02.08.2017
Sonntagsblatt-Sprechstunde

Beten lernen

Herr S. ist in der DDR groß geworden, in einem vollkommen areligiösen Elternhaus. Seit einigen Jahren spürt er ein zunehmendes Interesse am christlichen Glauben. Gerne würde er für sich beim Gebet weiterkommen. Aber wo, aber wie, aber was?

Ich bin im Sozialismus groß geworden. In einem Elternhaus, das nicht antireligiös war, aber vollkommen areligiös. Religion, Spiritualität, Kirche, Bibel – das alles war mir völlig fremd und unvertraut. Ich habe auch nie etwas vermisst. Zwar: Der platte und primitive Atheismus mancher Genossen störte mich sehr. Einfach weil er mir niveaulos vorkam. Aber nie ging es so weit, dass es mich selbst gereizt hätte, dieses »Opium des Volkes«, wie Karl Marx die Religion nannte, näher kennenzulernen.

Seit einigen Jahren nun erlebe ich ein Defizit, spüre ein zunehmendes Interesse und ein Stück Neugierde. Das geht eher in Tippelschritten, und das ist schon gut so. Am meisten würde ich gern beim Gebet weiterkommen. Aber wo, aber wie, aber was?

Die Gebete im Gottesdienst, ja, ich besuche gelegentlich die Kirche, rauschen an mir vorbei. Sie sind mir zu formelhaft, zu weit weg. Die Fürbitten erreichen mich vor allem dann nicht, wenn sie Zeitungsberichten ähneln. Sie sehen, ich bin auf dem Stand eines Kindes. Am meisten noch kann ich mit dem Vaterunser anfangen, das ich gerade auswendig zu lernen versuche. Nicht ganz einfach! Ansonsten ist vieles unbeholfen und wenig elegant.

Herr S.

Ich erzähle Ihnen als Erstes eine Geschichte. Auch eine Kindergeschichte. Auch sie zeugt von Unbeholfenheit und ist doch nicht ohne Eleganz:

Einige Juden beten in der Synagoge. Da dringt von außen die Stimme eines Kindes herein: »A, B, C, D.« Die frommen Beter versuchen sich auf die Heilige Schrift zu konzentrieren, aber da ist immer wieder diese Kinderstimme »A, B, C, D«. Schließlich unterbrechen sie ihre Andacht, gehen vor die Tür und blicken um sich. Sie sehen einen kleinen Jungen, ganz vertieft in seinen Gesang »A, B, C, D«. Der Rabbiner fragt den Buben: »Was machst du da? Warum tust du das?« Der antwortet: »Ich habe nie gelernt zu beten. Aber ich kann das Alphabet und so hoffe ich, dass Gott meine Buchstaben benutzen wird, um daraus die richtigen Worte zu bilden.«

Soweit diese kleine Begebenheit, die Sie bitte als Mutmachgeschichte verstehen möchten. Es ist in Ordnung zu suchen, zu zweifeln, zu prüfen oder ganz einfach Buchstaben aneinanderzureihen.

Dabei habe ich den Eindruck, dass Sie auf einem guten Weg sind. Dazu gehört Ihr biografischer Rückblick, offen und prägnant, aber ohne Groll und ohne Bitterkeit. Dazu gehören die Gelassenheit und der Humor im Umgang mit allzu schlichten Genossen. Dazu gehört vor allem, wie Sie sich um das Vaterunser mühen. Auch für mich ist das Gebet Jesu das wichtigste Gebet. In seiner Schönheit und Einfachheit und Tiefe. Es sind Worte, die gut sind, auch gut zu uns selbst.

Sie lernen sie gerade auswendig, und ich weiß, was Auswendiglernen bedeutet, wenn man älter ist. Es braucht seine Zeit. Oft gelingen nur Tippelschritte, aber auch so kommt man voran. Im Englischen heißt Auswendiglernen übrigens »learning by heart«, mit dem Herzen lernen. Ich wünsche Ihnen sehr, dass Sie sich mit dem Vaterunser ein Gebet erschließen, das seinen Platz in Ihrem Herzen bekommen wird. Ja, dass Sie vielleicht eines Tages einmal sagen können, dass Gott in Ihrem Herzen wohnt.

 

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