»Ja, mir san mit’n Radl da«

»Du kannst nicht Fahrrad fahren? Das gibt es doch gar nicht!« Diesen Spruch will sich Herr L. ersparen: Er schämt sich zuzugeben, dass er nicht Radfahren kann.

 

 

Ich bin in einem christlichen Elternhaus aufgewachsen, geliebt und geborgen, aber gleichzeitig überbehütet. Ständig passten Papa und Mama auf, dass mir ja nichts passieren würde. Das hat dazu geführt, dass ich wirklich vor größeren Blessuren bewahrt blieb. Aber auch dazu, dass aus mir ein ängstlicher Mensch geworden ist. Ich überlege, ob ich nicht eine Therapie machen soll.

So manche Dinge, die andere Kinder selbstverständlich und im Vorübergehen gelernt haben, sind mir versagt geblieben. So kann ich, obwohl ich schon auf die 40 zugehe, bis heute nicht richtig schwimmen.

Schlimmer noch, ich kann auch nicht Rad fahren. Zwar versuche ich es immer wieder im Selbsttraining, aber mit wenig Erfolg. Allzu schnell tasten meine Füße nach festem Halt, und ich habe eine große Angst, dass ich falle und mich verletze. Das Ganze ist für mich mit Scham besetzt, und ich bin schon froh, es mir einmal von der Seele reden zu können.

Mir ist das alles sehr peinlich. Zumal heute so viel vom Radln geredet wird und so oft, mit Recht, dazu ermutigt wird, aufs Rad umzusteigen. Ich höre ein unschuldiges Lied im Radio wie »Ja, mir san mit’n Radl da«, und es versetzt mir einen Stich.

Herr L.

 

Ja, ich kenne das Liedchen der Wachauer Buam. Leicht und ausgelassen kommt es daher. Wenn es etwa in der letzten Strophe heißt: »Ja, mir san mit’n Radl da! / Salz und Pfeffer, Paprika / helfen bei Malaria, / Ja, mir san mit’n Radl da.« Lustig, aber Ihnen ist dabei nicht nach Lachen zumute.

Nun gibt es eine gute Nachricht! Sie sind nicht allein, und weil das so ist, gibt es entsprechende Angebote für »Spätberufene«. Ich weiß z. B. vom Allgemeinen Deutschen Fahrradclub (ADFC), dass er regelmäßig Kurse für Anfänger anbietet. So ein Kurs, aber das finden Sie leicht heraus, soll an vier oder fünf Samstagvormittagen stattfinden. Auf einem großen Parkplatz am Rande der Stadt und geschützt vor den Blicken neugieriger Mitbürger.

Das Ganze ist behutsam aufgebaut. Man beginnt etwa mit einem Tretroller. Dann geht es langsam weiter. Man lernt richtig zu bremsen, zu schalten und vor allem natürlich zu lenken. Da der Kurs in kleinen Gruppen stattfindet, gibt es jederzeit Tipps und guten Rat, mit viel Humor gewürzt. So baut sich das nötige Selbstbewusstsein auf, und die Sicherheit wächst.

Sie schreiben, dass Sie sich auch mit dem Gedanken an eine Therapie tragen. Das wäre ein anderer Zugang. Sicherlich nicht verkehrt. Ganz und gar nicht. Auf der anderen Seite ist ein Fahrradkurs viel weniger aufwendig, und vielleicht – wer weiß? – öffnen sich auch ganz andere Türen, wenn Sie einmal so ein kleines/großes Erfolgserlebnis genossen haben.

Übrigens: Von dem bekannten Liederdichter Paul Gerhardt (1607-1676) gibt es einen wunderschönen Choral. Als junge Theologiestudenten haben wir ihn frech das Radfahrerlied (»treten«) genannt. Hier ist die erste Strophe. Eine treffliche Ergänzung zu den Wachauer Buam. Ich schreibe sie Ihnen auf mit guten Wünschen rundum, auch weit über das Radln hinaus: »Nun lasst uns gehen und treten / mit Singen und mit Beten / zum Herrn, der unserm Leben / bis hierher Kraft gegeben.«

 

 

 

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