Verloren in der Männerwelt

Im Mittelalter lag die Bestimmung der Frau darin, Haus- und Kindsmutter zu sein, deren »größte Ehre« es war, »dass wir durch … (sie) geboren werden«.
Caritas Pirckheimer
Caritas Pirckheimer, Porträt im Stile Albrecht Dürers, 20. Jahrhundert.

Sie schauen majestätisch-huldvoll oder demütig-bescheiden, manche auch selbstbewusst: Frauen des 16. Jahrhunderts, die uns Maler wie Lucas Cranach d. Ä. in ihren Bildern bis heute lebendig erhalten haben. Doch über ihr Leben, ihre Wünsche und Träume wissen wir kaum etwas. Wie sah ihre Realität aus? Welche Gestaltungsmöglichkeiten hatten sie in einer Zeit, in der alles in Bewegung geraten war – und am Ende vieles doch blieb, wie es immer schon war?

Auch im 16. Jahrhundert noch prägten frühmittelalterliche Vorstellungen der Kirche das Frauenbild: Entweder war die Frau der Sündhaftigkeit Evas verfallen oder sie strebte nach der Jungfräulichkeit Marias; die eine des Teufels Werk, die andere erstrebenswertes Ideal der Kirche. Dieses jahrhundertelang propagierte Bild wurde zwar durch die Reformation – insbesondere durch die von Luther propagierte Gleichstellung von Mann und Frau vor Gott und die Aufwertung der verheirateten Frau und Mutter – aufgebrochen, veränderte aber die rechtliche und soziale Stellung der Frau kaum.

»Die größte Ehre, dass wir durch sie geboren werden«

Denn auch die Reformatoren sahen die Bestimmung der Frau vornehmlich darin, Haus- und Kindsmutter zu sein, deren »größte Ehre« es war, »dass wir durch … (sie) geboren werden«. Die meisten Frauen fanden sich mit dieser Rolle nicht nur ab, sondern machten sie auch zu ihrem Lebensinhalt, wie Katharina Jonas, die Frau des Luthermitarbeiters Justus Jonas. Noch auf dem Sterbebett, sie hatte gerade ihr 13. Kind geboren, bat sie ihren Mann um Verzeihung, weil sie ihm kein weiteres Kind schenken würde.

TOD UND GEBURT gehörten in jener Zeit fest zusammen. Etwa jedes dritte Neugeborene erreichte das Erwachsenenalter nicht, etwa zehn Prozent der Frauen starben bei oder unmittelbar nach der Geburt. Epidemien, chronische Unterernährung, mangelnde Hygiene und schlechte medizinische Bedingungen waren oft der Grund. So betrug das Durchschnittsalter der Frauen nur 30 bis 38, während die Männer etwa 55 Jahre erreichten.

Nicht selten wurden die Frauen jedes zweite Jahr schwanger, Empfängnisverhütung war ihnen weitgehend fremd. Beispielsweise brachte Albrecht Dürers d. Ä. Frau Barbara innerhalb von 24 Jahren 18 Kinder zur Welt. Als ihr Mann starb, lebten davon noch drei. Doch Klagen dieser Frauen sind nicht überliefert, wie es überhaupt nur wenige Quellen über ihr Leben gibt. Frauen waren einfach zu unbedeutend, als dass man ihr Leben schriftlich festhielt und ihnen damit mehr Aufmerksamkeit zukommen ließ, als ihnen gebührte.

Keine Anerkennung für die Mutter

Die Welt des 16. Jahrhunderts, auch die Zeit der Reformation, war eine von Männern und für Männer bestimmte Welt. Für die Frauen, deren Leben in jedem sozialen Stand alles andere als einfach war, blieb kein Raum. Folgerichtig stellte auch Luther fest: »Alles, was ich bin und habe, verdanke ich meinem Vater.« Nirgends findet sich ein Wort der Anerkennung für die Mutter. Und wenn deren berühmter Sohn einmal bekannte: »Das ist wunderlicher, dass ich, der ich … mich so unter Frauen mische, nicht schon längst eine Frau geworden bin«, konnte das nur ein Scherz sein. Als Frau hätte wohl auch Luther damals nicht leben wollen.

EINE EHE – die Braut war mitunter kaum älter als 14 oder 15 Jahre – entsprang zu jener Zeit in allen sozialen Schichten in erster Linie rationalem Kalkül. Waren es in adligen Kreisen politische Konstellationen und Besitz, so bestimmten im Bürgertum und Bauernstand adäquates Vermögen und Beruf, mitunter auch persönliche Eignung die Auswahl des Ehemanns.

So vermählte der Goldschmiedemeister Hieronymus Holper aus Nürnberg die 15-jährige Tochter  Barbara mit seinem damals 40-jährigen Gesellen Albrecht Dürer d. Ä. Dieser sicherte sich damit den für seinen Erfolg notwendigen Meistertitel und Holper bekam einen würdigen Nachfolger. Wie die Frau darüber dachte, interessierte niemanden. Auch Liebe spielte keine Rolle, obgleich sie sich, wie
bei Dürer und Barbara oder Luther und seiner Käthe, durchaus einstellen konnte.

»Gebildet zu sein, das ist nicht weiblich«

Wollten die geliebten Frauen aber mehr als nur Kinder gebären und den Haushalt versorgen, so hielt der Mann dagegen. Klugheit stehe einer Frau »übel« an, oder, wie es Erasmus von Rotterdam in einer Satire formulierte: »Zum Ochsen schickt sich kein Sattel und zu einer Frau keine Bücher … Gebildet zu sein, das ist nicht weiblich.«

Dennoch gab es für Mädchen nicht nur in Klosterschulen die Möglichkeit, Bildung zu erwerben. In entwickelten Städten wie Nürnberg oder Zwickau wurden schon im 15. Jahrhundert niedere Schulen für Knaben und Mädchen eingerichtet. Weil dies jedoch die Ausnahme war, forderte Luther in seiner Schrift »An die Ratsherren aller Städte deutschen Landes«, Knaben und Mädchen den Besuch einer städtischen Schule zu ermöglichen, damit sie Lesen, Schreiben, Musizieren, ein wenig Mathematik und Geschichte lernten.

Trotz aller Einschränkungen gab es aber immer wieder Frauen, die sich selbstbewusst ihren Platz in der Gesellschaft erobert hatten. Sie waren nicht nur als Hausfrau und Mutter anerkannt, sie leiteten darüber hinaus oft große Hauswirtschaften oder führten selbstständig Geschäfte und
betrieben Handwerke. Manche arbeiteten in städtischem Dienst als Hirtinnen oder Schreiberinnen, Hebammen und Heilkundige, manche auch als Dirnen.

Mutige Frauen gab es überall

PROSTITUTION war seinerzeit ein legitimes Gewerbe, das vor allem bei Reichstagen und anderen Zusammenkünften von Männern gefragt war. Auch wenn das Regieren üblicherweise Männersache war, fanden sich selbst in höchsten Kreisen politisch autonome Frauen wie Herzogin Elisabeth von Braunschweig-Lüneburg, die »Mutter der Reformation«.

Es gab überaus gebildete Nonnen, wie die Klarissin und Humanistin Caritas Pirckheimer, »ein unverschämt gelehrtes Weibsbild«, wie Andreas Osiander, der Reformator Nürnbergs, anerkennen musste, die selbstbewusst und erfolgreich mit Gelehrten wie Philipp Melanchthon disputierte – etwa über das Recht der Frauen, ihr Lebensideal der jungfräulichen Mariennachfolge weiterhin im Kloster zu verwirklichen.

AUCH IN LUTHERS UMFELD begegnen selbstständige Frauen, die sich neben den Männern behaupteten, wie Katharina von Bora oder die ehemalige Nonne Magdalena von Staupitz, Leiterin der ersten Mädchenschule Mitteldeutschlands. Mutige Frauen gab es überall, beispielsweise Argula von Stauff, verheiratete Grumbach, in Bayern.

»Die Welt kann die Frauen nicht entbehren«

Für ihre Gegner war sie »ein geborener Lutherischer Hurensack und ein Tor zur Hölle«, für Luther »ein einzigartiges Werkzeug Christi«. Die Adlige war Hausfrau und Mutter, verfasste aber auch reformatorische Schriften und machte Luthers Ideen publik. Sie forderte die katholische Männerwelt in Bayern heraus, indem sie nicht nur auf die Gleichstellung von Mann und Frau vor Gott verwies, sondern darüber auch öffentlich disputieren wollte. Damit war sie nicht allein.

Überall fanden sich Frauen, die sich über ihre traditionell vorgegebene Rolle hinaus in das gesellschaftliche und religiöse Leben einbrachten. Lucas Cranach spiegelt diese neue Situation auf dem bekannten Reformationsaltar der Wittenberger Stadtkirche wider: Die Predella zeigt nämlich nicht nur die Kirchengemeinde Luthers mit bekannten männlichen »Gesichtern«, sondern sie stellt auch die Frauen als eine besondere Gruppe in den Vordergrund.

Man kann diese exponierte Anordnung als Zeichen der Wertschätzung interpretieren. Selbst Luther musste einmal zugeben: »Stellt euch vor, es gäbe das weibliche Geschlecht nicht. Das Haus und was zum Haushalt gehört, würde zusammenstürzen, die Staaten und die Gemeinden… Die Welt kann die Frauen nicht entbehren, selbst wenn die Männer allein die Kinder bekämen!«

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Sonntagsblatt