28.10.2017
Reformationsgeschichte

Schertlin von Burtenbach - Landsknechtsführer und Reformator

Burtenbach — 
Einen außergewöhnlichen Reformator kann das schwäbische Burtenbach aufweisen. Kein Theologe hat die neue Lehre Martin Luthers in dem zwischen Ulm und Augsburg gelegenen Städtchen eingeführt, sondern der Landsknechtsführer Schertlin von Burtenbach: Als Soldat plünderte er Rom, zu Hause baute er eine Kirche auf.
Schertlin von Burtenbach (1496-1578) und die Burtenbacher Johanneskirche.
Schertlin von Burtenbach (1496-1578) und die Burtenbacher Johanneskirche.

Dass er mit dem Status eines Landadeligen und Landsknechts-Obristen vom beschaulichen Burtenbach aus immer wieder in die große Politik eingriff, war Schertlin nicht in die Wiege gelegt. Der Reformator des schwäbischen Burtenbach wurde 1496 im württembergischen Schorndorf im Remstal als Sohn einer bürgerlichen Familie geboren. Immerhin hatte seine Familie die Mittel, den jungen Schertlin auf die Universität nach Tübingen zu schicken.

Einen Beruf im herkömmlichen Sinne hat Schertlin wohl nicht ausgeübt. Denn bereits 1518 zieht er als Landsknecht ins Feld. Danach wird ihn das Landsknechtsleben nie mehr loslassen: Schertlin ist, oft an der Seite des schon zu seiner Zeit legendären Georg von Frundsberg, auf allen großen Schlachtfeldern zu finden. Und er macht als guter Organisator und fähiger Stratege schnell eine steile Karriere: Bereits in den Türkenkriegen 1521 befehligt der gerade 25-jährige Schertlin zwölf »Fähnlein«, damals ein kleines selbstständiges Heer.

»Die fünf Landsknechte«, Eisenradierung von Daniel Hopfer aus dem frühen 16. Jahrhundert.
»Die fünf Landsknechte«, Eisenradierung von Daniel Hopfer aus dem frühen 16. Jahrhundert.

Schertlin wird zum bedeutenden Unternehmer

Am Ende seiner wechselhaften Laufbahn ist Schertlin ein bedeutender Landsknechtsunternehmer, der als »Groß-Marschall« auf eigene Rechnung Feldzüge organisiert. An vorderster Front ist Schertlin bei dem berüchtigten »Sacco di Roma«, der Eroberung Roms 1527, dabei.

In seinen »Lebensbeschreibungen« gibt er ein anschauliches Bild der Verheerungen, die der entfesselte Landsknechtshaufen über die Heilige Stadt brachte: Die Landsknechte »haben Rom mit dem Sturm genommen, ob 6000 Mann darin zu Tod geschlagen, die ganze Stadt geplündert, in allen Kirchen und ob der Erd genommen, was wir gefunden, einen guten Teil der Stadt abgebrannt und seltsam hausgehalten«.

Über die Kapitulation des Papstes in der Engelsburg schreibt Schertlin: »Allda haben wir gefunden den Papst Clementen sambt zwölf Kardinälen in einem engen Saal. War ein großer Jammer unter ihnen, weinten sehr. Wurden wir alle reich.« 15.000 Gulden bringt Schertlin mit nach Hause. Außerdem nahm er als Reliquie den Strick mit, mit dem sich Judas erhängt haben soll.

 

»Luther«-Graffito im Wandfresko »Disputa del Sacramento« von Raffael im Vatikan.
»Luther«: Mit der Schwertspitze ritzte ein Landsknecht während des »Sacco di Roma« sein Bekenntnis in Wand eines Prachtzimmers des Papstes im Vatikan. Das Graffito ist bis heute im Raffael-Fresko »Disputa del Sacramento« (Disput über das Sakrament, 1509/10) in der Stanza della Segnatura in den Vatikanischen Museen zu sehen.

Kriegsgewinne legt Schertlin in Landbesitz an

Seine Kriegsgewinne legt Schertlin sicher und vorausschauend in Landbesitz an. Am 13. Juli 1532 kauft er, inzwischen mit Barbara von Steden verheiratet, für 17.000 Gulden dem Burggrafen Ulrich von Hoeth das Gut Burtenbach »samt vieh und Haußrath« ab.

Von da an führt Schertlin eine Art Doppelleben: Wenn er nicht im Felde ist, führt er in Burtenbach, das er selbst verwaltet, das Dasein eines Landadeligen, versucht die längst untergegangene ritterliche Welt wieder aufleben zu lassen und errichtet ein standesgemäßes Schloss mit damals bereits militärisch völlig überflüssigem Burggraben.

Ganz besonders liegt Schertlin aber die Burtenbacher Kirche am Herzen, die er grundlegend erneuert und mit Türmen versieht. Auch in der Innenausstattung der Kirche setzt der Landsknechts-Obrist ganz eigene Akzente: Hinter dem Altar lässt er ein Monumentalgemälde anbringen, auf dem detailgetreu die Schlacht gegen die Türken von 1532 dargestellt ist.

1546 führt Schertlin die Reformation in seinem Besitz ein: »Uff Sonntag Judica hab ich das Papsttum zu Burttenbach beendet und einen christlichen Prädikanten aufgestellt.« Dieser erste evangelische Pfarrer war Hans Hilbert, den der Augsburger Rat Schertlin empfohlen hatte.

 

Antipäpstliches Graffito auf Deutsch in der Villa Farnesina in Rom (1528).
»1528 - was sol ich schreiben und nit lachen die La[nz]knecht habenn den babst lauffen machen« hat ein Witzbold nach dem »Sacco di Roma« auf ein Fresko in der Villa Farnesina im römischen Trastevere gekritzelt.

Schertlin folgt Beispiel der freien Reichsstadt Augsburg

Bei seinem Eintreten für die Reformation dürfte Schertlin nicht nur dem Beispiel der freien Reichsstadt Augsburg gefolgt sein, für die er mittlerweile zum »Feldhauptmann« auf Lebenszeit geworden war. Er handelt wohl auch aus eigener Überzeugung: Wie seine »Lebensbeschreibungen« zeigen, hat er die auf den Reichstagen zunehmend kontrovers diskutierten Religionsfragen zumindest mit Interesse verfolgt.

Sein Engagement für die Reformation endet für Schertlin mit einem persönlichen Fiasko. Im »Schmalkaldischen Krieg« kämpft er auf der Seite der Protestanten. Nach der Niederlage trifft ihn der ganze Zorn des Kaisers: Schertlin wird geächtet, sein gesamtes Hab und Gut konfisziert.

Schertlin bleibt nur die Flucht. Zusammen mit seiner Familie und einer mit 40.000 Gulden prall gefüllten Reisekasse geht er über Konstanz nach Basel. Erst nach langwierigen Vermittlungen einflussreicher Freunde lenkt der Kaiser 1553 ein und nimmt Schertlin »wiederum in Gnaden« auf.

Die jahrzehntelangen Entbehrungen im Feld sind an Schertlin nicht spurlos vorübergegangen. 1566 setzt er sich im Alter von 72 Jahren zur Ruhe und verbringt den Rest seines Lebens abwechselnd in Burtenbach und in seinem Augsburger Stadthaus, in dem er 1578 nach einem Schlaganfall im Alter von 82 Jahren stirbt.

Schertlin wird in der Burtenbacher Kirche neben seiner Frau bestattet, die er lange überlebt hat. Er sei ein »hervorragender Held« und ein »hochherziger Feldherr« gewesen, ließ Schertlin lateinisch auf seine Grabplatte schreiben.

Der Name Schertlins lebt in Burtenbach bis heute weiter und ist vor allem mit dem sozialen Engagement der Kirche verknüpft. Im ehemaligen Amtshaus Schertlins richtete 1895 der damalige Ortspfarrer Zech eine »Mädchen-Erziehungsanstalt« ein, danach beherbergte das Gebäude einen Kindergarten. Ab 1939 zog eine nationalsozialistische »Landfrauenschule« ein. Im Jahr 1948 übernahmen dann die Rummelsberger Anstalten das »Schertlin-Haus«. Und auch ein 1970 gebautes, modernes diakonisches Senioren- und Pflegeheim trägt den Namen das Landsknechts-Obristen und Reformators.

 

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