesuchern unter die Haut. Sie eröffnet »Die Akte Zwingli«, ein »Mysterienspiel«, das Ende Juni im Zürcher Großmünster aufgeführt wurde. Die imposante Kirche, einst Wirkungsort des Schweizer Reformators, verwandelte sich an zehn Abenden für anderthalb Stunden in ein sakrales Schauspielhaus. Ernst und Vergnügen, Lebenslust und Engstirnigkeit, Leichtigkeit und Todesschwere, Sex, Gott und Glaube: So viele Facetten des prallen Lebens gab es wohl noch nie in einer Kirche. Schon gar nicht in einer reformierten, in der Kunst und Bilder sonst eher abgelehnt werden.

Zwingli, der Luther der Eidgenossen

»Die Akte Zwingli« eröffnet die Feierlichkeiten anlässlich des 500. Gedenkjahrs der Schweizer Reformation. Was den Deutschen ihr Luther, ist den Eidgenossen Zwingli: ein standhafter, frommer Mann, der das Treiben der Kirche seiner Zeit als unchristlich empfand und einen an der Bibel orientierten – eben evangelischen – Glauben dagegenstellte. Das Volk sollte die Bibel verstehen – das war sowohl Zwinglis als auch Luthers Anliegen.

Also stoßen die Schweizer Reformierten in diesem Jahr mit den Lutheranern an, lassen aber in zwei Jahren ihren eigenen Reformator so richtig hochleben.

Das Mysterienspiel bietet einen vorzüglichen Auftakt. Auf hohem künstlerischen Niveau und mit beeindruckender Intensität führt es Zwingli und seine Zeit vor Augen. Es historisiert nicht, macht nicht auf modern, verkitscht aber auch nicht.

Dabei wirkt es ganz anders als das Pop-Oratorium »Luther«: Während das Publikum dabei in großen Hallen Musical-Melodien mitsummt, schwelgen die Zwingli-Zuschauer in dem Zusammenspiel überraschender Bilder, mitreißender Dramaturgie und intelligenter Musik, ein kühnes Crossover von Klassik, Kirchenlied und lautmalerischen Instrumentalstücken.

Erdacht haben das Mysterienspiel der Großmünsterpfarrer Christof Sigrist und der Komponist und Musiker Hans-Jürgen Hufeisen, der auf Kirchentagen bereits seit Jahrzehnten mit großen Werken begeistert.

Mord an den Täufern

Im Mittelpunkt steht Ulrich Zwinglis Frau Anna. Sie bricht zusammen, als sie vom Tod ihres Mannes erfährt. Ein herzerweichender Choral tröstet sie: Psalm 23, »Der Herr hirtet mich«. Danach wird die »Akte Zwingli« in einer Rückschau aufgeschlagen: Der Familienvater tollt mit seinen Kindern. Er entdeckt die Botschaft der Bibel, die alle weltlichen Mächte, auch die Kirche, infrage stellt. Die Ratsherren des Großmünsters sind der neuen Lehre gegenüber zunächst skeptisch – sie werden gespielt von Zürcher Laien, in deren Gesichtern sich die Beharrlichkeit der verkrusteten Kirche spiegelt.

Regisseur Volker Hesse nutzt den Kirchenraum für starke Bilder und unerwartete Pointen. Die Nebenschiffe, in denen einst Seitenaltäre standen, werden überraschend zu Spielflächen. Auf Trennvorhängen werden Videoinstallationen gezeigt. Mehrmals öffnen sich die Vorhänge und geben den Blick auf acht kleine Bühnen frei, auf denen die Schauspieler als Standbilder drapiert sind; Szenen, wie von Breughel, Holbein oder Cranach gemalt. Dann wieder turnen sie durch die Kirche.

Dem Publikum stockt fast der Atem, wenn sie blitzschnell zwischen den Köpfen der Menschen nach vorne springen oder scheinbar die Kirchenmauern herunterstürzen. Sie balgen sich und tanzen wie Pestbeulen auf Gräbern, sie erklimmen die Kanzel und streiten heftig auf dem Taufstein.

Auch Martin Luther betritt die Szenerie, als übergroße Pappmaschee-Karikatur. Zwingli streitet mit ihm über die Bedeutung des Abendmahls: Wird das Brot zum Leib Christi, oder ist Christus beim Abendmahl nur gegenwärtig? Am Ende beobachtet Anna Reinhart verstört, wie ihr Mann mehr und mehr verhärtet: Zwei Anhänger der Täuferbewegung müssen mit seiner Zustimmung sterben. Der Hinrichtungszug bewegt sich mit dem Publikum aus der Kirche auf den Kirchplatz, wo Feuer lodern. Hoch oben auf dem Kirchdach erscheint Zwingli und spricht zum Publikum.

Deutlich wird: Wie Luther war Zwingli ein Mann mit Licht- und Schattenseiten, mit tiefem Glauben und großen Zweifeln. Der Pazifist wird zum Kriegstreiber, der Fromme zum Eiferer, der liebevolle Familienvater zum pastoralen ­Workaholic.

 

Das Stück wird im September an mehreren Orten in Deutschland aufgeführt, allerdings mit kleinerem Ensemble. Termine und weitere Infos: www.aktezwingli.ch

 

Galerie Bild Referenz
»Akte Zwingli« im Zürcher Großmünster: Zwingli im Gegenlicht.
»Akte Zwingli« im Zürcher Großmünster: Gestalten der Reformation im Gegenlicht.
Die »Akte Zwingli« im Zürcher Großmünster: Der Schweizer Tenor Daniel Bentz singt und spielt den Reformator Huldrych (Ulrich) Zwingli.
Die »Akte Zwingli« im Zürcher Großmünster: Der Schweizer Tenor Daniel Bentz singt und spielt den Reformator Huldrych (Ulrich) Zwingli.
»Akte Zwingli« im Zürcher Großmünster.
»Akte Zwingli« im Zürcher Großmünster.
»Akte Zwingli« im Zürcher Großmünster: Die Nebenschiffe der Kirche, in denen einst Seitenaltäre standen, werden überraschend zu Spielflächen.
»Akte Zwingli« im Zürcher Großmünster: Die Nebenschiffe der Kirche, in denen einst Seitenaltäre standen, werden überraschend zu Spielflächen.
»Akte Zwingli« im Zürcher Großmünster: Szene in einer Seitenkapelle.
»Akte Zwingli« im Zürcher Großmünster: Szene in einer Seitenkapelle.
»Akte Zwingli« im Zürcher Großmünster: Pracht und Niederungen der Kirche in der frühen Renaissancezeit.
»Akte Zwingli« im Zürcher Großmünster: Pracht und Niederungen der Kirche in der frühen Renaissancezeit.
»Akte Zwingli« im Zürcher Großmünster: Zwingli (Daniel Bentz) als Familienmensch.
»Akte Zwingli« im Zürcher Großmünster: Zwingli (Daniel Bentz) als Familienmensch.
»Akte Zwingli« im Zürcher Großmünster: Das »Mysterienspiel« setzt den Kirchenraum in Szene, arbeitet mit Tanz, Schaupiel, Gesang und Musik.
»Akte Zwingli« im Zürcher Großmünster: Das »Mysterienspiel« setzt den Kirchenraum in Szene, arbeitet mit Tanz, Schaupiel, Gesang und Musik.
»Akte Zwingli« im Zürcher Großmünster.
»Akte Zwingli« im Zürcher Großmünster.
»Akte Zwingli« im Zürcher Großmünster.
»Akte Zwingli« im Zürcher Großmünster.
»Akte Zwingli« im Zürcher Großmünster: Nathalie Mittelbach (Mezzospopran) als Zwinglis Frau Anna Reinhart.
»Akte Zwingli« im Zürcher Großmünster: Nathalie Mittelbach (Mezzospopran) als Zwinglis Frau Anna Reinhart.
»Akte Zwingli« im Zürcher Großmünster: Die Inszenierung arbeitet mit Licht- und Videoprojektionen.
»Akte Zwingli« im Zürcher Großmünster: Die Inszenierung arbeitet mit Licht- und Videoprojektionen.
»Akte Zwingli« im Zürcher Großmünster: Die Ratsherren des Großmünsters sind der neuen Lehre gegenüber zunächst skeptisch – sie werden gespielt von Zürcher Laien.
»Akte Zwingli« im Zürcher Großmünster: Die Ratsherren des Großmünsters sind der neuen Lehre gegenüber zunächst skeptisch – sie werden gespielt von Zürcher Laien.
»Akte Zwingli« im Zürcher Großmünster: Martin Luther, der Reformator aus dem in der Schweiz ungeliebten »großen Kanton«, tauchte im Zürcher Großmünster als überlebensgroße Pappmascheefigur auf.
»Akte Zwingli« im Zürcher Großmünster: Martin Luther, der Reformator aus dem in der Schweiz ungeliebten »großen Kanton«, tauchte im Zürcher Großmünster als überlebensgroße Pappmascheefigur auf.
»Akte Zwingli« im Zürcher Großmünster: Zwingli (Daniel Bentz) und Luther.
»Akte Zwingli« im Zürcher Großmünster: Zwingli (Daniel Bentz) und Luther.
»Akte Zwingli« im Zürcher Großmünster.
»Akte Zwingli« im Zürcher Großmünster.
»Akte Zwingli« im Zürcher Großmünster.
»Akte Zwingli« im Zürcher Großmünster.
»Akte Zwingli« im Zürcher Großmünster: Tote und Todesengel.
Das Mysterienspiel zeigt auch das Leid, das die Reformation verursachte. Der Schweizer Reformator Ulrich Zwingli wurde 1519 als Pfarrer ans Großmünster von Zürich berufen. Sein Amtsantritt gilt als Schlüsseldatum der Zürcher Reformation und wird in zwei Jahren in der Schweiz entsprechend gefeiert. 1531 starb der Reformator in der Schlacht bei Kappel im Kampf gegen die katholischen Kantone der Innerschweiz. Der Versuch des Kantons Zürich, die Reformation mit Gewalt in der ganzen Eidgenossenschaft durchzusetzen, war gescheitert, das Land konfessionell gespalten.
»Akte Zwingli« im Zürcher Großmünster.
»Akte Zwingli« im Zürcher Großmünster.
»Akte Zwingli« im Zürcher Großmünster.
»Akte Zwingli« im Zürcher Großmünster.
»Akte Zwingli« im Zürcher Großmünster.
»Akte Zwingli« im Zürcher Großmünster.
»Akte Zwingli« im Zürcher Großmünster: Für die Täufer geht die Reformation auch in Zürich nicht gut aus.
»Akte Zwingli« im Zürcher Großmünster: Für die Täufer geht die Reformation auch in Zürich nicht gut aus.
»Akte Zwingli« im Zürcher Großmünster: Der Hinrichtungszug bewegt sich mit dem Publikum aus der Kirche hinaus.
»Akte Zwingli« im Zürcher Großmünster: Der Hinrichtungszug bewegt sich mit dem Publikum aus der Kirche hinaus.
»Akte Zwingli« im Zürcher Großmünster: Vor dem Großmünster lodert schon der Scheiterhaufen.
»Akte Zwingli« im Zürcher Großmünster: Vor dem Großmünster lodert schon der Scheiterhaufen. Und von hoch oben auf dem Kirchdach spricht Zwingli zum Publikum.

ULRICH ZWINGLI

Ulrich (»Huldrych«) Zwingli wurde am 1. Januar 1484 in Wildhaus im oberen Rheintal bei St. Gallen als Sohn von Bauern geboren - zeitlich also nur wenige Monate nach Martin Luther. Er studierte in Wien und Basel und wurde 1506 zum Priester geweiht. 1519 wurde Zwingli als Pfarrer ans Zürcher Großmünster berufen. Sein Amtsantritt gilt als Schlüsseldatum der Zürcher Reformation, die 2019 in der Schweiz entsprechend gefeiert wird.

Mit Luther und den deutschen Reformatoren in vielen Punkten einig, blieb die Frage nach der »leiblichen Gegenwart« Christi im Abendmahl bis ins 20. Jahrhundert das trennende Thema zwischen zwischen Reformierten und Lutheranern.

Am 19. April 1524 heiratete Zwingli die 33-jährige Witwe Anna Reinhart, mit der er schon vorher unehelich zusammengelebt hatte. Mit ihr zusammen hatte er vier Kinder: Regula (* 31. Juli 1524), Wilhelm (* 29. Januar 1526), Huldrich (* 6. Januar 1528) und Anna (* 4. Mai 1530).

1531 starb der Reformator in der Schlacht bei Kappel im Kampf gegen die katholischen Kantone der Innerschweiz. Der Versuch des Kantons Zürich, die Reformation mit Gewalt in der ganzen Eidgenossenschaft durchzusetzen, war gescheitert, das Land konfessionell gespalten.

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